Italianità – Die italienische Lebensfreude rückt näher

Redaktor Markus Zwyssig konnte hautnah die Vor- und Nachteile einer Fahrt mit dem Giruno ins Tessin erleben. In seiner Kolumne berichtet er von dieser Erfahrung. 

Markus Zwyssig
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Markus Zwyssig

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Für die Fahrt mit dem Giruno Uri konnten auch wir uns Tickets ergattern. So durften wir am vergangenen Samstag gratis und franko mit dem neusten Zug der SBB nach Bellinzona reisen. Die Fahrt ist sehr angenehm. Obwohl voll besetzt, ist es im Zug ruhig. Selbst in voller Fahrt rüttelt es kaum. Die Sitze sind zwar etwas hart, dafür überzeugen die Kopfstützen und die Beinfreiheit. Auf Schnickschnack wurde verzichtet, dafür hat es viel Platz im Zug, auch für Gepäck, für Velos und für Kinderwagen. Unsere Kinder freuen sich über die Steckdose, die es bei jedem Sitz hat. Und auch der Handy-Empfang ist sehr gut. Aufpassen muss man aber, dass man beim Gang aufs WC nicht stolpert: Die hohe Stufe ist alles andere als ideal. Und da ist noch das nervige Piepsen, das die Leute verursachen, die ein- und aussteigen. Aber offensichtlich wird beim Giruno die Sicherheit gross geschrieben.

Auf unserer Fahrt von Erstfeld nach Bellinzona machen die Mitarbeiter der SBB alles, um die Fahrgäste zu verwöhnen. Schon nach ein paar Minuten gibt es eine Überraschung: Die Mitarbeiter verteilen Papiersäcke mit einem Sandwich, einer Banane und mit Mineralwasser. Erstaunlich, wie kurz es auf der Fahrt von Uri ins Tessin dunkel ist. In nur 15 Minuten hat der Zug den Neat-Tunnel passiert. Durch den 57 Kilometer langen Tunnel fährt der Zug mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern. In Zukunft soll der Vorzeigezug der SBB vorerst hauptsächlich von Zürich nach Mailand unterwegs sein.

Im Giruno werden derweil Flyer verteilt, was man in Bellinzona alles unternehmen kann. Die meisten Menschen zieht es offensichtlich in Richtung Altstadt. Die Besucher haben Glück, sie schaffen es an den samstäglichen Markt. Auch wenn die einen Händler bereits einpacken, kann man sich noch genügend Waren kaufen. Auch wir schauen uns interessiert die Auslagen an. Beim Reis bleiben wir stehen. Ein Bioprodukt aus der Umgebung sticht uns ins Auge. Damit könne man das beste Risotto machen, versichert uns die Händlerin. Nur über den Preis stolpern wir: 8 Franken kostet ein Pack. Trotzdem kaufen wir und wollen das Produkt bei nächster Gelegenheit zu Hause ausprobieren.

Bei derart guten Zugverbindungen rücken Uri und das Tessin näher zusammen. In Bellinzona spürt man Italianità – die italienische Lebensfreude. Überall sitzen Leute im Freien und schwatzen angeregt miteinander. Der Besuch auf dem Markt macht Spass und es bleibt noch Zeit für eine Pizza. Früher dauerte die Fahrt mit dem Zug deutlich länger. Das wird uns bei der Rückfahrt bewusst. Der Giruno bewältigt die Rückfahrt von Bellinzona nach Erstfeld auf der Bergstrecke. Langweilig wird es uns aber auch da nicht. Die Mitarbeiter der SBB verteilen Kugelschreiber und besondere Karten zur Fahrt mit dem Giruno. Und zum Knabbern gibt es noch ein «Uristier»-Gebäck. Die Vertreter vom SBB Historic Team Erstfeld erzählen viel Wissenswertes über die Bahnstrecke im Obertessin und im Urner Oberland. Eine solche Fahrt, auf der man die Kirche von Wassen gleich dreimal sieht, ist nach wie vor ein Erlebnis.

Die kurze Fahrtzeit durch den Neat-Tunnel ins Tessin hat aber auch ihren Reiz. Pendeln nach Bellinzona wäre dank Intercity-Halten in Uri durchaus möglich. Für mich aber wird eine Arbeitsstelle im Tessin wohl nicht so schnell zum Thema. Mit dem Früh­italienisch unserer Kinder kann ich zwar noch mithalten, aber viel weiter reicht es bei mir nicht. Da schreibe ich meine Texte doch lieber auch in Zukunft auf Deutsch.

Für einen Städtebummel nach Bellinzona, Lugano oder Locarno zu reisen, geht jetzt viel schneller als früher. Und wer weiss, vielleicht ist das Tessiner Risotto ja wirklich dank der Intercity-Halte in Uri bald schon wieder eine Reise in den Süden wert.