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KANTON URI: Alpsegen zwischen Glauben und Magie

Jeden Sommer segnet der katholische Pfarrer Wendelin Bucheli die Alpen auf Bürgler Gemeindegebiet. Dabei stösst er auf alte magische und animistische Vorstellungen, die zwar nicht zum Katholizismus gehören, denen er aber mit Respekt begegnet.
Christof Hirtler
Nach dem Alpsegen wird gejasst: (von rechts) Wendelin Bucheli, René Deiss, Walter Arnold und dessen Mutter Agnes (90). (Bild: Christof Hirtler (Unterschächen, 19. Juli 2017))

Nach dem Alpsegen wird gejasst: (von rechts) Wendelin Bucheli, René Deiss, Walter Arnold und dessen Mutter Agnes (90). (Bild: Christof Hirtler (Unterschächen, 19. Juli 2017))

Christof Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

«Um dieses Ritual sichtbar zu machen, braucht es Zeichen», sagt der Bürgler Pfarrer Wendelin Bucheli. Für seinen Alpsegen verwendet er deshalb eine Stola, also den schmalen Stoffstreifen, den Priester zum Messlesen auf den Schultern tragen. «Sie ist das Zeichen, dass ich im Auftrag Gottes da bin», erklärt Bu­cheli. Als Zeichen des Lebenselements Wasser hat er zudem Weihwasser dabei.

«Meine Motivation für die Alpsegnung besteht darin, den Älplern Schutz zu geben», erklärt der Priester. «Das ist ein sehr grosses Bedürfnis.» Mit den Älplern spricht er gemeinsam ein Gebet, das er selber geschrieben hat. Gottvater, Jesus und der Heilige Geist werden so um Schutz für Menschen, Tiere, Gebäude und Weiden angerufen. «In meinem Segen verweise ich auf die Schöpfung, die Gott geschaffen hat. Sie ist deshalb bereits von ihm gesegnet», erklärt Bucheli. «Ich wiederhole diesen Segen, um das Gottvertrauen der Menschen zu ­stärken.»

«Auch die Schlange ist ein Geschöpf Gottes»

Wendelin Bucheli wird auch mit besonderen Anliegen konfrontiert. «Auf einer Alp wurde ich gebeten, einen Ort zu segnen, wo es viele Schlangen hat.» Der Pfarrer sollte mit seinem Segen also das Vieh vor Schlangenbissen schützen. «Das ist für mich ein schwieriger Gedanke, denn auch die Schlange ist ein Geschöpf Gottes und von Gott gesegnet.»

Auf einer anderen Alp sollte Bucheli eine Planke segnen, die vom Steinschlag betroffen ist. «Aus christlicher Sicht ist der Segen ein Schutz, aber kein magisches Eingreifen. Wenn Steine kommen, dann kommen sie, dann muss ich das annehmen», so Bucheli. «Die Älpler erwarten von mir, dass der Alpsegen wirkt und die Alp von allem Unheil gebannt ist. Diese Macht habe ich nicht – ich kann beten, segnen und Gott die Alp übergeben. Das ist der Unterschied zwischen Priestern und Magiern.»

Der Glaube an die Macht des Segens sei nach wie vor gross. Wenn am 15. August wegen schlechten Wetters die Alpmesse anstatt bei der Kinzigkapelle in der Bielkapelle stattfindet, ist es einigen Älplern unwohl. Sie drängen auf eine Wiederholung der Messe bei der Kinzigkapelle. Denn ein Unterlassen der alljährlich versprochenen Messe könnte bewirken, dass «die Mächte ihren Schutz zurückziehen und die Wirkung abschwächen», glauben die Älpler. Die Kinzig­kapelle, den Heiligen Antonius und Wendelin geweiht, wurde 1924 zum Dank der Älpler und Sennen gebaut, nachdem das Schächental von der Viehseuche (1920 bis 1921) verschont blieb.

