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KANTON: In Hospental stirbt diese Woche ein Stück Dorfgeschichte

Die letzte Urner Gesamtschule schliesst in den kommenden Tagen. Die sechs Schüler haben dabei gemischte Gefühle.
Anian Heierli
Dieses Bild gehört bald der Vergangenheit an: Lehrerin Brigitte Renner beim Unterrichten in der Hospentaler Gesamtschule. (Bild Anian Heierli)

Dieses Bild gehört bald der Vergangenheit an: Lehrerin Brigitte Renner beim Unterrichten in der Hospentaler Gesamtschule. (Bild Anian Heierli)

Jeder kennt hier jeden. Rund 170 Einwohner leben heute noch im kleinen Bergdorf direkt am Gotthardpass. In Hospental, auf einer Höhe von 1500 Metern, wird Heidi-Romantik greifbar. Momentan aber ist die Idylle getrübt. An diesem Donnerstag besuchen die Kinder ein allerletztes Mal die Dorfschule. Danach ist Schluss: Die Schule wird aufgegeben, und mit ihr stirbt auch ein Stück Dorfgeschichte.

Wegen sinkender Schülerzahlen war die Schliessung der Hospentaler Gesamtschule schon länger absehbar. So besteht aktuell die gesamte Primarstufe nur noch aus sechs Schülern. Fünf Buben und ein Mädchen besuchen drei verschiedene Klassen. Und sie alle sitzen im selben Schulzimmer und werden primär von der selben Klassenlehrerin, Brigitte Renner, unterrichtet. Dabei erhält sie auch Unterstützung von vier Fachlehrern. Doch nicht nur für die Schule, sondern auch für Renner und ihr Team ist jetzt Schluss. Die Lehrerin geht nun in Pension.

Arbeit wird immer anstrengender

«Trotzdem bin ich guten Mutes. Eine Ära geht für mich zu Ende. Es werden sich aber wieder neue Türen öffnen», sagt sie. 14 Jahre habe sie die Kinder der Gesamtschule Hospental unterrichtet. Ihre Arbeit sei in den vergangenen Jahren immer anstrengender und schwieriger geworden. Neuerungen im Lehrplan und Schulsystem hätten dazu geführt. «Beispielsweise fokussieren heute Deutschlehrmittel stark aufs sogenannte Arbeiten mit Texten. Hierbei muss ich intensiv mit der Klasse üben», erklärt Renner. «Dagegen gibt es weniger sture Eigenarbeit wie klassisches Abschreiben.» Das gelte auch für andere Fächer. Für Lehrer werde es deshalb zunehmend schwieriger, verschiedene Klassenstufen gleichzeitig zu unterrichten. Im Vergleich zu früher sind auch neue Fächer wie Englisch, Ethik und Informatik obligatorisch. Hinzu kommt, dass heute auch lernschwache Kinder in die Klasse integriert werden, wofür es dann zusätzlich Heilpädagogen braucht. «Wegen dieser Neuerungen werden Gesamtschulen in den nächsten Jahren zusehends verschwinden», ist Renner überzeugt.

Kein Platz für Träumer

Für die Lehrerin war ihre Arbeit in Hospental zwar anstrengend, gleichzeitig aber auch sehr schön. «Ich glaube, die Schüler schätzen die familiäre Atmosphäre. Auch ich fühle mich in diesen Schulzimmern zu Hause», so Renner. Sie will sich selber nicht als «Mami» bezeichnen. Sie betont aber, dass sie eine starke Bindung zu jedem der Schüler hat. «Ich sehe sofort, wenn etwas nicht stimmt. Etwa wenn zwei gestritten haben», so die Lehrerin. Weil sie nur sechs Schüler hatte, konnte sie auch immer wieder Ausflüge unternehmen. So war die Lehrerin im Winter fast jede Woche mit allen auf der Skipiste unterwegs. «Es hatte immer wieder Leute, die dachten, es sei die Grossmutter mit den Enkeln», scherzt sie. Ein weiterer Vorteil der geringen Schülerzahl ist, dass jedes Kind individuell gefördert werden kann. «Verstecken oder Träumen funktioniert nicht», erklärt Renner. «Der Unterricht ist für die Schüler sehr intensiv. Auch Schwächere werden optimal gefördert.»

Im kommenden Schuljahr gehen die Kinder aus Hospental in Andermatt zur Schule. «Ich habe aber keine Bedenken, dass sich meine Schüler in Andermatt nicht wohl fühlen. Der Schulstoff ist angeglichen», so Renner.

«Ich freue mich auf neue Freunde»

Auch die Schüler haben keine Angst vor dem Schulwechsel. Trotzdem macht sie die Schulschliessung ein wenig traurig. «Ich würde lieber weiter hier in die Schule gehen als nach Andermatt», sagt der 9-jährige Nando Cadenazzi, der nächstes Jahr in die vierte Klasse kommt. In Hospental würden ihm die Gspändli aus der sechsten Klasse helfen, was ihm gefalle. «Ich freue mich auf neue Schulfreunde», erzählt Nando weiter. «Ich kenne schon ein paar meiner neuen Mitschüler aus dem Skiclub Andermatt. Und das sind liebe.» Der 9-Jährige will nächstes Jahr mit dem Velo nach Andermatt zur Schule fahren. «Das sind sechs Kilometer», sagt er. Das sei nicht so weit. Und bei schlechtem Wetter könne er ja auch den Schulbus nehmen.

Auch die 12-jährige Gioia Christen hat nur gute Erinnerungen an ihre Schulzeit in Hospental – und das, obwohl sie zurzeit das einzige Mädchen ist. «Es ist kein Problem, nur mit Buben in der Schule zu sein», sagt sie. «Mir gefällts. Ich verstehe mich gut mit ihnen. Wir haben auch ähnliche Interessen wie Eishockey und Fussball.» Nur manchmal gebe es Streit. «Weil die Buben HC-Davos-Fans sind und ich für Ambri bin. Dann ärgern sie mich manchmal», so Gioia.

Anian Heierli

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