KANTON: Flüeler nehmen Flüchtlinge auf

Vor hundert Jahren entwickelten die Schweizer ihr Verständnis der Neutralität. Die Urner hatten während des Ersten Weltkriegs ein Herz für Soldaten aus Nachbarstaaten.

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Die alte Fotografie zeigt eine Gruppe deutscher Kinder, die während des Ersten Weltkriegs in Flüelen ihre Ferien verbrachten. (Bild Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri)

Die alte Fotografie zeigt eine Gruppe deutscher Kinder, die während des Ersten Weltkriegs in Flüelen ihre Ferien verbrachten. (Bild Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri)

Die Schweiz war während des Ersten Weltkrieges gespalten. Zwischen Bund und Kantonen tat sich ein tiefer Graben auf: Wenn es um Interessen der Nahrungsmittelversorgung ging, dachte jeder nur noch an sich selbst. Die Versuche des Bundes, zwischen den Kantonen zu vermitteln und deren Produktion gerecht zu verteilen, schürten Neid und Ärger. Ähnlich diffizil sah es zwischen den Sprachregionen aus. Unmittelbar nach Kriegsbeginn verurteilten Westschweizer Politiker den Überfall Deutschlands auf Belgien – während die Deutschschweizer mit öffentlicher Kritik der deutschen Kriegshandlungen eher zurückhaltend blieben. Die Meinungsverschiedenheiten wurden grösser, und bald hagelte es scharfe Kritik auf beiden Seiten des Röstigrabens: Die Deutschschweizer seien germanophil und kriegslustig, die Westschweizer schlechte Patrioten und naiv.

Schweiz unter Auslandeinfluss

Die Kriegsparteien unterstützten die helvetischen Sticheleien. Mit Zeitungen, Artikeln, Postkarten und sogar Kinofilmen versuchten Frankreich und Deutschland, die Schweiz auf ihre Seite zu ziehen. Meinungsmacher verbreiteten Nachrichten von Kriegsgräueln, um entweder die französische oder die deutsche Streitmacht negativ darzustellen. Die schweizerische Neutralität war den Krieg führenden Mächten ein Dorn im Auge.

Gegen die drohende ideologische Spaltung wehrten sich insbesondere Intellektuelle, am prominentesten der Liestaler Literat und Journalist Karl Spitteler. Am 14. Dezember 1914 hielt er in Zürich eine Rede mit dem Titel «Unser Schweizer Standpunkt», in der er sich vehement für eine Brücke zwischen deutscher und französischer Schweiz einsetzte. Dank ähnlichen Reden und dem Einsatz der Politiker gelang es, den Zusammenhalt zu wahren und die «fossée morale», den moralischen Graben, nicht aufbrechen zu lassen. Diese Metapher ist übrigens der Vorgänger des «Röstigrabens», der sich erst viel später als Begriff etablierte.

Politiker rechtfertigen Neutralität

Mit zunehmender Dauer des Krieges wurde es für die Schweizer Politik immer schwieriger, die Neutralität zu rechtfertigen. Nicht nur ausserhalb, auch innerhalb der Landesgrenze gab es zunehmend Kräfte, die eine Parteinahme der Schweiz forderten. Der Bundesrat formulierte seine Vorstellung diesbezüglich klar, als er 1916 bekannt gab: «Wir liegen wie eine Art Sanitätsfestung, die so viel zerstörendes Einzelunglück aufnehmen und beheben könnte, mittendrin, in grösster Nähe nahezu, ohne Transportschwierigkeiten und wir möchten helfen.»

Der Bundesrat hatte sich entschieden, gefangene und verletzte Soldaten aller Kriegsparteien aufzunehmen und als Internierte in den Hotelanlagen des Landes unterzubringen – da diese damals leer standen.

Seit dem Sommer 1914 litt die Hotellerie massiv. Kaum war die potenzielle Kriegsgefahr bekannt, zogen sich die ersten Touristen in ihre Heimat zurück. Im Vergleich zu 1913 brachen die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr von 364 Millionen Franken auf weniger als die Hälfte ein. Ein Ausfall, der nicht ersetzt wurde.

Urner Hoteliers leisten Beitrag

Die Hoteliers bemühten sich um die Aufnahme von Internierten, denn die Kriegsparteien und der Bund hatten garantiert, sie für ihren Aufwand zu entschädigen. Am 26. Januar 1916 kamen die ersten 100 Kriegsversehrten in der Schweiz an. Die Französischsprachigen wurden in der Westschweiz untergebracht, die Deutschsprachigen in den grossen Kurhotels im Berner Oberland und in der Innerschweiz. Am 28. März 1916 fuhr das erste Dampfschiff mit Internierten in Flüelen ein. Darauf befanden sich uniformierte Männer, teils auf Tragbahren oder mit Krücken, teils unversehrt. Zahlreiche Schaulustige kamen damals ans Ufer des Urnersees.

