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KANTON: Alle Fakten, Zahlen und Akteure im Fall Walker

Bis Ende Monat soll das Obergericht im Fall Ignaz Walker entscheiden. Der Aktenberg ist gross, die Faktenlage undurchsichtig. Unsere Zeitung beantwortet die am häufigsten gestellten Fragen.
Symbolbild Neue UZ

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Florian Arnold und Alexander von Däniken

Was wird Ignaz Walker vorgeworfen?

Ignaz Walker soll am 4. Januar 2010 vor seiner Nightbar Taverne in Erstfeld auf den holländischen Gast Johannes Peeters geschossen haben. Auf der Patronenhülse stellt Polizist M. Ignaz Walkers DNA sicher. Am 12. November 2010 wird Walkers damalige Frau Nataliya K. mit drei Schüssen getroffen. Der Kroate Sasa Sindelic soll im Auftrag von Walker versucht haben, die Ukrainerin zu töten.

Wer ist Ignaz Walker?

Der 47-jährige Erstfelder ist in Uri kein unbeschriebenes Blatt. Schon als junger Mann kommt Walker immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und wird für verschiedene Straftaten belangt. 2004 eröffnet er das Striptease-Lokal Nightbar Taverne in Erstfeld. 2006 weist Walker vier Polizisten – unter ihnen M. – aus seiner Bar und beschuldigt sie des Hausfriedensbruchs und der Sachbeschädigung. 2007 wird Walker in der «Taverne» vom Asylbewerber Ali Sebti tätlich angegriffen. Zwei weitere Personen sterben bei der Messerstecherei. Walker erhält den Ruf des Barons des Urner Rotlichtmilieus, ihm werden Kontakte nach Osteuropa nachgesagt. Er heiratet die Ukrainerin Nataliya K. und hat mit ihr einen Sohn. Doch die Ehe hält nicht. Kurz vor der Scheidung wird Nataliya K. angeschossen. Walker habe verhindern wollen, dass seine Frau an sein mutmasslich grosses Erbe gelange, wird spekuliert. Nataliya K. ihrerseits befürchtet, nach der Scheidung die Schweiz verlassen zu müssen.

Was heisst Indizienprozess?

In beiden Fällen gibt es weder direkte Augenzeugen noch eindeutige Beweise. 2012 verurteilt das Landgericht Uri Walker aufgrund von Indizien und Rückschlüssen zu zehn Jahren Haft. Ein Jahr später verschärft das Obergericht das Urteil auf fünfzehn Jahre. Als Indiz für Walkers Schuld beim Schuss auf Johannes Peeters wertet das Obergericht eine DNA-Spur. Schweizweit ist Polizist M. der erste, dem es gelungen sein soll, auf einer abgefeuerten Patronenhülse DNA sichergestellt zu haben. Ende 2014 ordnet das Bundesgericht an, den Fall nochmals neu zu beurteilen. Eine allfällige Verurteilung Walkers darf sich nicht mehr auf die erwähnte DNA abstützen. Auch soll die Befragung von Peeters nachgeholt werden. Sollte der Holländer nicht auffindbar sein und nicht vorgeladen werden können, darf das Gericht die Aussagen aber trotzdem verwenden. Sie müssen jedoch «besonders vorsichtig und zurückhaltend» gewürdigt werden. Peeters hatte mit 2,58 Promille im Blut ausgesagt, Walker habe auf ihn geschossen. Bei der zweiten Einvernahme bestätigt er diese Aussage. Später soll er sich aber für die «Falschaussage auf Druck der Polizei» entschuldigt haben, behauptet Walker.

Das Gericht macht geltend, es könne Peeters nicht mehr ausfindig machen, obwohl die Staatsanwaltschaft Uri den französischen Behörden Rechtshilfe geleistet hatte, als Peeters wegen Drogengeschäften in U-Haft sass. Der damalige Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi hatte vor Gericht bestritten, dass Peeters mit Drogen in Verbindung zu bringen sei. Später wird Peeters in Frankreich wegen Drogenhandels rechtskräftig verurteilt. Im August 2015 stirbt er an Krebs.

Welche Rolle spielt die Urner Polizei?

