KANDIDATUR: Russi will Urner Röhrenturbos bremsen

Annalise Russi möchte der gesamten Urner Bevölkerung im Nationalrat eine Stimme verleihen. Den Ausschlag für die Kandidatur der Grünen gab die CVP Uri.

Bruno Arnold
Merken
Drucken
Teilen
Annalise Russi hat ihre Nationalratskandidatur gestern offiziell bekannt gegeben. (Bild Bruno Arnold)

Annalise Russi hat ihre Nationalratskandidatur gestern offiziell bekannt gegeben. (Bild Bruno Arnold)

Bruno Arnold

Was unsere Zeitung am Dienstag angekündigt hat, ist seit gestern offiziell: Die 59-jährige Altdorferin Annalise Russi (Grüne Uri) bewirbt sich am 18. Oktober definitiv um den einzigen Urner Nationalratssitz. «Wir betreiben in Uri nur nachhaltig Politik, wenn allen Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung getragen wird, seien das wirtschaftliche, ökologische, soziale oder kulturelle Anliegen, solche von rechts oder von links», sagte Russi an der gestrigen Medienkonferenz. «Ich bin grundsätzlich überzeugt, dass Uri gut daran tut, neben zwei bürgerlichen auch eine rot-grüne Vertretung nach Bern zu schicken», so die ehemalige Landratspräsidentin. «Uri hat 2010 einen Grünliberalen in den Ständerat gewählt. Wieso soll das Volk dies nicht mit der Wahl einer rot-grünen Vertretung toppen?», fragte Russi.

CVP hat Ausschlag gegeben

Der ausschlaggebende Grund, dass sie sich nach vielen Gesprächen und langer Bedenkzeit für eine Kandidatur entschieden habe, sei aber die Frage der zweiten Röhre am Gotthard gewesen. Für den Ständerat kandidieren Isidor Baumann (CVP, bisher) und Josef Dittli (FDP, neu), für den Nationalrat Beat Arnold (SVP, neu) und Frieda Steffen (CVP, neu). «Sie alle sprechen sich für eine zweite Röhre am Gotthard aus», so Russi. «Ich könnte mich nicht mehr im Spiegel anschauen, wenn ich nicht dazu beitragen würde, dass auch jene über 50 Prozent Urner, die keine zweite Röhre wollen, im Kreis der Kandidaten vertreten wären.» Genau diesen Urnern wolle sie eine Stimme geben. Russi betonte aber auch, dass SP und Grüne Uri am angekündigten Verzicht auf eine Kandidatur festgehalten hätten, wenn die CVP eine dem Anforderungsprofil des rot-grünen Uri entsprechende Person nominiert hätte. Konkret meinte sie damit Leo Brücker oder Christine Widmer Baumann.

Bei einem Ja erst recht

Das Thema zweite Röhre ist in Bern vorläufig vom Tisch. Weshalb fokussiert sich Russi trotzdem darauf? «Ich bin überzeugt, dass das Schweizer Volk auch 2016 Nein zu einer zweiten Röhre sagen wird», sagt sie. «Ebenso sicher bin ich aber auch, dass die Röhrenturbos den Volksentscheid trotzdem nicht akzeptieren werden. Und sollte das Volk wider Erwarten Ja sagen, dann ist klar, dass die Aufhebung des Alpenschutzartikels in Bern respektive ein vierspurig befahrbarer Strassentunnel durch den Gotthard wieder zum Thema wird», sagte Russi. «Und genau dann braucht es unsere gegnerische Stimme erst recht.»

Doch Russi will nicht einfach als Zweite-Röhre-Politikerin wahrgenommen werden. «Ich sehe grosse Herausforderungen auf Uri zukommen.» Zwei davon seien die prekäre Situation im Gesundheitswesen oder die drohende Kürzung der NFA-Gelder. «Ich bin bereit, für diese Herausforderungen hart zu arbeiten und mein ganzes Engagement darauf auszurichten, dass der Kanton Uri offen und selbstbewusst in die Zukunft blicken kann.» Als Grüne stünden für sie zudem eine gerechte Verteilung des vorhandenen Reichtums auf Arme und Reiche und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen ganz weit vorne auf der politischen Agenda. «Eine Politik, die nicht alle gleich behandelt und keine Rücksicht nimmt auf sozial Schwache, ist für mich unsolidarisch und widerstrebt mir im Innersten», betonte Russi gestern.

Über das linke Lager hinaus

Christoph Schillig (Grüne Uri) zeigte sich gestern überzeugt, dass sich mit Parteikollegin Annalise Russi «eine Urner Vollblutpolitikerin mit viel Sachverstand, Herz und Humor» zur Wahl stelle. Und für Toni Moser und Sebastian Züst von der SP Uri hat die Kandidatin des SP/Grüne-Wahlbündnisses «gute Chancen, einen Erfolg für das soziale und ökologische Uri davonzutragen». Dass Russi mit ihrer Kandidatur zur Steigbügelhalterin für den SVP-Kandidaten Beat Arnold werden könnte, glauben die Linken nicht: «Uri wählt Persönlichkeiten und nicht Parteien.» Dass Russi Stimmen weit über das linke Lager hinaus holen kann, habe die Regierungsratswahl 2010 deutlich unter Beweis gestellt.

Das grüne Uri trägt ihre Handschrift

Annalise Russi ist 1956 geboren worden und als zweites von vier Kindern in einer Arbeiterfamilie in Amsteg aufgewachsen. Nach der Volksschule besuchte sie das Lehrerseminar in Altdorf und Rickenbach. Ab 1990 absolvierte sie als Werkstudentin ein Studium an der Universität Zürich, das sie 1997 in den Fächern Ethnologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Sozialpädagogik abschloss. Annalise Russi unterrichtet seit 2000 am Berufs- und Weiterbildungszentrum Uri als Lehrperson für die Fächer Geschichte, Staatslehre, Deutsch und Englisch. Von 2000 bis 2012 vertrat Russi ihre Wohngemeinde Altdorf als Vertreterin der Grünen Uri, die sie mitgegründet hat, im Landrat, den sie 2008/09 präsidierte.