KANTON: Sie fährt täglich 2500 PS den Berg hoch

Monica Heussi ist Lokführerin bei der MGB. «Ich liebe es, eine 2500 PS starke Maschine zu beherrschen», sagt das erste weibliche Teammitglied am Gotthard.

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Monica Heussi ist die erste Lokführerin in der hundertjährigen Geschichte der Matterhorn-Gotthard-Bahn. (Bild: Aninan Heierli)

Monica Heussi ist die erste Lokführerin in der hundertjährigen Geschichte der Matterhorn-Gotthard-Bahn. (Bild: Aninan Heierli)

Anian Heierli

Rund hundert Jahre sind sie alt, die Schienen der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB). Seither rollen Züge über die historischen Gleise, die noch heute durch die malerische Alpenkulisse führen. Umso überraschender ist es, dass die MGB bis zum vergangenen September nie eine Lokführerin beschäftigte. Nun ist Monica Heussi die erste Frau, die im Führerstand das Sagen hat. «Die Leitung der MGB wollte schon länger eine Lokführerin», weiss Heussi. «Es hat sich aber nie eine Frau zur Ausbildung gemeldet.» Die ländliche Bevölkerung sei wohl etwas konservativer. Vermutlich würden die meisten Frauen gar nicht auf den Gedanken kommen, selber einmal einen Passagierzug zu steuern.

Auf Umwegen in den Führerstand

Auch der gebürtigen Andermatterin ging es nicht anders: Obwohl sie heute sagt, Lokführerin sei ihr Traumberuf, kam sie erst über Umwege in den Führerstand. Die 44-Jährige hatte in ihrer Jugend die technische Matura abgeschlossen. Anschliessend absolvierte sie die Ausbildung zur Tourismusfachfrau HF in Samedan und arbeitete danach mehrere Jahre in St. Moritz und Zermatt auf dem Beruf. «Mit der Zeit spürte ich aber eine Leere. Ich wollte deshalb wieder zurück in meine Heimat Andermatt», sagt Heussi.

Deshalb nahm sie eine Stelle als Bahnbetriebsassistentin bei der MGB an und arbeitete später als Fahrdienstleiterin am Stellpult sowie als Zugbegleiterin. «Damals habe ich den Entschluss gefasst, Lokführerin zu werden», erzählt sie. Mit Erfolg: Die einjährige Ausbildung und die Prüfung hat sie gemeistert auch ohne umfassendes mechanisches Vorwissen oder eine technische Berufslehre. «Klar. Ein Verständnis für Physik, Chemie und Mechanik hatte ich dank meiner Matura schon vorher. Die Ausbildung ist aber auch ohne Mechanikerlehre machbar», so Heussi.

Zwischen Steinschlag und Lawinen

Frauen, die ebenfalls Lokführerin werden wollen, empfiehlt sie Freude und Interesse an Maschinen, an der Bewegung und an der Region. Ganz wichtig sei auch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. Denn primär ist ein Lokführer für die Sicherheit der Passagiere verantwortlich. Ein schwerer Rucksack, da die Bergstrecke der MGB durchaus risikobehaftet ist: Die Steigung des 140 Kilometer langen Schienennetzes beträgt bis zu 180 Promille. An mehreren Stellen kann es zu Steinschlägen oder Lawinen kommen.

Doch dank des professionellen Personals und des einwandfreien, gewarteten Materials gab es in den vergangenen Jahren keine schweren Unfälle. «Man muss im Führerstand immer bei der Sache sein», betont Heussi. Ein Risiko sieht sie vor allem in der Routine wenn beinahe jeder Handgriff automatisch geht und man mit den Gedanken abschweift. «So weit ist es bei mir aber noch lange nicht», erklärt sie lachend. Ihre erste Fahrt nach der Ausbildung liegt ein Vierteljahr zurück. Gleich nach bestandener Prüfung fuhr die Andermatterin alleine die Schöllenen hinunter nach Göschenen. «Logisch bin etwas nervös gewesen. Wir sind jedoch gut vernetzt. Bei einer Störung ist immer ein Kollege am Funk, der hilft», erzählt Heussi. Zurzeit arbeiten rund 90 Lokführer bei der MGB, von denen 20 in Andermatt stationiert sind. «Im überschaubaren Team herrscht ein gutes Arbeitsklima», sagt sie. «Auch dass ich eine Frau bin, stört keinen.» Im Gegenteil: Heussi ist beliebt. Auf dem Areal des Andermatter Bahnhofs und im dazugehörigen Kaffee wird sie laufend gegrüsst. Offensichtlich schätzt man hier die erste weibliche und gleichzeitig einheimische Lokführerin.

Im Rausch der Geschwindigkeit

Auch von ihren Interessen her steht sie Männern in nichts nach. Heussi besitzt einen Harley-Töff, ist ausgebildete Skilehrerin, unternimmt Skitouren und fährt Bike. «Ich mochte die Geschwindigkeit schon immer», erinnert sie sich. «Als Lokführerin liebe ich es, eine 2500 PS starke Maschine zu beherrschen.» Und falls sie nicht irgendwo über Stock und Stein donnert, trainiert sie das Pistolenschiessen. So ist Heussi zurzeit auch die einzige Frau im Andermatter Pistolenklub. Den Rütli-Becher hat sie längst geholt, und auch am Morgartenschiessen war sie bereits auf dem 25. Platz von rund 2000 Teilnehmern.

Täglich eine neue Strecke

Andererseits schätzt Heussi auch die Gelassenheit. «Am liebsten fahre ich mit dem Zug über die Oberalp. Die Strecke ist je nach Wetter, Jahres- und Tageszeit komplett anders», sagt sie. Regelmässig würde man dort Wild entdecken. Für die Zukunft wünscht sich Heussi, dass ihr der Beruf nicht langweilig wird. «Bislang bin ich aber, was das angeht, zuversichtlich.»