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KANTON: «Höhenfeuer» lodert bis heute

Die Geschichte einer Inzest-Beziehung bewegt noch immer. Fredi M. Murer ist in den 1980er-Jahren ein authentisches Werk gelungen, das in höchsten Tönen gelobt wird.
Florian Arnold
Fredi M. Murer vor 30 Jahren bei den Dreharbeiten zu «Höhenfeuer» mit den beiden Protagonisten Johanna Lier und Thomas Nock. Das Werk wurde letztes Jahr zum «besten Schweizer Film» aller Zeiten gekürt. (Bild www.trigon-film.org)

Fredi M. Murer vor 30 Jahren bei den Dreharbeiten zu «Höhenfeuer» mit den beiden Protagonisten Johanna Lier und Thomas Nock. Das Werk wurde letztes Jahr zum «besten Schweizer Film» aller Zeiten gekürt. (Bild www.trigon-film.org)

Florian Arnold

Er ist nicht nur einer der meist gesehenen Filme der Schweiz. Vergangenes Jahr wurde «Höhenfeuer» sogar von der Fachzeitschrift «Frame» zum «besten Schweizer Film aller Zeiten» gekürt. Der Kinofilm von Fredi M. Murer, der den grössten Teil seiner Jugend in Uri verbrachte, spielt im Kanton Uri und wurde auch hier gedreht. Er spricht ein äusserst delikates Thema an: Geschwisterliebe.

Kinder sollen sterben

Auf einem abgelegenen Hof lebt die vierköpfige Familie Jähzorniger mit Tochter Belli und dem tauben Jungen, der ausschliesslich «Bueb» genannt wird. Weil er die Mähmaschine des Vaters kaputtmacht, wird er auf die Alp verbannt, wo er sich sein eigenes Reich einrichtet. Als ihn seine Schwester besucht, machen die beiden Liebe miteinander. Als die Eltern davon Wind bekommen, beabsichtigt der Vater in einem Anfall von Jähzorn, seine Kinder umzubringen.

Zu stark fürs Fernsehen

«Höhenfeuer», ein durch und durch urnerischer Film: Die Art und Weise der Landwirtschaft, die Umgebung, aber auch die Sprache wirken fast dokumentarisch. «Dabei wollte ich diese griechische Tragödie eigentlich in Island drehen», sagt Regisseur Fredi M. Murer. Inspiriert wurde er von einer News-Meldung in einer isländischen Zeitung, die von einem Vater handelte, der seine Kinder umbringen wollte, weil er sie beim Liebemachen erwischte. Murer schrieb eine 15-seitige Erzählung, die er dem deutschen Fernsehen einreichte. «‹Zu starker Tabak› fürs Fernsehen, wurde mir gesagt. Ich solle einen Kinofilm daraus machen.» Das deutsche Fernsehen stellte in Aussicht, sich finanziell zu beteiligen – einzige Bedingung: Der Film sollte in der Schweiz gedreht werden. «Ich dachte zuerst, ich könne Uri, wo ich selber aufgewachsen bin, so einen Stoff nicht antun.» Doch bei der Suche nach der geeigneten Kulisse fügte sich das Schicksal.

Ein abgelegenes Bergheimet ohne Nachbarn, umgeben von steilen Wiesen und übersät von Stützmauern mit kleinen Gärtchen: Diese Vorstellung hatte Murer im Kopf. Er suchte im ganzen alpinen Gebiet, doch wurde nicht fündig. Dann wandte er sich an den Urner Volkskundler Benno Furrer. «Er hat mir gesagt, das Heimet, das ich suchte, stehe oberhalb Silenen und heisse Wasserplatten.» Der Volkskundler wollte Murer erst gar nicht glauben, dass er das Haus nicht schon vorher kannte. «Meine Beschreibung passte zu hundert Prozent auf dieses Heimet.» Als er es zum ersten Mal sah, seien ihm die Tränen gekommen vor Glück. Für ein Jahr wurde das Haus schliesslich gemietet. Im rechten Moment: Es gehörte einem Ingenieur, der kurz davor war, das 300-jährige Bauernhaus umzubauen. Neben dem Hauptdrehort «Wasserplatten» ob Silenen wurde auch auf dem Mettener Butzli im Schächental sowie auf dem Heimet Wissiflue oberhalb Wolfenschiessen gedreht. Im Film wachsen die drei Drehorte zu einem fiktiven Raum zusammen.

