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KABARETT: «Etwas Mediengeileres als mich gibt es fast nicht»

Michael Elsener gastiert am 3. Dezember in Altdorf. Den Kanton Uri kennt er aus unterschiedlichen Perspektiven. Er war beim Felssturz in Gurtnellen und beim Besuch von Medwedew dabei. Ans Baden im Seeli beim Gotthard-Hospiz hat er eine spezielle Erinnerung.
Markus.zwyssig@urnerzeitung.ch
Michael Elsener parodiert auf der Bühne hauptsächlich nach dem Lustprinzip. «Lachen demaskiert die Mächtigen», sagt er. (Bild: Roberto Conciatori)

Michael Elsener parodiert auf der Bühne hauptsächlich nach dem Lustprinzip. «Lachen demaskiert die Mächtigen», sagt er. (Bild: Roberto Conciatori)

Michael Elsener, sind Sie mediengeil?

Ja, natürlich. Ich bin auf Facebook und Twitter. Es gibt DVDs von mir. Jetzt machen wir dieses Interview. Etwas Mediengeileres als mich gibt es fast nicht. Auch wenn wir es nicht wollen, wir leben in einer krass medialisierten Gesellschaft. Man muss online sein, sonst ist man sozial tot.

Sie sorgen als Kabarettist für Schlagzeilen. Früher haben Sie als Journalist gearbeitet. Wie kam das?

Nach der Kanti zog es mich in den Journalismus. Ich habe für die «Zuger Zeitung» gearbeitet, danach beim «Regionaljournal Zentralschweiz». In dieser Zeit habe ich den Kanton Uri immer besser kennen gelernt. Wenn ich mit Kollegen spreche, dann hat Uri das Image eines kleinen, beschaulichen Kantons. In Uri geht aber manchmal echt die Post ab. Ich habe Uri kennen gelernt, wenn Ausnahmezustand herrschte.

Wann zum Beispiel?

Ich erinnere mich an den Felsen, der bei Gurtnellen auf die Autobahn donnerte und eine Galerie zerstörte. Da kamen Reporter von CNN und BBC, um den Fels und das Loch in der Galerie anzuschauen. Das hat mich sehr überrascht. Uri wurde schlagartig zum internationalen Medienereignis. Unvergesslich bleibt für mich auch Medwedew.

Was blieb Ihnen von diesem hohen Besuch haften?

Wir Journalisten wurden in Kleinbussen zur hoch gesicherten Teufelsbrücke und zum ­Suworow-Denkmal gefahren. Oben fuhren etwa 30 Autos in einer langen Kolonne vor. Irgendwo in der Mitte in einem Auto sass der russische Premierminister Medwedew. Etwas später weiter unten kam es nochmals zu einem kurzen Treffen. Ich sprach mit einem der Sicherheitsleute. Da gab es einen riesigen Tumult. Ich drehte mich um. Plötzlich stand ich direkt vor Medwedew. Er kam mir bis zur Brust. (lacht) Aber nicht lange. Ich wurde sehr unsanft aus der Situation entfernt.

Haben Sie auch persönliche Erinnerungen an Uri?

Letztes Jahr habe ich mit meinen Freunden eine Velotour gemacht. Wir fuhren nach Norditalien, um dort Ferien zu machen. Meine Bedingung war, dass wir unterwegs in jeden See baden gehen. Gestartet sind wir beim Zugersee. Dann badeten wir beim Pfäffikersee. In Brunnen hüpften wir in den Vierwaldstättersee. Ich vertrat die These, dass der Urner- see nochmals ein anderer See sei – damit wir in Flüelen nochmals reinspringen konnten. Beim Hospiz auf dem Gotthard hat es ebenfalls ein Seeli. Es war aber eine schlechte Idee, dort zu baden.

Weshalb?

Das Militär hat den See unterirdisch mit Stacheldraht gesichert. Wir kamen mit total verstochenen Füssen heraus. Ich bin natürlich froh, dass die Schweizer Armee auch Bergseeli derart stark schützt. Bei einem Angriff werden so bestimmt alle Soldaten, die in Stiefeln und Militärschuhen durch den See waten, am Passieren des Seelis gehindert.

Wo geht in Uri sonst noch die Post ab?

