Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KANTON URI: Der Rapper, Träumer und Afghane aus dem Iran

Ramin ist Rapper, Träumer, und Asylbewerber. Der junge Afghane hat sein Land auf der Suche nach Fortschritt verlassen. Auf der Flucht hat er die Liebe gefunden – und in Uri das Christentum.
Franziska Herger
Ramin lebt im Urnerland und wartet noch auf einen Asylentscheid. (Bild: Franziska Herger (Altdorf, 26. Juli 2017))

Ramin lebt im Urnerland und wartet noch auf einen Asylentscheid. (Bild: Franziska Herger (Altdorf, 26. Juli 2017))

Franziska Herger
<span style="font-size: 1em;">franziska.herger@nidwaldnerzeitung.ch</span>

Ramin hat seine Heimat noch nie gesehen. Wenn er von «seinem Land» redet, meint er trotzdem Afghanistan, und nicht den Iran, wo er geboren wurde: «Ich liebe mein Land, obwohl ich nie dort war.» Ramin ist Flüchtling zweiter Generation. Als in den 1990er-Jahren die Taliban an die Macht kamen, flohen seine Eltern aus Afghanistan in den Iran, nach Teheran. Vor einem Jahr kam für Ramin noch eine dritte Heimat dazu: das Asylzentrum des Roten Kreuzes (SRK) in Altdorf. Der Kanton Uri gefalle ihm. «Die Berge geben mir innere Ruhe.»

Seinen Nachnamen möchte Ramin nicht nennen. Er ist 19, vielleicht aber auch erst 17 Jahre alt. Seine Papiere habe er verloren, erklärt er. Im Empfangszentrum in Kreuzlingen wurde unter anderem eine Handknochenanalyse durchgeführt, um sein Alter zu bestimmen. 18, hiess es. Dass er minderjährig und Afghane ist, kann Ramin ohne Papiere nicht beweisen. Seit über einem Jahr wartet er auf einen Asylentscheid.

Jeden Abend Streit mit dem Vater

Es war die Familie, die Ramin zur Flucht bewegte. Auf der einen Seite sein Bruder Omid, der bereits in Luzern lebt. Und auf der anderen Seite sein konservativer Vater. «In Teheran war ich Schneider und habe mein ganzes Geld meinem Vater gegeben», so Ramin. «Ich wollte trinken und ausgehen. Er wollte, dass ich fünf Mal am Tag bete und um neun Uhr zu Hause bin. Wir hatten jeden Abend Streit.» Eine Flucht aus reiner Teenagerrebellion? Kurt Strehler vom SRK, Leiter Asyl-und Flüchtlingsdienst Uri, weiss: «Afghanische Flüchtlinge im Iran unterstehen starken Schikanen und haben kaum Chancen auf Teilhabe an der Gesellschaft. Mit dem Ausbruch des Syrienkrieges und der Öffnung der Balkanroute hat sich ein Korridor ergeben, der vielen die Gelegenheit zur Flucht bot.»

Ramin ist einer von 3229 Afghanen, die 2016 ein Asylgesuch in der Schweiz stellten. «Die Flucht war sehr schwer», erinnert er sich. «Ich zahlte den Schleppern 3000 Franken. Einen Teil hat mir ein Kollege gegeben, den Rest habe ich gespart.» Seine Eltern rief er erst an, nachdem er Ende 2015 zu Fuss die Grenze in die Türkei überquert hatte. «Sie waren wütend», erzählt Ramin. «Mein Vater fragte, warum ich das getan hätte. Ich antwortete, dass ich tun muss, was ich will, wenn ich erfolgreich sein möchte.» Per Boot reiste Ramin nach Griechenland: «Wir waren 45 Personen auf 9 Metern; zum Glück sind wir nicht gekentert.»

«Ich möchte wieder in einer Familie leben»

Von Mytilini auf der Insel Lesbos ging es quer durch den Balkan und Österreich in die Schweiz. Ein Gutes hatte die lange Reise, erzählt Ramin: «In der Türkei habe ich Hümeyra kennen gelernt.» Auf seinem Smartphone zeigt er ein Foto einer jungen Frau. «Sie ist 18 und möchte nun in der Schweiz studieren. Vielleicht heiraten wir dann.»

In Teheran schrieb er Rap auf Dari, seiner persischen Muttersprache. «Ich möchte in der Schweiz ein Studio finden, um meine Musik aufzunehmen», hofft er. Doch Altdorf ist nicht Teheran und das Leben als Asylbewerber weniger frei als gedacht. Mit dem N-Ausweis kann Ramin nicht reisen, arbeiten oder eine Ausbildung machen. «Ich möchte gerne in die Schule wie ein normaler Junge», sagt Ramin. Und: «Ich möchte wieder in einer Familie leben.»

Trotzdem will Ramin in der Schweiz bleiben: «In Europa gibt es Fortschritt», erklärt er. Im Islam sei dagegen vieles «haram», verboten. «Die vielen Regeln konnte ich nicht akzeptieren. Daher beschloss ich, Christ zu werden.» Afghanische Freunde vermittelten Ramin an Generalvikar Martin Kopp. Der Erstfelder beschaffte ihm eine Bibel auf Persisch, gemeinsam lasen sie das Neue Testament. «Herr Kopp ist ein guter Mann», sagt Ramin. «Aber er hat gesagt, ich könne mich noch nicht taufen lassen.» Martin Kopp bestätigt: «Die Taufe gibt es erst etwa nach zwei Jahren. Es braucht eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Glauben.» Kopp hört nur vereinzelt von Muslimen, die zum Christentum übertreten wollen. «Ich will die Flüchtlinge sicher nicht missionieren. Für sie ist das Konvertieren oft heikel oder gar gefährlich.» Ramin hat sein Kreuz in seinem Zimmer in eine Kommode gelegt, «damit nicht jeder gleich weiss, dass ich jetzt Christ bin». Auch seine Eltern wissen nichts. «Ich werde es ­ihnen nie erzählen», sagt Ramin. «In Afghanistan wird man dafür getötet.»

Ob ihm der Glaubenswechsel helfen könnte, hier zu bleiben, wisse er nicht. «Aber wenn die Schweiz mich wegweist, gibt es für mich keinen Platz in meinem Land.» 2016 erhielten nur 8,2 Prozent der afghanischen Asylbewerber den Flüchtlingsstatus. Weitere 45 Prozent konnten als vorläufig Aufgenommene in der Schweiz bleiben. «Der Iran nimmt afghanische Flüchtlinge nicht zurück», erklärt Kurt Strehler. «Die Abklärung in Afghanistan, ob es sich wirklich um Afghanen handelt, kann sehr lange dauern, wenn sie überhaupt gelingt. Die meisten afghanischen Asylbewerber kann man daher nicht nach Hause schicken.»

Bis ein Asylentscheid vorliegt, macht Ramin das Beste aus seiner Situation. Drei Deutschkurse hat er hinter sich, zwei davon bei der Firma Sprache und Integration in Altdorf. Den letzten bezahlte er selber, da er als Asylbewerber keinen Anspruch auf einen weiteren Kurs hatte. «Ramin ist sehr motiviert und bereit, viel Eigenleistung zu bringen», sagt Geschäftsführerin Regula Wyss. Daneben spielt Ramin Fussball. Vor kurzem haben sie an einem Turnier für Afghanen aus der ganzen Schweiz teilgenommen. «Unser Teamname?», fragt Ramin – und lächelt:, «FC Uri.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.