KANTON URI: «Die Kritik bringt uns weiter»

Oliver Schürch führt nun die Bereitschafts- und Verkehrspolizei. Er spricht über Action, Beschimpfungen, Innovationen und seine Ziele in Uri.

Interview Florian Arnold
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Oliver Schürch im Kontrollraum im Werkhof Flüelen: «Ich will, dass sich meine Leute jederzeit korrekt, freundlich und hilfsbereit verhalten.» (Bild Florian Arnold)

Oliver Schürch im Kontrollraum im Werkhof Flüelen: «Ich will, dass sich meine Leute jederzeit korrekt, freundlich und hilfsbereit verhalten.» (Bild Florian Arnold)

Anfang Monat hat Oliver Schürch seinen Posten als Chef der Bereitschafts- und Verkehrspolizei Uri angetreten. Er bezeichnet den Start als geglückt, auch wenn ihm der Kanton noch fremd ist. Der Ostschweizer über seine Ziele in Uri.

Oliver Schürch, haben Sie gerne Stau?

Schürch: Das hat wohl niemand gern.

Nun arbeiten Sie aber in einem Staukanton.

Oliver Schürch: Man verbindet Uri sicher mit Verkehr und mit Stau am Gotthard. Aber wer Uri, das Land und die Leute ein bisschen kennt, weiss, dass der Kanton viel mehr zu bieten hat.

Was hat Sie hierhergezogen?

Schürch: Natürlich reizte mich die Kaderstelle als Chef der Abteilung Bereitschafts- und Verkehrspolizei, die eine neue Herausforderung darstellt. Ich kann hier eine Abteilung mit rund 70 Mitarbeitern führen und noch mehr Führungsverantwortung übernehmen. Andererseits bedeutet die Stelle für mich auch ein Zurückkommen. Ich war jahrelang in Appenzell Ausserrhoden als Polizist tätig. Appenzell und Uri haben vieles gemeinsam, was die Bevölkerungsgrösse und die Topografie angeht. Ich freue mich darauf, vom Städtischen wieder ins Ländliche zu kommen.

Und welches Bild haben Sie von den Urnern?

Schürch: Ich erwarte bodenständige, pragmatische Leute, bei denen unter der harten Schale ein weicher Kern steckt. Das passt zu mir. Ich bin nicht einer, der zuerst 750 Varianten prüft. Ich überlege sorgfältig, entscheide und gehe dann einen Schritt weiter. Die Menschen, die ich bisher privat getroffen habe, waren sehr freundlich und haben mich sehr gut aufgenommen. Höchstens der Dialekt macht mir manchmal noch etwas zu schaffen.

Wie lernen Sie nun den Kanton noch besser kennen?

Schürch: Mein Stellvertreter und das Kader helfen mir dabei. Ausserdem hat man für mich ein Einführungsprogramm zusammengestellt, und ich möchte auch von Zeit zu Zeit die Mitarbeiter bei der Patrouille begleiten. Es kommt mir aber auch entgegen, dass ich gerne wandere und dabei die vielen Facetten des Urnerlands kennen lernen kann.

Sie sind Chef. Und trotzdem laufen Sie wie Ihre Mitarbeiter in Vollmontur mit Uniform und Pistole herum.

Schürch: Mein Alltag findet sicher zu einem gewissen Teil im Büro statt. Aber wir sind eine Frontpolizei, und ich sehe mich als Teil davon. Wenn ich schon eine Uniform trage, dann komplett. Nach aussen bin ich genauso Polizist wie meine Mitarbeiter, und da gehört eine Waffe dazu.

Sie sind praktisch schon ein Leben lang Polizist. Was reizt Sie immer noch daran?

Schürch: Für mich ist es der abwechslungsreichste Beruf überhaupt. Als Polizist ist kein Tag gleich wie der andere. Das verlangt Flexibilität. Ich freue mich heute noch, jeden Tag einen solch spannenden und lebendigen Beruf in einer Führungsfunktion auszuüben.

Auf Facebook outen Sie sich als Fan der Formel 1 und eines argentinischen Fussballklubs. Sind Sie im Job denn auch auf Action aus?

Schürch: Nein. Ich habe sicher ein Faible für Sport. Dies gehört meiner Ansicht nach bei jedem Polizisten dazu. Und was die Action betrifft: Ich war zwar bei der Interventionseinheit Instruktor, was seinen Reiz hatte. Der Polizeialltag beinhaltet aber wesentlich weniger Action, wie uns das TV-Serien wie «CSI» erahnen lassen. Action ist für mich gleichbedeutend mit einem spannenden, abwechslungsreichen Alltag.