Kulturell läuft in Uri einiges. So war ich bei den Freilichtspielen in Andermatt. «D Tyyfelsbrigg» von Autorin Gisela Widmer habe ich gesehen. Das war grossartig. Ich finde es mystisch, wenn man nach Andermatt hochkommt. Oft erweckt das Urserntal einen unwirtlichen Eindruck. Es ist meist wolkenverhangen, und es bläst ein rauer Wind. Und auf der anderen Seite baut der Ägypter Samih Sawiris ein Ferienparadies. Das müssen echt hartgesottene Gäste aus dem Nahen oder Fernen Osten sein, die hierherkommen, um Ferien zu machen. Aber der Kontrast macht es auch spannend.

Wie meinen Sie das?

In Uri gibt es viele Gegensätze. Ich habe mit Bergbauern und Regierungsräten Interviews gemacht. Man kann in Abgeschiedenheit leben, und dann schaut plötzlich die ganze Welt hin. Das ist jetzt wieder der Fall mit der Neat-Eröffnung.

Apropos Neat-Eröffnung. Jetzt kann man bei der Fahrt mit dem Zug in den Süden noch das «Chileli» von Wassen bestaunen. Bald fahren die meisten Züge aber unten durch. Ist damit auch Emils legendäres Kabarettstück nur noch etwas für Nostalgiker?

Meine Kabarettnummern drehen sich um das, was jetzt passiert. In drei oder vier Jahren ist vieles bereits Schnee von gestern. Da ist es Emil hoch anzurechnen, dass er eine Nummer geschrieben hat, die Jahrzehnte überdauert hat. Erst jetzt mit der Neat wird ihr Symbol langsam aus dem kollektiven Erlebnis gestrichen. Emil hat auf die richtige Protagonistin gesetzt. Ich weiss nicht, wie lange meine Nummern von Johann Schneider-Ammann Bestand ­haben. (lacht)

Sie parodieren Roger Federer, Peach Weber, Bligg und Johann Schneider-Ammann. Wen spielen Sie am liebsten?

Momentan ist Johann Schneider-Ammann meine Lieblingsfigur. Da kann ich die wildesten Exkurse machen und improvisieren. Am besten geht es, wenn ich gar keine Rede aufschreibe. Das kommt von selbst über Assoziationen.

Wer ist am schwierigsten zu parodieren?

Wenn ich jemanden schwierig finde, dann mache ich den gar nicht. Ich parodiere nach dem Lustprinzip. Jemand freut mich oder nervt mich. Da kommt es wie von selbst, dass ich jemanden parodiere. Das hat in der Schule begonnen. Damals nervten mich gewisse Lehrer. Ich parodierte sie. Darüber zu lachen, war eine Art Ventil. Durch eine Parodie entsteht ein Gruppengefühl. Wenn wir lachen, verlieren die Mächtigeren etwas von ihrer Macht. Es demaskiert sie.

Was passiert, wenn das Lachen im Hals stecken bleibt?

Das passiert immer dann, wenn sich der Intellekt einschaltet. Dann denkt man, das ist vermutlich sozial nicht akzeptiert, über das darf ich nicht lachen. Ich finde aber, wenn die Haltung des Kabarettisten klar ist, dann kann man praktisch über alles lachen. Nach Donald Trumps Wahl war ich zuerst wie paralysiert beim Pointenschreiben. Das ging mir selbst zu nahe. Es geht erst jetzt wieder. Aber schlussendlich ist das Lachen für mich die einzige Art, wie ich Ereignisse, die mich beschäftigen, verdauen kann.

Gibt es für Sie auch Grenzen. Sagen Sie auch, darüber mache ich jetzt keine Witze?

Wenn jemand auf dem Boden liegt wie Gery Müller mit den Nackt-Selfies. Wenn ich da noch Pointen machen würde, dann wäre das stillos. Da parodiere ich lieber Menschen, die mehr Macht haben, oder ich lache über mich selber. Das gibt meist die besten Pointen.

Interview: Markus Zwyssig

Hinweis

Michael Elsener tritt am Samstag, 3. Dezember, um 20 Uhr im Rahmen der Altdorfer Dezembertage im Theater Uri auf.

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

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