KANTON: Lehrlinge präsentieren ihre Arbeiten

Jeder Lehrling muss sich vor seiner Abschlussprüfung intensiv mit einem Thema auseinandersetzen. Unsere Zeitung hat zwei solche Vertiefungsarbeiten von zwei Urner Lehrlingen herausgepickt.

Salome Infanger
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Petra Gisler aus Spiringen steht kurz vor ihrer Lehrabschlussprüfung. Ein Schritt dazu ist die Vertiefungsarbeit, die sie zum Thema straffällige Jugendliche auf dem Bauernhof geschrieben hat. (Bild: Salome Infanger (Altdorf, 25. Januar 2017))

Petra Gisler aus Spiringen steht kurz vor ihrer Lehrabschlussprüfung. Ein Schritt dazu ist die Vertiefungsarbeit, die sie zum Thema straffällige Jugendliche auf dem Bauernhof geschrieben hat. (Bild: Salome Infanger (Altdorf, 25. Januar 2017))

Zur Strafe auf den Bauernhof

SPIRINGENSeit Petra Gisler auf der Welt ist, wohnen und arbeiten immer wieder jugendliche Straftäter auf dem Bauernhof ihrer Familie auf dem Ratzi. Für sie ist das eine Selbstverständlichkeit. Nur ihre Freundinnen fragten früher verwundert, wer diese Jugendlichen bei ihnen auf dem Hof seien.

Die heute 18-Jährige ist im dritten Lehrjahr als Fachangestellte Gesundheit im Altersheim Gosmergartä in Bürglen. Ihre Vertiefungsarbeit, die Teil der Ausbildung am Berufs-und Weiterbildungszentrum Uri ist, hat sie zum Anlass genommen, über das Projekt zu schreiben. «Ich wollte die Arbeit mit den Jugendlichen, mit all ihren positiven und negativen Seiten, beschreiben», sagt sie.

Massnahme für minderjährige Straftäter

Die Jugendlichen, die auf den Hof der Familie kommen, sind minderjährig und etwa 15 bis 17 Jahre alt. Sie haben Delikte wie kleinere Raubüberfälle begangen oder wurden wegen Körperverletzung verurteilt. Als Teil der Strafe helfen sie eine bis zwei Wochen auf dem Bauernhof mit. Die Gislers sind nicht mehr die einzige Familie im Schächental, die am Projekt teilnehmen. Die Vermittlung an die Bauern übernimmt die Schweizer Hilfsorganisation Caritas. 

Petra Gisler möchte weiter auf ihrem gelernten Beruf arbeiten und plant, später die Ausbildung Höhere Fachschule Pflege zu besuchen. Mit der Pflege und Betreuung der Jugendlichen zu Hause hat sie selber jedoch nicht viel zu tun. Dafür hat ihre Mutter bei der Caritas Kurse für Familien besucht, die straffällige Jugendliche aufnehmen. Pro Jahr veranstaltet die Hilfsorganisation mehrere Weiterbildungen, wovon zwei obligatorisch sind. Ein Teil der Aufgabe besteht auch darin, mit den Jugendlichen über ihre Situation zu sprechen. «Im Gespräch mit meinen Eltern erzählen die Jugendlichen meist schnell, was sie angestellt haben und wieso sie die Tat begangen haben.»
Die Familie Gisler führt auf 1500 Meter über Meer einen Bauernhof mit Mutterkühen und Ziegen. Zusätzlich leben noch Katzen und ein Hund auf dem Bauernhof. Der Umgang mit den Tieren habe zum Teil auch beruhigende Wirkung auf die Jugendlichen.

Die Jugendlichen kommen immer einzeln, und den meisten gefällt die Zeit auf dem Bauernhof. Zum Teil würden sie sogar anhänglich zu Familienmitgliedern. «Bei uns sehen sie ein anderes Leben, es ist ruhig, und sie sind für eine Zeit lang von ihrem gewohnten Umfeld entfernt», sagt Gisler. Das sei auch die Grundidee der Sache. Denn häufig seien die Jugendlichen in schwierigen Situationen aufgewachsen. «Bei uns haben sie Zeit zum Nachdenken.»

Trotzdem gäbe es auch Schwierigkeiten. Manchmal wollen sich die Jugendlichen nicht auf das Projekt einlassen. In solchen Fällen brauche es viel Geduld. Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Jugendlicher abgehauen ist. Die Caritas bietet aber die Möglichkeit an, jemanden zurückzuschicken, falls zu grosse Probleme auftreten.