Gibt es eine ruhige Seite an Ihnen?

Schürch: Selbstverständlich. Ich reite gerne, und zwar ohne dass es dabei ums Gewinnen geht. Ich kann dabei komplett abschalten und mich gut erholen.

Der Polizei gegenüber sind viele Leute skeptisch eingestellt. Wie gehen Sie mit dieser ablehnenden Haltung um?

Schürch: Ich gestehe den Leuten diese Haltung zu. Sogar ich habe ein komisches Gefühl, wenn ich privat in eine Polizeikontrolle komme. Denn wer wird schon gerne kontrolliert! Aus diesem Grund will ich auch, dass sich meine Leute jederzeit korrekt, freundlich und hilfsbereit verhalten. Das verstehe ich unter einer bürgernahen Polizei. Man soll mit der Polizei in Kontakt kommen können, ohne kontrolliert zu werden. Viele Leute haben Alltagsfragen, die ein Polizist kompetent beantworten kann. Ich möchte Hemmschwellen abbauen, auch wenn man das nie komplett schaffen wird.

Polizisten werden zuweilen auch beschimpft. Bedrückt Sie das denn nicht?

Schürch: Solche Beschimpfungen sind nicht akzeptabel. Meistens wird dabei der Polizist als solcher beschimpft und nicht die Person hinter der Uniform. Wer diese Unterscheidung nicht macht, trägt einen schweren Rucksack mit sich rum.

Wie stark unterscheiden Sie zwischen Oliver Schürch als Polizist und als Privatperson?

Schürch: Mich als Privatperson gibt es eigentlich fast nicht. Ich bin Polizist, und das weiss meine Umgebung, was von mir ein korrektes Verhalten auch in der Freizeit erfordert. Dies erwarten die Bürger, und deshalb geniessen wir auch grosses Vertrauen in der Bevölkerung.

Sie sprechen sehr ruhig. Kann man Sie auch auf die Palme bringen?

Schürch: Beim Arbeiten eher nicht. Ich kann es aber nicht ausstehen, wenn sich jemand hinter dem Rücken Punkte verschaffen will. Auch bei Kritik erwarte ich, dass man direkt auf mich zukommt. Wir Polizisten sind nicht unfehlbar. Direkte, begründete Kritik kann uns nur weiterbringen. Es funktioniert nur nicht, wenn man über sieben Ecken erfährt, was man hätte besser machen sollen.

Mussten Sie an Ihrem letzten Arbeitsplatz solche Erfahrungen machen?

Schürch: Ganz zu Beginn. Dann aber habe ich verständlich gemacht, dass mir das nicht gefällt.

Es ist also nicht der Grund, weshalb Sie Wetzikon verlassen?

Schürch: Nein. Ich hatte in Wetzikon wunderschöne sechs Jahre. Mich reizte die Kaderfunktion, der Kontakt mit den Leuten sowie die täglich neuen Herausforderungen insbesondere im Gebirge.

In Wetzikon haben Sie ein Elektroschockgerät, ein mobiles Drogenlabor und die so genannten Bahn­hofs­paten eingeführt. Mit welchen Innovationen muss man in Uri rechnen?

Schürch: Ich bin nicht einer, der gleich alles umkrempeln muss. Ich übernehme von Damian Meier eine tadellos geführte, gut aufgestellte Abteilung. Ich werde mir vorerst alles genau anschauen. Erst wenn ich dann eine Idee habe, was man anders machen könnte, wird wohl früher oder später irgendwo der Stempel von Oliver Schürch aufgedrückt werden. Ich will nicht alles aufwirbeln, aber ich schaue immer nach vorne.

Sie waren Chef von 13 Polizisten, jetzt sind Sie es von rund 70. Werden Sie das familiäre Verhältnis vermissen?

Schürch: Ich hoffe nicht, dass das Familiäre ganz verloren geht. Der Kontakt mit meinen Leuten ist mir sehr wichtig. Ich möchte zum Team gehören und nicht nur derjenige sein, der führt. Meine Tür steht hier jedem offen.

Sie verlassen Wetzikon nach sechs Jahren. Werden Sie in sechs Jahren noch in Uri sein?

Schürch: Ich hoffe es sehr. Derart langfristige Prognosen sind aber nicht immer ganz so einfach.

Welches Ziel verfolgen Sie vorerst?

Schürch: Mir ist ein gutes Teamgefüge wichtig. Denn wenn sich alle gut eingebettet fühlen, machen sie draussen auch einen guten Job. Andererseits möchte ich den Kontakt mit den Bürgern noch verstärken. Es ist mir ein Anliegen, Zivilcourage zu fördern.