Von Agatha-Brot bis zu Heiligenbildern im Stall

Auf den Alpen segnet Wendelin Bucheli auch Salz, das wie das Weihwasser in der Volksmagie eingesetzt wird. Älpler streuen es beispielsweise in den Käsebruch oder ins Salzbad, damit der Käse gelingt. Und vor der Alpabfahrt wird es den Kühen verfüttert. Auch Bucheli sind diese Abwehr- und Schutzhandlungen geläufig: «Daheim auf unserem Bauernbetrieb im freiburgischen Sensebezirk griffen wir in der Not immer zum Weihwasser und spritzten es bei herannahenden Gewittern aus dem Fenster», erinnert er sich an seine Kindheit. «Bei einer Viehseuche wurden Heiligenbilder im Stall aufgehängt. Und gegen Heimweh und zum Schutz vor dem Feuer haben wir Agatha-Brot eingesetzt.» Die Kirche drohe heute den Bezug zum Leben zu verlieren. «Sie ist zu intellektuell, vielleicht etwas weltfremd», sagt Bucheli. «Dagegen hat das magische Denken etwas Ganzheitliches und Praktisches.» Die Magie bediene den Aspekt des Machens. «Wenn ich einen Zauber anwende, bin ich geschützt. Wenn ich bedroht werde, ergreife ich eine Abwehrhandlung. Dieses Denken ist weltweit verbreitet und besonders in der bäuerlichen Bevölkerung noch heute stark verwurzelt.»

Christentum übernimmt Kult um Wasser

In vorchristlicher Zeit hiess der Kult um das Wasser «Heilwag», was so viel wie Wasser zu heiliger Zeit bedeutet. Das Heilwag musste um Mitternacht oder vor Sonnenaufgang in aller Stille geschöpft werden. Man durfte es nur in Gefässen aufbewahren, die nicht stehen konnten, sondern die man aufhängen musste. Damit wurde verhindert, dass das Wasser mit der Erde in Berührung kam. Mit dem heiligen Wasser besprengte man alles, was zum menschlichen Leben gehört. Auch zu Heilzwecken fand es Verwendung. Mit wenigen Abwandlungen übernahm das Christentum diesen Kult. Das Heiligwasser wurde zum Weihwasser. Die «heiligen Zeiten», in denen das Wasser geschöpft wurde, sind heute Ostern, Weihnachten, Silvester-Neujahr, Dreikönig, die Nacht auf den ersten Mai und die Johannisnacht.

Der moderne Katholizismus fasst das Weihwasser als blosses Symbol auf, im Volke aber wurde es immer auch zu magischen Zwecken verwendet. Es galt als besonderes Wasser, das nicht fault. Man kann es das ganze Jahr in Flaschen und Krügen aufbewahren. Es schützt vor Hexen und dem Teufel, die das Weihwasser scheuen. Man besprengt mit Weihwasser Haus und Stall, sich selber, die Tiere, das Feld, die Alpen und heute auch Fahrzeuge. Bei der Beerdigung besprengt jeder Teilnehmende am Grab den Toten. Zudem schützte dieses Ritual die Segnenden gegen alle Furcht vor dem Tod.

Da man glaubte, dass Unwetter, Blitz und Hagel von Hexen und Unholden verursacht würden, spritzte man Weihwasser vor das Fenster oder stellte das Weihwassergefäss ins Freie. Gegen den Plaggeist Toggeli leerte man Weihwasser in ein Loch, das sich in der Türschwelle befand und das man mit einem Zapfen verschloss. Dies sollte dem Geist den Eintritt ins Haus verwehren. Zahnenden Kindern tauchte man den Saugpfropfen ins Weihwasser. Den armen Seelen wurde bei verschiedenen Gelegenheiten Weihwasser gespendet, um ihnen die Qualen im Fegefeuer zu erleichtern.