Polizist M. ist sich der Gefahr seiner Befangenheit im Fall Walker bewusst, weil er 2006 in ein Verfahren mit Walker verwickelt war. Er meldet dies seinen Vorgesetzten, doch diese ziehen M. nicht zurück – unter anderem, weil nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung stehe. Die Regierung lässt die Frage der Befangenheit nicht klären – bis diverse Medienberichte erscheinen und die Staatspolitische Kommission des Landrats die Vorwürfe untersucht. Der frühere Zuger Regierungsrat und Jurist Hanspeter Uster wird schliesslich von der Regierung als unabhängiger Experte eingesetzt. Er gibt bekannt, dass er vor Abschluss des Walker-Prozesses vom Oktober 2015 nicht beurteilen werde, ob M. befangen gewesen sei. Sein Ergebnis könne das Gericht beeinflussen. Diese Argumentation stösst Walkers Verteidiger Linus Jaeggi sauer auf.

Welche Rolle spielte Johannes Peeters?

Wie Ignaz Walker behauptet, habe sich Johannes Peeters bei ihm gemeldet und sich für die «falsche Belastung» entschuldigt. Doch der Holländer wird in der Folge nicht mehr befragt. Staatsanwalt Bruno Ulmi tut die Vermutung des Verteidigers von Walker, Peeters könnte im Drogenmilieu tätig sein, als «wilde Spekulation und Fantasiegeschichte» ab. Später wird Peeters in Frankreich wegen Drogendelikten verurteilt und in Haft gesetzt. In jüngster Zeit macht zudem das Gerücht die Runde, Peeters habe als Drogenspitzel mit der Urner Polizei kooperiert.

Wie handelte die Staatsanwaltschaft?

Walker und sein Anwalt Linus Jaeggi werfen der Staatsanwaltschaft einseitiges Ermitteln vor. Von Anfang an sei es nur darum gegangen, die Schuld Walkers zu beweisen. Was auf Walkers Unschuld hingedeutet habe, sei unter den Tisch gekehrt worden. Jaeggi beantragte, Peeters vor Obergericht erneut zu befragen. Das Gericht lehnte dies ab. Auch Bruno Ulmi hatte sich gegen eine erneute Befragung ausgesprochen. Ulmis Stellvertreter ist zu diesem Zeitpunkt Thomas Imholz. Als der rechtskräftig verurteilte Sasa Sindelic gegenüber der «Rundschau» eine Mordkomplott-Variante vorbringt, wird der Luzerner André Graf als ausserordentlicher Staatsanwalt beauftragt, diesen Aussagen nachzugehen. Graf führt Gespräche mit Sindelic und «Rundschau»-Journalist Roman Banholzer. Später stellt Graf die Ermittlungen ein. Die von Sindelic als Drahtzieher des Komplotts genannten Nataliya K. und deren Freund Claudio V. werden nicht befragt.

Was ist mit Sasa Sindelic?

Der im Dezember 2010 verhaftete Sasa Sindelic sagt vor dem Landgericht, er selber habe nicht geschossen, er akzeptiert aber das Urteil (achteinhalb Jahre Haft) und sitzt im Gefängnis. Erst gegenüber der «Rundschau» bringt er 2015 eine Mordkomplott-Theorie vor. Demnach soll nicht er der Schütze gewesen sein, sondern ein unbekannter Dritter. Ins Spiel gebracht wird Sasa Sindelics Bruder Slobodan.

Welche Strategie verfolgt Verteidiger Linus Jaeggi?

Linus Jaeggi gelingt es, einige Medienleute für sich und die Anliegen seines Mandanten zu gewinnen. Er nutzt für sich, dass er gegenüber den Medien mehr sagen darf als die Staatsanwaltschaft, die mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren schweigt. Jaeggi sieht grosse Zweifel an der Schuld seines Mandanten und spricht sich für einen Freispruch nach dem Grundsatz «In dubio pro reo» aus. Einerseits kritisiert er die «familiäre» Gesellschaft, die in Uri unbestritten ist. Anderseits hofft er, dass ihm dieses System entgegenkommt: Lassen sich Laienrichter womöglich stärker von den Medien beeinflussen?

Gibt es einen Urner Justiz-Filz?

