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KANTON: «Im Deutsch fehlen die Basics»

Das ist Rekord: Knapp 21 Prozent der Urner Schüler wollen aufs Gymnasium. Dennoch möchte Rektor Daniel Tinner zurzeit keine Aufnahmeprüfung einführen.
Interview Anian Heierli
Aktuell will jeder fünfte Urner Primarschüler aufs Gymnasium. Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren. (Bild Urs Hanhart)

Aktuell will jeder fünfte Urner Primarschüler aufs Gymnasium. Das ist deutlich mehr als in den Vorjahren. (Bild Urs Hanhart)

Interview Anian Heierli

Wer die gymnasiale Matura im Sack hat, darf an einer Schweizer Universität oder der ETH studieren. Aufnahmeprüfungen braucht es einzig für das Medizinstudium, die Ausbildung zum Linienpiloten oder für Kunsthochschulen. Allerdings wird in jüngster Zeit an Universitäten und Hochschulen immer wieder Kritik am Niveau der Matura laut: Dieses sei zu tief, so der Tenor. Vor allem in den Fächern Mathematik und Deutsch seien die Leistungen zu schwach (siehe unsere Zeitung vom Donnerstag, 7. April). Doch: Trotz Kritik ist die gymnasiale Matura nach wie vor äusserst beliebt. An der Mittelschule Uri gibt es fürs kommende Schuljahr 2016/17 deutlich mehr Neuanmeldungen als in den vergangenen Jahren. Knapp 21 Prozent aller Urner Primarschüler der sechsten Klasse wollen an die Mittelschule. Zum Vergleich: In den vergangenen Jahren lag der Durchschnitt bei rund 16 Prozent. Für Daniel Tinner (57), Rektor der Mittelschule Uri, kommt der diesjährige Ansturm «überraschend», ist gleichzeitig aber «kein Problem». Jedoch ist auch ihm nicht entgangen, dass einige Schüler in Basisfächern Schwierigkeiten haben.

Daniel Tinner, ist das Niveau der Maturanden in den Fächern Mathematik und Deutsch gesunken?

Daniel Tinner: Gerade fürs Fach Deutsch haben wir intern die universitäre Kritik, das Niveau sei gesunken, diskutiert und angeschaut. Es ist tatsächlich so, dass sich der Umgang mit der Sprache gerade enorm wandelt. Moderne Medien wie Handy und E-Mail haben das Kommunikationsverhalten verändert. Dadurch sind klassische Kommunikationsformen wie das Schreiben eines Aufsatzes oder das Lesen eines längeren Textes etwas in den Hintergrund gerückt. Neue Kommunikations- und Leseformen konkurrenzieren das Duden-Deutsch.

Also lesen und schreiben die Schüler tatsächlich schlechter als noch vor einigen Jahren?

Tinner: Teilweise, die Basics sind nicht mehr für jeden selbstverständlich. Basics wie: was wird grossgeschrieben oder wo braucht es ein Komma. Auch Deutschlehrer der Mittelschule Uri bestätigen beim Korrigieren von Arbeiten, dass in der deutschen Sprache immer wieder grundlegende Kenntnisse fehlen. Dessen sind wir uns bewusst und suchen nach einer Lösung.

Und die Lösung wäre?

Tinner: Schweizer Mittelschulen sind stark auf einzelne Fächer ausgelegt. Meines Erachtens spielt das interdisziplinäre Denken – das Zusammenspiel zwischen den Fächern – eine zu kleine Rolle. Wir müssen den Schülern zeigen, dass Kenntnisse eines Faches auch in anderen Fächern enorm wichtig sind. Deutsch sollte in allen Fächern gymnasiumtauglich sein. Auch ein Biologie- oder Sportlehrer hat eine Verantwortung gegenüber der deutschen Sprache. Interdisziplinär heisst beispielsweise auch, dass Mathe wichtig für den Chemieunterricht ist oder Geschichte für den Religionsunterricht und umgekehrt. Die Zusammenarbeit unter den einzelnen Disziplinen sollte gestärkt werden.

Im kommenden Schuljahr wird erstmals die bilinguale Maturität angeboten (siehe Box). Einzelne Fächer werden auf Englisch unterrichtet. Besteht dadurch die Gefahr einer Deutschschwäche?