Besonders in Flüelen und Sisikon, wo die meisten Urner Hotels standen, war man erleichtert, die Zimmer zu füllen. Die internierten Soldaten, die nicht wegen Verletzungen arbeitsunfähig waren, machten sich in eigens eingerichteten Werkstätten nützlich. Holzarbeiten, Korbflechten und Bürstenbinden waren gängige Beschäftigungen. In der alten Kirche in Flüelen wurde eigens eine Bürstenbinderei eingerichtet. Für landwirtschaftliche Arbeiten waren offenbar die wenigsten Internierten qualifiziert, höchstens für Arbeiten in den Allmendgärten wurden hin und wieder ein paar eingesetzt.

Schweiz entlastet Kriegsparteien

Die Internierten waren grösstenteils Kriegsgefangene aus Deutschland und Frankreich. Sie belasteten die Kasse und die Nahrungsmittelvorräte des Landes, wo sie in Haft waren, weil das Kriegsrecht dieses Land verpflichtete, die Häftlinge zu versorgen. Natürlich wollte keine Kriegspartei dem Gegner seine Soldaten zurückgeben, die Versorgung der Kriegsgefangenen wurde aber meistens mehr schlecht als recht gewährleistet. Daher war der Dienst der Schweiz ein wichtiger. Sie nahm deutsche und französische Häftlinge auf und entlastete die Krieg führenden Länder, da so der Zivilbevölkerung mehr Alltagsgüter zur Verfügung standen.

Der internationale Hilfsdienst war seit der Genfer Konvention von 1864 ein Anliegen der Schweiz. Im Zusammenhang mit der mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 war das Schweizerische Rote Kreuz als eine der ersten humanitären Organisationen gegründet worden. Die humanitäre Hilfe wurde während des Ersten Weltkriegs für die Schweizer Innenpolitik mehrfach zum Bedeutungsträger. Sie schlichtete den Streit zwischen der deutschen und der französischen Schweiz, legitimierte die Neutralitätspolitik und unterstützte das Hotelleriegewerbe.

Durch die Internierten kam auch Uri mit dem Krieg in Kontakt. Die gefangenen Soldaten waren verpflichtet, stets uniformiert auszugehen. Daneben erinnerten auch sichtbare Kriegsverletzungen die Mitmenschen an die weit entfernt tobenden Schlachten. Vermutlich haben viele Urner die Internierten als willkommene Abwechslung zum Alltag wahrgenommen. Sicher lauschte man gerne den Erzählungen der weit gereisten Soldaten. Und nicht selten freundeten sich Internierte mit Einheimischen an, was unter anderem Fotoalben im Staatsarchiv Uri belegen. Zudem machte auch prominenter Besuch Halt in Uri. Bernhard Wilhelm Fürst von Bülow, Gesandter des Deutschen Reiches, besuchte die Internierten mehrmals, und selbst Prinz Max von Baden, der spätere Reichskanzler, reiste am 10. Dezember 1916 nach Flüelen.

Die deutschen Soldaten brauchten aber auch Nahrung und weitere alltägliche Güter. Auch die Internierten waren an der damaligen Milchknappheit während des Winters in Flüelen mitschuldig.

Künstler finden Zuflucht

Immerhin wurden in den Flüeler Hotels zwei- bis dreihundert «Gäste» verköstigt. Zwischen 1916 und 1918 wurden fast 68 000 Franzosen und Deutsche in der Schweiz untergebracht. Nebst den Internierten befanden sich auch zahlreiche Zivilisten im Schweizer Exil: Vor allem in Zürich fanden viele deutsche Künstler und Intellektuelle ein neues Umfeld für ihr Wirken. Hugo Ball, der die Dada-Bewegung und das Cabaret Voltaire in Zürich gründete, war nur einer von vielen, die in der Schweiz eine neue Heimat fanden.

Das Bild mit der Überschrift «Deutsche Ferienkinder in Flüelen vom 9. September 1917» (unten) dokumentiert ein weiteres, weniger bekanntes Kapitel der humanitären Hilfe im Rahmen des Ersten Weltkriegs. Es wurde vom Fotografen Michael Aschwanden aufgenommen und ist unkommentiert. Ebenfalls ist auch in der historischen Forschung nichts über deutsche Ferienkinder in der Schweiz berichtet. Man kann aber vermuten, dass es sich bei diesen Kindern um Waisen handelte oder um Kinder, deren Väter Militärdienst leisteten und deren Mütter in einer Fabrik arbeiteten.

Oder es waren Kinder aus Familien an der Existenzgrenze. Dank solcher Unterstützung festigte die Schweiz ihre humanitäre Tradition und legitimierte nachhaltig ihre Neutralität.