JUSTIZ: Erstfelder Barbetreiber zurück vor dem Gericht

Der Erstfelder Barbetreiber Ignaz Walker steht ab Montag erneut vor dem Urner Obergericht. Bei der Neuauflage des Berufungsprozesses müssen die Richter eine strittige DNS-Spur ausser Acht lassen.

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In Erstfeld wurden am 28. September drei Szenarien der Tatnacht nachgestellt. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

In Erstfeld wurden am 28. September drei Szenarien der Tatnacht nachgestellt. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Der heute 47-jährige Erstfelder Ignaz Walker soll laut Anklage im Januar 2010 ausserhalb seines Lokals nach einem Streit auf einen holländischen Gast geschossen haben. Zehn Monate später soll er einen Kroaten mit der Ermordung seiner von ihm getrennten Ehefrau beauftragt haben. Diese wurde auf dem Heimweg durch drei Schüsse lebensgefährlich verletzt.

In beiden Fällen wurde dieselbe Pistole verwendet. Kurz nach den Schüssen auf die Frau verhaftete die Polizei den Barbetreiber. Einen Monat später wurde der mutmassliche Auftragskiller in einer Wohnung festgenommen. Im Keller fanden die Ermittler die Tatwaffe.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Cabaret-Betreiber anhand von Indizien im Falle der Schüsse auf den Gast versuchte vorsätzliche Tötung, im Falle der Schüsse auf die Gattin Mordversuch in Mittäterschaft vor. Der Beschuldigte beteuerte stets seine Unschuld.

Schütze im Gefängnis

Im Oktober 2012 verurteilte das Urner Landgericht den Barbetreiber sowie den Komplizen unter anderem wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft zu Freiheitsstrafen von zehn respektive achteinhalb Jahren. Als Tatmotive sah das Gericht beim Barbetreiber einen Sorgerechtsstreit und ein mögliches Erbe. Dem Komplizen, der Schulden gehabt habe, sei es ums Geld gegangen.

Während der Komplize das Urteil akzeptierte, legte der Barbetreiber Berufung ein. Im Herbst 2013 erhöhte das Obergericht die Freiheitsstrafe auf 15 Jahre. Das Bundesgericht hiess im Dezember 2014 eine Beschwerde gegen dieses Urteil in zwei Punkten gut, die die Schussabgabe auf den Gast betreffen, und wies den gesamten Fall ans Obergericht zurück.

Die Lausanner Richtern untersagten dem Urner Obergericht, bei der Neubeurteilung eine DNS-Spur des Wirts auf einer Patronenhülse als Indiz zu verwenden. Es bestehe erhebliche Unsicherheit, wann und wie das Erbgut auf die Hülse gelangt sei. Zudem musste das Obergericht weitere Anstrengungen unternehmen, um den holländischen Gast als Hauptbelastungszeugen ausfindig zu machen. Die Suche blieb bislang erfolglos.

Erneut vor Gericht aussagen sollen der verurteilte Schütze sowie die Ex-Frau des Beschuldigten. Der Prozess dauert gemäss Obergericht maximal acht Tage und erstreckt sich vom 19. Oktober bis zum 3. November.

TV-Berichte streuen Zweifel

Der Prozess gegen den Erstfelder Barbetreiber zählt zu den brisantesten Gerichtsfällen der letzten Jahrzehnte in Uri. Er entwickelte sich wegen des mutmasslich befangenen leitenden Spurenermittlers zur Justizaffäre, in die auch der Landrat eingriff.

Die Prozessakten wuchsen auf über 9000 Seiten. Verschiedene Gerichte mussten sich bereits Dutzende Male mit dem Fall befassen. Vor wenigen Wochen liess das Obergericht den mutmasslichen Mordanschlag auf die Frau mit echten Schüssen rekonstruieren.

Der Kriminalfall steht seit einem Jahr unter besonderer medialer Beobachtung. Berichte der SRF-Sendung "Rundschau" streuten Zweifel an der von der Staatsanwaltschaft vorgebrachten Version der Ereignisse.

Mehrere Medien zogen nach und zitieren teilweise aus den Untersuchungsakten sowie Aussagen des Anwalts zu angeblichen Ungereimtheiten in dem Fall. Die Staatsanwaltschaft als Gegenseite legte ihre Position in der Öffentlichkeit mit Verweis auf das laufende Verfahren bislang kaum erneut dar.

Angebliches Komplott

Im Mai 2015 nährte ein TV-Interview aus dem Gefängnis mit dem Auftragsschützen eine bereits früher geäusserte These des Verteidigers. Der Verurteilte sagte der "Rundschau", nicht der Barbetreiber sei für den Anschlag verantwortlich, sondern die Frau selbst und ihr Freund. Die beiden hätten mit einem fingierten Tötungsversuch den Barbetreiber ins Gefängnis bringen wollen.

Die Schüsse sollen von einer weiteren Person abgefeuert worden sein. Wer dieser Täter sein soll, wurde im Fernsehbeitrag nicht publik gemacht, und das Fernsehen SRF weigert sich, den Namen der Justiz zu nennen. Wegen den Aussagen des verurteilten Auftragsmörders eröffnete die Urner Justiz im Sommer ein zweites Strafverfahren. (sda)