Den Weihwasserkessel hängte man üblicherweise an den Türsturz in der Stube. Sprengte man Weihwasser mit geweihten Palmen, dann war es doppelt wirksam. Wurden die Weihwasserbehälter mit Kreuz, IHS oder mit dem Marien-Monogramm verziert, kam eine weitere Wirkungskraft dazu. Die Gefässe selber wurden zu Kultobjekten. An Wallfahrtsorten werden heute noch kleine Weihwasserbehälter mit einem eingelegten Schwamm verkauft, die man auf Reisen mitnehmen kann. Die Älpler benutzen dazu Flaschen.

Bereits die Griechen, Römer und Germanen bedienten sich des heiligen Meerwassers für Weihungen. Dem Salz und dem Salzwasser schrieben sie nicht nur erhaltende, sondern auch eine reinigende Kraft zu. Als Abwehrmittel gegen Schadenzauber wurde Salz als Schutzmittel gegen böse Mächte genannt und mannigfaltig gegen sie verwendet. Im Handbuch des Deutschen Aberglaubens steht: «Um sich vor Hexen zu schützen, streut man in Schlesien Salzkörner, durch deren Zählen sie gehemmt werden. Geweihtes Salz wird vielfach kranken Tieren gegeben. Beim Buttern gibt man in der Schweiz geweihtes Salz ins Fass. Gegen das Gewitter wird eine Handvoll geweihtes Salz aus dem Fenster geworfen. Im Sarganserland gibt man dem Vieh vor dem ersten Austrieb auf die Weide oder vor der Alpfahrt geweihtes Dreikönigssalz ins Maul.» In Uri wird Salz am Dreifaltigkeitssonntag, dem erster Sonntag nach Pfingsten, gesegnet.

«Wir geben den Ritualen eine christliche Bedeutung»

Mit dem magischen Denken wird Pfarrer Wendelin Bucheli oft konfrontiert. Er begegne diesem mit Respekt: «Die alten magischen Rituale wurden schon vor dem Christentum praktiziert. Wir geben diesen Ritualen innerhalb der katholischen Kirche eine christliche Bedeutung.» Das Christentum sei nicht als fertige Religion vom Himmel gefallen. Jahrtausendealte Vorstellungen von Magie und Fruchtbarkeit wurden integriert und christlich umgedeutet. Die ägyptische Göttin Isis, die ihren Sohn Horus stillt, wurde Vorlage für zahlreiche Muttergottesbilder des frühen Christentums. Bräuche heidnischer, das heisst nicht-christlicher Volksfrömmigkeit fanden Einzug in die christliche Kirche wie die Salbungen und Abschwörungen des griechischen Mysterienkults. Heidnische Umzüge mit Götterbildern wurden zu Flurprozessionen. Anstelle heidnischer Opfermahle trat die Segnung des Osterlamms. Daneben leben viele heidnische Bräuche neben der Kirche ausserhalb der offiziellen Liturgie oder des Kirchen­jahres in profaner Weise weiter in Weihnachts-, Oster-, Pfingst- und Sommersonnenwend-Bräuchen.

Wendelin Bucheli, der als Bauernsohn in Bösingen, Freiburg, aufwuchs und später in Freiburg Theologie studierte, ist seit 2005 Pfarrer von Bürglen. Er präsidiert die Sennenbruderschaft und das Fideikommis A Pro Uri, das sich für bedürftige Kinder und Familien in Uri einsetzt. Am Alpsegen schätzt Bucheli vor allem auch den Austausch mit den Älplerfamilien. So ist denn neben den intensiven Gesprächen auch ein Jass auf der Balm bei der Familie Arnold nach dem Alpsegen längst zur Tradition geworden.

Hinweis

In loser Folge stellt Autor und Fotograf Christof Hirtler in unserer Zeitung Brauchtümer der Region vor. Die Hintergrundinformationen stammen aus dem Buch «Geister, Bann und Herrgottswinkel», bei dem Hirtler als Co-Autor mitschrieb und das im September in einer überarbeiteten Zweitauflage erscheint.

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