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KANTON: Betroffene Urner schweigen

Ehemalige Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sollen nun für das geschehene Unrecht einen Solidaritätsbeitrag erhalten. Doch die meisten betroffenen Urner meldeten sich bis jetzt nicht.
Elias Bricker
Ein Bild einer Reportage über Heim- und Verdingkinder der «Schweizer Illustrierten Zeitung». (Bild: Walter Studer/Keystone (Gürbetal, Bern, 1954))

Ein Bild einer Reportage über Heim- und Verdingkinder der «Schweizer Illustrierten Zeitung». (Bild: Walter Studer/Keystone (Gürbetal, Bern, 1954))

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren während Jahrzehnten in der Schweiz an der TagesordnungAABB22– bestimmte Massnahmen sogar bis 1981: Kinder armer Familien wurden verdingt, Kinder von Fahrenden von den Eltern getrennt, unverheiratete Teenie-Mütter sterilisiert, aufmüpfige Jugendliche in Erziehungsanstalten gesteckt und arme, «liederliche» oder «arbeitsscheue» Personen landeten teilweise sogar in Ar­beitslagern oder im Zuchthaus. Heute weiss man, dass dies nicht richtig war. Die Betroffenen sollen für das Unrecht mit je 25 000 Franken entschädigt werden. Der Bund stellt für die ehemaligen Verdingkinder und Opfer solcher fürsorgerischer Zwangsmassnahmen insgesamt 300 Millionen Franken zur Verfügung.

Viele Betroffene leiden bis heute an psychischen Problemen oder anderen Folgeschäden. Zahlreiche Verdingkinder wurden ausgenutzt, und in Heimen waren ­sexuelle Übergriffe, Blossstellungen und harte Körperarbeit an der Tagesordnung. Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden zudem von der Gesellschaft stigmatisiertAABB22– was sich später auch auf die Berufschancen auswirkte.

Elf Gesuche sind bisher eingegangen

Im Kanton Uri gibt es ebenfalls Be­troffene. Die Dunkelziffer dürfte gross sein. Denn die meisten ­Opfer schweigen. Bis Anfang Dezember sind aus dem Kanton Uri lediglich elf Gesuche für den ­Solidaritätsbeitrag eingegangen, wie Luzius Mäder vom Bundesamt für Justiz bestätigt. Drei davon sind Gesuche um Soforthilfe. Nur aus Appenzell-Innerrhoden gab es weniger Gesuche. Spitzenreiter sind die Kantone Zürich, Bern und Waadt. «Insgesamt entsprechen die Gesuchszahlen ungefähr den demografischen Verhältnissen», sagt Mäder. Doch auch in den anderen Kantonen melden sich viele Opfer nicht.

Die Gründe für das Schweigen sind vielseitig und teilweise Spekulation. «Es gibt Betroffene, die sich nicht als Opfer sehen wollen», stellt Tanja Rietmann bei ihrer Arbeit fest. Die 42-jährige Historikerin, die in Flüelen aufgewachsen ist, forscht an der ­Universität Bern zum Thema der ­fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. «Andere Betroffene wollen sich nicht mehr mit schlimmen Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit auseinandersetzen», sagt sie. «Viele haben jahrelang geschwiegen und niemandem ihre Geschichte erzählt, auch nicht den engsten Angehörigen.» Daher falle es nun diesen Personen schwer, plötzlich darüber zu sprechen. Weitere Gründe für die tiefe Anzahl Gesuche dürfte aber auch die Tatsache sein, dass viele Betroffene bereits gestorben sind oder gar nichts von ihrem Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag wissen. «Viele Leute sind bereits älter», sagt Rietmann. «Die Informationen aus den Zeitungen oder dem Radio gelangen nicht zu ihnen.»

Opfer müssen Beweise vorlegen

Beim Bund ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag einzureichen, ist zudem gar nicht so einfach. «Dafür braucht man Zeit», sagt Myriam Brand, Leiterin des Sozialdienstes Urner Oberland. Die Betroffenen müssen vor den Bundesbehörden glaubhaft machen, dass sie Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sind. Dazu müssen die Gesuchsteller entsprechende Akten vorweisen können – ärztliche Berichte oder Auszüge aus Gemeinderats­protokollen. «Dazu sind oft auch Archivrecherchen nötig», sagt Brand. «Die Betroffenen sind dabei oft überfordert und sind auf die Unterstützung der Sozialdienste und der Opferberatungsstelle Schwyz-Uri angewiesen. Viele können die Aufgabe ohne psychologische Unterstützung kaum bewältigen.»

Myriam Brand half kürzlich einem Betroffenen, ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag zu stellen. Der Urner kam als Kind in ein Heim, wurde dort Opfer sexueller Übergriffe, wurde immer wieder blossgestellt und musste körperlich schwer arbeiten. «Der Mann leidet bis heute unter psychischen Folgeproblemen», sagt Brand. Er habe daher im Leben nie richtig Fuss fassen können. Als er vor einigen Jahren noch ­seine Arbeitsstelle verlor, benötigte er Sozialhilfe. «Der Betroffene konnte dank der Beratung durch den Sozialdienst auf den Solidaritätsfonds aufmerksam gemacht werden», so Brand. Dass man nichts vom Anrecht auf das Geld weiss, stellt auch Brand fest.

Frist für Gesuche läuft bald ab

Im Kanton Uri hat sich kürzlich auf private Initiative der Erst­felder SP-Gemeinderätin Rebekka Wyler, die im Staatsarchiv Zürich beruflich auch mit dem Thema fürsorgerische Zwangsmassnahmen konfrontiert ist, eine lose Gruppe formiert (siehe Box). ­Diese will Betroffene auf die Möglichkeit des Solidaritätsbeitrages aufmerksam machen. Denn die Zeit für die Betroffenen läuft. Sie können nur noch bis am 31.AABB22März Gesuche beim Bundesamt für Justiz einreichen. Bereits noch in diesem Jahr sollen dann die ersten Gelder ausbezahlt werden. Die Opferberatungsstelle Schwyz und Uri ist die erste Anlaufstelle für Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Die Gruppe macht aber darauf aufmerksam, dass man für die Aktensuche viel Zeit benötigt und sich Betroffene daher nicht erst im März mit einem allfälligen Gesuch aus­einandersetzen sollen.

Gleichzeitig prüft die Gruppe nun zusammen mit dem Histo­rischen Verein Uri, ob man das Thema im Kanton Uri wissenschaftlich aufarbeiten kann. «Auch im Kanton Uri gab es tragische Fälle, die auf eine repressive Sozialpolitik zurückzuführen sind», weiss Historikerin Tanja Rietmann.

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