Tinner: Die bilinguale Maturität richtet sich an leistungsorientierte Schüler. Bei der Selektion wird darauf geachtet, dass die Schüler sowohl in Englisch wie auch im Fach, das auf Englisch unterrichtet wird, gute Noten haben. Zudem haben diese Schüler genau so viele Deutschlektionen wie die anderen. Ich sehe die bilinguale Maturität nicht als Gefahr fürs Deutsch.

Gibt es im Vergleich zu früher auch in der Mathematik einen Leistungseinbruch?

Tinner: Nein, gerade im Bereich Physik und angewandte Mathematik schätze ich die Urner Maturanden als stark ein. Und ich habe bislang von keiner Universität gehört, dass die Urner Schüler in einem Bereich schlecht gerüstet seien. Das gilt für sämtliche Fächer.

Werden in der Schweiz Vergleiche zwischen den einzelnen Mittelschulen gemacht?

Tinner: Kantonsintern ist das gang und gäbe. In Uri gibt es aber nur eine Mittelschule. Ein Vergleich wäre einzig mit Schulen aus anderen Kantonen möglich. Interkantonal sind solche Vergleichsprüfungen aber ein Tabu. Das wird aus politischen und strategischen Gründen auch nicht forciert.

Das heisst?

Tinner: In der Schweiz liegt die Bildungshoheit auf kantonaler Ebene. Schulen sollen sich möglichst nahe an örtlichen Gegebenheiten orientieren. Dieses System ist tief verwurzelt und macht Sinn. Deshalb hat die Kantonsautonomie einen hohen Stellenwert.

Fürs Schuljahr 2016/17 gibt es mehr Neuanmeldungen als jemals zuvor. Was sind die Gründe?

Tinner: Zugegeben, ich bin selber etwas ratlos, habe aber Vermutungen: In Uri braucht es keine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium, sondern eine Empfehlung der Lehrperson. Nun gibt es zurückhaltende Lehrer und solche, die jemanden mit dem Gedanken «Versuch es doch einfach» ans Gymnasium schicken. Die Empfehlung sollte aber sorgfältig getroffen werden, da die Mittelschule eine Vorbereitung zur Hochschule ist. Es gibt Schüler, die als Alternative aufs Gymnasium gehen, dieses aber nach drei Jahren verlassen und eine Lehrstelle antreten. Das funktioniert zwar, ist aber nicht Sinn der Sache. Zudem spielt auch der Peergroup-Effekt mit. Das heisst, jemand geht aufs Gymnasium, weil der Freund respektive die Freundin hingeht.

In zahlreichen Kantonen müssen angehende Mittelschüler eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Braucht es auch in Uri eine Prüfung?

Tinner: Aus meiner Sicht nein. Klar, ohne Prüfung ist das Risiko grösser, dass am ersten Schultag Jugendliche am Gymnasium sind, die dort nicht hin gehören. Ein gewisses Selektionsverfahren gibt es dafür später im ersten Schuljahr. Dieses Verfahren finde ich gerechter als eine Aufnahmeprüfung. Eine Prüfung ist immer von der Tagesform abhängig. Ob die Tagesform aber der Grundhaltung einer gymnasialen Karriere entspricht, ist für mich ein anderer Punkt. Ich denke, wir sollten nicht vom heutigen System abweichen, bin aber der Meinung, dass keine persönlichen oder subjektiven Präferenzen der Lehrperson den Ausschlag für eine Empfehlung geben dürfen.

Unterricht neu auf Englisch

Bilinguale Maturität AH. Die Mittelschule Uri führt aufs Schuljahr 2016/17 die bilinguale Matura ein. Die Fächer Physik, Biologie, Chemie, Geschichte und Geografie werden neu auch auf Englisch unterrichtet. Pro Jahrgang wird nur eine Klasse bilingual geführt. In der dritten Klasse wird deshalb selektioniert. Es werden Schüler zugelassen, die sowohl in Englisch eine gute Note haben wie auch in den Fächern, die auf Englisch unterrichtet werden. Mit einem Motivationsschreiben müssen die Schüler zeigen, was ihre Beweggründe sind. Am Schluss entscheidet die Schulleitung, wer das Angebot annehmen kann. Der bilinguale Abschuss zählt nicht mehr als das gängige Maturazeugnis.

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