Mit Ausnahme eines Oberrichters beurteilen bereits zum zweiten Mal dieselben Leute den Fall Walker. Wegen Personalproblemen soll kein anderer als der mutmasslich befangene Polizist M. für die Spurensicherung zur Verfügung gestanden haben. Zudem schreibt Sindelic in einem Brief, ein Mitarbeiter der Justizdirektion habe ihn unter Druck zu setzen versucht, wenn er weiterhin mit den Medien «kooperiere».

Welche Entscheide traf das Bundesgericht?

Das Obergericht muss den Fall neu beurteilen und darf die im Fall Peeters gefundene DNA-Spur auf der abgeschossenen Patronenhülse nicht mehr als Indiz verwenden. Das Gericht soll alles daransetzen, Peeters erneut zu befragen. Ansonsten seien die Aussagen «besonders vorsichtig und zurückhaltend» zu würdigen. Nach kurzer Entlassung aus der Sicherheitshaft schickt das Bundesgericht Walker im Mai 2015 wieder ins Gefängnis. Es macht Verdunkelungsgefahr geltend. Seit September 2015 ist Walker unter strengen Auflagen wieder frei – durch Beschluss der Verfahrensleitung des Urner Obergerichts.

Wie sind die Ungereimtheiten zu werten?

Dass seitens der Justiz und der Ermittler alles richtig gelaufen ist, bezweifeln viele Urner. Es wird vermutet, dass nicht die Wahrheitsfindung im Vordergrund stehe. Man versuche vielmehr zu verhindern, dass Schlampereien der Urner Behörden ans Tageslicht gelangen könnten. Viele fragen sich: Sind die Untersuchungen von Hanspeter Uster oder André Graf wirklich ernst gemeint oder eher als Alibiübungen zu verstehen?

Die Urner Justiz sieht sich im Fall Walker mit einer hochkomplexen Angelegenheit konfrontiert. Allein die hohe Anzahl der Akteure macht den Fall undurchsichtig. Jeder, der sich am Stammtisch ein persönliches Urteil anmasst, verkennt die schwierige Aufgabe, vor der die Urner Richter stehen: Lassen sie Walker frei, wird dies den Urner Steuerzahler viel Geld kosten. Sperren sie Walker ein, müssen sie sämtliche Zweifel fundiert aus dem Weg räumen können und das Urteil sehr gut und allgemein verständlich begründen.

Überrascht wurden die Behörden vom immensen Medienrummel. Schon im ersten «Rundschau»-Bericht wurde die Inkompetenz der Behörden suggeriert, weil sie sich hinter dem Begriff «laufendes Verfahren» versteckten. Mittlerweile spricht die ganze Schweiz vom «verfilzten» Kanton Uri. Die Behörden sind deshalb gut beraten, an ihrem Kommunikationssystem gegenüber den Medien zu arbeiten. Als zweiter Punkt muss sich Uri in Zukunft früher eingestehen, dass die eigenen personellen Mittel nicht ausreichen, und vermehrt den Mut aufbringen, externe Fachleute beizuziehen. Denn die Gefahr der Befangenheit ist in einem kleinen Kanton besonders gross.

Die Beteiligten

Justiz

  • Polizist M.
  • Kantonspolizei Uri
  • Bruno Ulmi, ehem. Oberstaatsanwalt
  • Thomas Imholz, Oberstaatsanwalt
  • André Graf, Luzerner Staatsanwalt
  • Landgericht Uri
  • Urner Obergericht
  • Bundesgericht

Verteidigung

  • Linus Jaeggi, Walkers Verteidiger

Medien

  • Rundschau, Schweizer Fernsehen

Politik

  • Urner Landrat
  • Urner Regierung
  • Hanspeter Uster, externer Experte

Einzelpersonen

  • Ali Sebti, Asylbewerber
  • Johannes Peeters, Drogenhändler und Schussopfer
  • Nataliya K., Ex-Frau von Ignaz Walker
  • Claudio V., Freund von Nataliya K.
  • Sasa Sindelic, als Schütze verurteilt