In ihrer Vertiefungsarbeit hat Petra Gisler einen Jugendlichen und seinen Weg von der Straftat bis zum Ende seines Arbeitseinsatzes porträtiert. Nach der Anzeige wird schnell die Jugendanwaltschaft eingeschaltet, die den Täter schuldig spricht. Kommen Jugendliche dann auf den Hof der Familie, wurden sie zu sogenannter «persönlicher Leistung» verurteilt. Gisler findet das Projekt aus eigener Erfahrung eine sehr gute Sache: «Das Umfeld in einem Gefängnis wäre auch nicht förderlich für die Jugendlichen. Von einem Aufenthalt bei uns profitieren sie mehr als von einer Haftstrafe.»

«Man könnte etwas verändern»

Altdorf Simon Vasic hat sich in seiner Vertiefungsarbeit mit dem Thema Umweltschutz befasst. «Am meisten erschreckt hat mich die Tatsache, dass es am Ende von diesem Jahrhundert bei uns keine Gletscher mehr geben wird», sagt der angehende Elektroinstallateur. Der Fokus des 19-Jährigen liegt dabei auf dem Klima- und Waldschutz. Ausserdem hat er sich über Lichtverschmutzung und deren Auswirkungen auf die Tierwelt informiert. Für den Altdorfer gabs auch eine Überraschung. «Ich hätte nie erwartet, was sich im Boden alles abspielt. Zum Beispiel, dass der Niederschlag bei der Versickerung ins Grundwasser vom Boden gereinigt wird.»

Wie schützt Uri seine Umwelt?

Vasic ist auch der Frage nachgegangen, was in Uri für die Umwelt getan wird. In vergangener Zeit seien zusätzliche Umweltbelastungen auf den Kanton Uri zugekommen. So habe die Umwelt in Uri zum Beispiel unter dem Grossprojekt Neat gelitten. Während des Baus sei jedoch darauf geachtet geworden, dass das Aushubmaterial wiederverwertet wird. So habe man das Gestein zum Teil für die Betonmischung gebrauchen können oder für die Aufschüttung der Bade- und Naturschutzinseln im Reussdelta. Ein weiteres Problem in Uri sei die Feinstaubbelastung entlang der Hauptverkehrsroute durch die Dörfer, was man anhand von Luftmessungen feststelle.

Berufsschüler ist selber umweltbewusster geworden

Der Kanton Uri investiere auch in die Sauberkeit des Wassers, weiss Vasic. Es werde viel dafür getan, um das ­vielfältige Ökosystem von Bächen für Mensch und Tier aufrechtzuerhalten. Das geschehe zum Beispiel, indem Flussbette mit Natursteinen ausgebettet werden, sodass in den Spalten Lebensraum für verschiedene Flusstiere und Pflanzen geschaffen wird. Ein Teil seiner Arbeit bestand auch darin, selber bewusster mit der Natur und ihren Ressourcen umzugehen. Der 19-Jährige schränkte zum Beispiel seinen Wasserverbrauch ein, schaute, dass ­keine Geräte oder Lichter unnötig angeschaltet waren, und seine Familie begann, Plastik zu trennen. Diese Gewohnheiten möchte er aber weiterführen und nicht mit dem Abschluss seiner Arbeit beenden.

Schon vor seiner Arbeit haben Vasic Umweltschutz und Klimawandel interessiert. Durch die Arbeit hatte er aber richtig Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. «Das Projekt war eine spannende Sache», sagt Vasic. Später möchte sich der angehende Elektroinstallateur vielleicht auf erneuerbare Energien und energieeffizienten Häuserbau spezialisieren. «Wenn jeder einen Beitrag zum Umweltschutz leisten würde, könnte man etwas verändern. Aber wenn man sich nie damit auseinandersetzt, wird gar nicht bemerkt, wie schlimm die Thematik eigentlich ist.»
 

Salome Infanger

salome.infanger@urnerzeitung.ch

Simo Vasic ist im 4. Lehrjahr als Elektroinstallateur. In seiner Vertiefungsarbeit macht er sich Gedanken zum Umweltschutz. (Bild: (Altdorf, 24. Januar 2017))

Simo Vasic ist im 4. Lehrjahr als Elektroinstallateur. In seiner Vertiefungsarbeit macht er sich Gedanken zum Umweltschutz. (Bild: (Altdorf, 24. Januar 2017))