JUBILÄUM: «Uristier» feiert Geburtstag

Heute vor 60 Jahren haben die SBB die Ae 6/6 «Uri» von den Erbauern übernommen – ein Blick in die Geschichte dieses legendären Lokomotivtyps.

Carl Waldis
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Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)

Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)

Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)

Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)

Mitte der 1940er-Jahre fällte der SBB-Verwaltungsrat den strategischen Entscheid, die Gotthardbahn umfassend zu sanieren und deren Betrieb zu beschleunigen. Damit drängte sich auch der Bau einer leistungsfähigeren Lokomotive für den Gotthard auf. Untersuchungen führten 1949 bei den SBB zur Überzeugung, dass diese zukünftige Lokomotive universal einsetzbar sein müsste. Personen- und Güterzüge sollten fortan am Gotthard gleich schnell unterwegs sein. Dafür wurden sechs Triebachsen mit einer Achslast von 20 Tonnen zur Erbringung der hohen Leistung als erforderlich angesehen. Da es die Technik des Lokomotivbaus inzwischen ermöglichte, laufachslose Drehgestell-Lokomotiven zu bauen, entschlossen sich die SBB zum Bau einer Einheitsmaschine mit zwei dreiachsigen Drehgestellen.

Auch im Sitzen bedient

1952 gingen die beiden Prototypen bei der Schweizerischen Lokomotiv-Industrie in Bau. Die erste Lokomotive (11401 «Ticino») verliess Anfang September 1952 die Produktionsstätten und wurde am 26. September 1952 von den SBB abgenommen. Die 11402 («Uri») verliess das Werk Anfang Januar 1953 und wurde genau heute vor 60 Jahren, am 31. Januar 1953, von den SBB übernommen. Sofort kamen beide Lokomotiven an den Gotthard und wurden ausgiebig getestet. Die Stundenleistung der beiden Prototypen (6000 PS) ermöglichte es, auf den Gotthardrampen Züge von 650 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von 75 km/h zu ziehen. Auf den Talstrecken konnte das Zuggewicht auf 1600 Tonnen gesteigert werden. Als erste SBB-Lok konnte die Ae 6/6 nicht nur im Stehen, sondern auch im Sitzen bedient werden.

Loks mit Urner Gemeindenamen

Mit der Ae-6/6-Serie kehrten die SBB zur Gewohnheit zurück, Lokomotiven mit Namen zu versehen. Die ersten 25 Maschinen erhielten eine Chromverzierung und wurden auf die Namen der Kantone getauft. Die restlichen Maschinen, ohne Verzierung, erhielten die Namen von Ortschaften, die eine wichtige Beziehung zur Eisenbahn hatten. So gab es für die Urner eine Lok «Flüelen», «Erstfeld» und «Göschenen». Die Maschinen wiesen anfänglich alle die Anschriften SBB und FFS auf, in der Annahme, sie würden ausschliesslich im Nord-Süd-Verkehr am Gotthard eingesetzt. Später erhielten die Maschinen mit Namen aus der Romandie die Anschriften SBB und CFF. Nach der Auswertung der entsprechenden Testerkenntnisse wurden in der Folge weitere Loks bestellt, sodass diese Serie bis zum Jahr 1966 die stattliche Zahl von 120 Maschinen erreichte. Im Jahr 2000 wurden die Ae 6/6 SBB Cargo zugeteilt. In der Folge wurden diese vermehrt vom Gotthard ins Flachland abgezogen. Im Herbst 2004 wurden durch SBB Cargo vermehrt Ae 6/6 ausser Dienst gestellt.

Da Eisenbahnfreunde vermuteten, die in Biasca abgestellten Loks würden verschrottet, entwendeten sie von einigen Maschinen Wappen und Anschriften. In einer Nachtaktion entfernten SBB-Mitarbeiter daraufhin sofort an allen Ae 6/6 die Wappen. Kurz darauf informierte SBB Cargo, dass achtzig der noch vorhandenen 119 Ae 6/6 einem Erneuerungsprogramm unterzogen würden. Im September 2006 tauchten erste Bilder einer erneuerten Ae 6/6 im blau-roten Cargo-Design auf. Die kurz darauf ebenfalls in Bellinzona revidierte Lok «Erstfeld» wurde im November zur Gotthard-Raststätte gebracht, wo sie in der Aktion «Auto-Bahn» fast ein Jahr lang auf das Gotthardbahn-Jubiläum 2007 hinwies.