Ramsch hochgeflogen

Das Filmteam holte das verlassene Bergheimet wieder ins einstige Leben zurück. Mit dem Helikopter wurde Ramsch, der sich über Jahrhunderte ums Haus angesammelt hat, hochgeflogen, sogar der Mist für den Stock vor dem Stall. «Wir pachteten Kühe und kauften Schweine und Hühner und engagierten ein junges Bauernehepaar, um die Liegenschaft während der Dreharbeiten in allen vier Jahreszeiten entsprechend zu bewirtschaften.» Murer wollte grösstmögliche Authentizität erreichen. Geholfen hat ihm dabei seine Erfahrung aus dem Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen sind nicht schuld, dass wir da sind», den er zehn Jahre davor im Urnerland drehte. Die Sprache aber stellte eine besondere Herausforderung dar.

Mit Urnern synchronisiert

Für den Regisseur war klar: «Weil der Film in Uri gedreht wurde, wollte ich auch, dass die Darsteller Urner Dialekt sprechen.» Ein ehrgeiziges Ziel. Denn Murer wollte mit Profischauspielern arbeiten. So beschloss er, die Dialoge in Schriftsprache so zu formulieren, dass man sie später mit Urner Laienschauspieler synchronisieren konnte. «Ich habe absichtlich nicht die Schweizer Darsteller engagiert, die sowieso schon jeder vom Film und Fernsehen kannte. Ich wollte unverbrauchte Gesichter.»

Ebenso stand für Murer fest, dass er auf jegliche Postkartenromantik verzichten wollte. «Ich habe mich mit meinem Kameramann geeinigt, dass er die Skyline konsequent abschneidet. Ich wollte nicht, dass sich die Zuschauer über die wiedererkannten Berggipfel unterhalten.» Der Mensch und seine existenzielle Umgebung sollten im Zentrum sein. «Denn die Tragödie könnte sich genauso in Island oder Japan ereignen.» Einzig das Schärhorn ist in jener Schlüsselszene zu erkennen, als die beiden Geschwister auf der Alp unter der Bettdecke Liebe machen.

Mit Zensurbehörde angelegt

«Höhenfeuer» wurde ein grosser Kinoerfolg und holte weltweit Preise ab, unter anderem den Goldenen Leoparden in Locarno, und wurde in Japan zu einem Kultfilm, nicht nur wegen der an japanische Filme angelehnten ruhigen Machart, sondern auch, weil sich Murer mit der dortigen Zensurbehörde angelegt hatte. In der Schweiz belegt «Höhenfeuer» Platz zehn der am meisten gesehenen Filme. «Bei den Städtern hat der Film offensichtlich eine latente Sehnsucht nach der bäurischen Ursprünglichkeit unserer Gesellschaft und nach einem Leben in archaischer Natur geweckt.»

«Der Film ist künstlerisch und formal wohl jener, der mich am ehesten überleben wird», sagt Murer. Der Erfolg liege aber nicht allein an ihm: «Ein Dirigent ohne Orchester und Solisten wäre ein ziemlich einsamer Mensch.» Erst die Summe der künstlerischen Leistungen aller Mitarbeitenden mache den Film aus: gute Schauspieler, eine wunderbare Kamera, eine gut erzählte Geschichte, authentische Dialoge, dezente Filmmusik und nicht zuletzt eine grandiose Landschaft. «Mir ist ein guter Film gelungen, auch dank eines sehr guten Teams.»

Hinweis

Fredi M. Murer: Die Berg-Trilogie. DVD-Box mit Begleitbuch. Trigon-Film, Fr. 49.–

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