Der Fall Ignaz Walker

Chronik

  • Mai 2004: Ignaz Walker eröffnet in Erstfeld das Striptease-Lokal Taverne. Zuvor ist er in mehrere Strafverfahren verwickelt.
  • Dezember 2006: Walker beschuldigt drei Polizisten, während ihrer Freizeit in der «Taverne» Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung begangen zu haben. Einer der drei ist Polizist M. Oberstaatsanwalt Bruno Ulmi stellt das Verfahren gegen zwei der drei Angezeigten trotz mehrerer Zeugenaussagen mangels Beweisen ein.
  • 4. Mai 2007: In der «Taverne» tötet der Asylbewerber Ali Sebti zwei Personen. Walker überlebt verletzt. Dem Täter gelingt die Flucht.
  • 4. Januar 2010: Johannes Peeters wird vor der «Taverne» angeschossen. Mit 2,58 Promille im Blut sagt er gegen Walker aus. Die Befragung wird in Anwesenheit Walkers wiederholt. Polizist M. stellt Walkers DNA auf der Patronenhülse sicher. Zuvor macht er seine Vorgesetzten auf seine mögliche Befangenheit aufmerksam. Diese geben grünes Licht.
  • 12. November 2010: Kurz vor der geplanten Scheidung werden auf Nataliya K., die Frau von Ignaz Walker und Mutter von dessen Sohn, drei Schüsse abgegeben. Ihr damaliger Freund Claudio V. alarmiert die Polizei. Als Schütze wird Sasa Sindelic verhaftet, Walker als Auftraggeber.
  • August 2012: Johannes Peeters wird in Frankreich wegen Drogendelikten in Untersuchungshaft gesetzt.
  • 24. Oktober 2012: Vor Landgericht beteuert Walker seine Unschuld, Sindelic verstrickt sich in Widersprüche. Beide werden verurteilt. Walker zieht den Fall ans Obergericht weiter, Sindelic tritt seine Haft an.
  • Anfang 2013: Die Staatsanwaltschaft Uri leistet unter der Leitung von Bruno Ulmi (Stellvertreter Thomas Imholz) im Verfahren gegen Peeters den französischen Behörden Rechtshilfe. Das Obergericht (zusammengesetzt aus einem Profi und vier Laien) verschärft Walkers Urteil. Auf den Antrag des Verteidigers Linus Jaeggi, Kronzeuge Johannes Peeters nochmals zu befragen, heisst es seitens des Obergerichts, dieser sei unauffindbar. Die Staatsanwaltschaft verschweigt ihr Wissen um dessen Platzierung in einem französischen Gefängnis.
  • April 2014: Thomas Imholz wird neuer Oberstaatsanwalt und tritt die Stelle von Bruno Ulmi an.
  • Oktober 2014: Die «Rundschau» berichtet erstmals über den Fall und macht unter anderem die Befangenheit von Polizist M. zum Thema. Hauptinformant ist Linus Jaeggi, der Verteidiger von Walker.
  • Dezember 2014: Das Bundesgericht hebt das Urteil auf. Die DNA fällt als Beweis weg. Das Gericht muss alles daransetzen, Peeters erneut zu befragen. Ansonsten sind seine Aussagen «besonders vorsichtig und zurückhaltend» zu würdigen.
  • Januar 2015: Sasa Sindelic spricht in der «Rundschau» von einem Mordkomplott. Er habe die Tat mit Nataliya K. und deren Freund Claudio V. geplant. Er nennt den Namen eines unbekannten Schützen, der unkenntlich gemacht wird. Der Luzerner Staatsanwalt André Graf soll die neue Theorie überprüfen.
  • April 2015: Die Staatspolitische Kommission des Landrats kritisiert, dass die Regierung die Ausstandsfrage von Polizist M. nicht klären liess. Kurz zuvor gibt die Regierung Hanspeter Uster diesen Auftrag. Grosser Mediendruck ist zu spüren.
  • Juli 2015: Johannes Peeters wird in Frankreich wegen Drogendelikten zu 3 Jahren Haft verurteilt.
  • 18. August 2015: Johannes Peeters stirbt an Krebs.
  • September 2015: Hanspeter Uster will seine Expertise zur Befangenheit von Polizist M. erst nach der Obergerichtsverhandlung abgeben. Der Luzerner Staatsanwalt André Graf stellt seine Untersuchungen ein, nachdem er Sasa Sindelic und «Rundschau»-Reporter Roman Banholzer befragt hat.
  • Oktober 2015: Der Fall wird vor Obergericht neu aufgerollt. Sasa Sindelic verweist auf seine Aussagen gegenüber der «Rundschau». Den Namen des beauftragten Schützen gibt er nicht bekannt.

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