Die Realität holte die Pläne von SBB Cargo ein. Das Erneuerungsprogramm wurde bereits nach wenigen Maschinen gestoppt, und die Ausmusterung der Ae 6/6 begann. Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2012 sind die Ae 6/6 nicht mehr im Planeinsatz. Laufend werden weitere Ae 6/6 der Verschrottung zugeführt. Schon bald wird diese Lokomotivserie Geschichte sein.

Taufe fand in Altdorf statt

Am Mittwoch, 23. September 1953, fand im Bahnhof Altdorf die feierliche Taufe der Ae 6/6 11402 auf den Namen «Uri» statt. Auch wir Schüler von Altdorf waren zur Feier eingeladen. Die Bevölkerung des Kantons Uri erwies der neuen Lok mit einer grossen Präsenz ihre Reverenz. Bei brütender Mittagshitze durften wir uns aus weiter Ferne die Lobreden der Honoratioren auf die neue Maschine anhören. Wie gerne hätten wir Buben uns stattdessen die Maschine näher angeschaut, wenn möglich von innen. Und wie haben wir die Schülerinnen und Schüler der 6. und 7. Klassen beneidet, die anschliessend mit dem Zug, gezogen von der neuen Lok, eine Fahrt ins Tessin machen durften. In der Folge wurde die liebevoll auch «Uristier» benannte Lok dem Depot Erstfeld zugeteilt. Von hier aus leistete die Lok jahrelang treu ihre Arbeit im schweren Bergdienst.

Da die beiden Prototypen schwächer waren als ihre «Kolleginnen», wurden sie schliesslich ins Flachland versetzt. Der «Uristier» wurde offiziell ein Zürcher. Zu dieser Zeit erhielt er auch ein rotes Farbkleid. Kaum mehr planmässig eingesetzt, kehrte die «Uri» Anfang Oktober 2003 zu ihrem 50. Geburtstag zu einem Depotfest in die alte Heimat Erstfeld zurück. Im selben Monat wurde die «Uristier» zur ersten historischen Ae 6/6 ernannt und an SBB Historic übergeben. Sie verliess Erstfeld für eine Revision im Industriewerk Biel.

«Uristier» in Erstfeld aufgearbeitet

Jetzt wurde es still um die Lok. Anfang August 2006 stellte sich heraus, dass die «Uri» in Biel nicht revidiert, sondern abgestellt und als Ersatzteilspender benutzt worden war. SBB Historic reagierte umgehend. Ende September wurde die «Uri» ins Depot Erstfeld geschleppt, wo sich eine kleine Gruppe des Historic-Teams an die Rekonstruktion und die Aufarbeitung der «Uristier» machte. Das Ziel war, die Lokomotive für das Jubiläum 125 Jahre Gotthardbahn im Jahr 2007 wieder fahrbar zu machen. Der Lokkasten wurde von Rost befreit, aufgearbeitet und wieder mit der ursprünglichen grünen Farbe gestrichen. Das Innere wurde einer Grossreinigung unterzogen, die gesamte Technik kontrolliert und revidiert. Anfang April 2006 erhielt die «Uristier» ihre Wappen und Anschriften wieder. Ende April wurde dann die «Uristier» anlässlich der Jahrespressekonferenz von SBB Historic in Göschenen den Medienvertretern präsentiert. Dank der fürsorglichen Pflege durch das Historic-Team Erstfeld ist die Ae 6/6 11402 in einem guten Zustand und kommt immer wieder sporadisch vor Extrazügen zum Einsatz.

Die «Kollegin» der «Uri», die 11401 «Ticino», hatte übrigens weniger Glück. Wegen eines grösseren Defekts war an eine Fahrbarmachung nicht zu denken. Die ebenfalls im Besitz von SBB Historic stehende Maschine wurde 2010 äusserlich aufgearbeitet und ging als Dauerleihgabe an die Schienenverkehrsgesellschaft Stuttgart.

Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)

Im Frühjahr 2007 steht die «Uristier» frisch revidiert und bereit für die Jubiläumsfahrten neben dem Depot Erstfeld. (Bild: Archiv Carl Waldis)