KANTON: Häuser, die Geschichte erzählen

An den Europäischen Denkmaltagen sind in Uri vier Gasthäuser im Fokus gestanden. Die Besucher haben Einblicke in eine fast vergessene Welt erhalten.

Anian Heierli
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Alberik Zwyssig (1808 bis 1854) wurde durch die Komposition des Schweizerpsalm bekannt. Seine Büste ziert sein Geburtshaus in Bauen. (Bilder Anian Heierli)

Alberik Zwyssig (1808 bis 1854) wurde durch die Komposition des Schweizerpsalm bekannt. Seine Büste ziert sein Geburtshaus in Bauen. (Bilder Anian Heierli)

Bei den Einheimischen kam Fleisch ganz selten auf den Tisch. Wenn überhaupt, gab es zum Essen «Chabis und Schaffleisch» oder Geiss. Nur die wohlhabenden Bürger und reiche Durchreisende konnten sich Schweins- und Rindfleisch leisten. Früher war das Leben in den kargen Urner Bergtälern hart. Trotzdem schätzten vermögende Touristen die Gegend bereits im 18. und 19. Jahrhundert. Aus dieser Zeit existieren sogar Gastroführer mit Urner Tipps. Und manche der damaligen Wirtshäuser sind noch heute in Betrieb.

Goethe nannte Wirtin geizig

Etwa das Hotel Stern und Post in Amsteg. Das Hotel ist einer von vier historischen Urner Gastrobetrieben, die am Wochenende im Rahmen der Europäischen Denkmaltage gefeiert wurden (siehe Box). Das «Stern und Post» hat eine bewegte Geschichte. Schon der deutsche Schriftsteller Johann Wolfgang Goethe soll hier zu Lebzeiten mehrmals eingekehrt sein. «Es wird vermutet, dass Goethe dreimal in Amsteg abgestiegen ist», erzählt der Urner Denkmalpfleger Artur Bucher. So genau wisse das heute aber niemand mehr.

Es gibt jedoch Hinweise in Goethes Notizen. «Von Gotthard nach Steg in neun Stunden ... vorzüglich gegessen, vortreffliche Äpfel», notierte der Schriftsteller 1779 in eines seiner Tagebücher. An einer anderen Stelle bezeichnete er zudem die damalige Wirtsfrau aus Amsteg als geizig. Den Grund für seinen Eindruck, den er von der Frau hatte, nannte Goethe nicht. Vielleicht waren dem Schriftsteller die Portionen zu klein.

Feuer fordert vier Todesopfer

Das heutige Gasthaus steht seit 1789. «Seither hat sich das Äussere verändert», erklärt Bucher. Das Grundhaus sei aber gleich geblieben. Die Aufmerksamkeit des Denkmalpflegers gilt vor allem einem alten Ofen: «Dieser stammt noch aus dem Entstehungsjahr 1789. Er ist aus Realper Speckstein gefertigt worden.» Das Haus selber haben die Erbauer anno dazumal aus massiven Holzblöcken errichtet, die sie aufeinanderstapelten. Und obwohl keine Nägel zum Einsatz kamen, hält die Konstruktion noch heute.

«Schon vor 1789 hat an dieser Stelle ein Wirtshaus gestanden», so Bucher. «Dieses ist aber beim Dorfbrand 1788 komplett zerstört worden.» Das damalige Feuer forderte auch vier Todesopfer. Der Wirt und drei seiner Kinder verbrannten in den Flammen.

«Trittst im Morgenrot daher»

Ebenfalls komplett abgebrannt ist 1796 das Zwyssighaus in Bauen. Auch dieses historische Gasthaus wurde umgehend wieder aufgebaut. «Das war damals üblich», meint Toni Häfliger, Koordinator der Urner Denkmaltage. «Man hatte ja nur wenige Häuser. Zudem ist es sicher mühsam gewesen, Verwandte aus dem zerstörten Haus längere Zeit bei sich aufzunehmen.»

Ein Blickfang ist vor allem die Fassade des Gebäudes: Tausende kleine Holzschindeln umkleiden die Aussenwände. Diese dienen der Isolation, sie wurden aber schon vor über 100 Jahren in erster Linie aus optischen Gründen zur Verschönerung angebracht. Unter den Schindeln steht ein massives Blockhaus, das die gleiche Bauart wie das Hotel Stern und Post in Amsteg aufweist. Das Zwyssighaus hat seinen Namen von Alberik Zwyssig (1808 bis 1854), der unter anderem mit der Komposition des Schweizerpsalms «Trittst im Morgenrot daher» bekannt wurde. Noch heute steht das Gebäude ganz im Zeichen der Musik. Seit 1934 ist es im Besitz der Stiftung Zwyssighaus. Seither ist diese für den Unterhalt des Gebäudes zuständig. Am vergangenen Wochenende musizierten die beiden Profis Thomas Jagosch (Piano) und Maylin Streit (Gesang). Zudem hielt der Schweizer Schauspieler Werner Biermeier, allen bekannt aus der SRF-Produktion «Anno 1914», eine Dichterlesung.