KANTON URI: Dreck hält Urner gesund

Der Frühling kommt – und mit ihm der Heuschnupfen. Jetzt, nach dem strengen Winter, blühen alle Pflanzen auf einmal: ein Albtraum für Allergiker.

Anian Heierli
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15 bis 20 Prozent der Schweizer leiden an Heuschnupfen. Für sie wird ein warmer Frühlingstag oft zur Qual. (Archivbild / Neue UZ)

15 bis 20 Prozent der Schweizer leiden an Heuschnupfen. Für sie wird ein warmer Frühlingstag oft zur Qual. (Archivbild / Neue UZ)

Endlich Frühling. Doch nicht jeder kann sich darüber freuen. Diese Tage bedeuten für Allergiker puren Stress. Grund: Wegen des langen Winters kommen derzeit gleich alle Pollenarten zusammen. Jetzt blühen Haselsträucher, Erlen, Eschen, Birken und Buchen. Eigentlich hätten Haseln und Erlen schon im Februar Hochsaison gehabt. Doch die Kälte hat die Blüten bis jetzt zurückgehalten.

Die Situation in Uri

Es ist schwierig, für Uri eine flächendeckende Prognose zu stellen. In Bergkantonen würden einzelne Pflanzen je nach Höhenlage zeitverschoben blühen, erklärt Barbara Pietragalla, Biometeorologin von Meteo Schweiz. Momentan herrscht im Urner Talboden die stärkste Belastung – primär mit Eschenpollen. Ihre Konzentration in der Luft ist mässig bis stark. Parallel dazu haben die Haseln in den höheren Regionen ab 1000 Metern Hochsaison. Die Birken in den tiefen Lagen sind erst vereinzelt so weit. Sie lassen jährlich am meisten Schweizer leiden: 8 Prozent der Gesamtbevölkerung reagieren auf das Birkenallergen. «Die Pollenbelastung hängt aber nicht allein von der Region und der Höhenlage ab, sondern auch ganz entscheidend vom Wind», sagt Pietragalla. Dahingehend ist Uri ein Spezialfall. Der starke Föhn verbreitet die Pollen rasch, und er beschleunigt das Blütenwachstum. Doch spätestens am Wochenende können die Allergiker wieder aufatmen. Laut Meteo Schweiz regnet es am Freitag, und Niederschlag stoppt den Pollenflug.

Robuste Landkinder

Der Urner Kantonsarzt Philipp Gamma kennt die Heuschnupfensymptome bestens. Jährlich behandelt er Patienten mit Niesattacken, Husten, Augenbrennen oder Juckreiz. Dennoch: «Die Urner reagieren verhältnismässig selten auf Blütenstaub», sagt Gamma. Überhaupt gebe es auf dem Land weniger Heuschnupfenpatienten. Zwei Faktoren tragen dazu bei. Der erste ist die sogenannte Hygienehypothese. Sie verdeutlicht, weshalb die Landbevölkerung seltener als Städter an Heuschnupfen leidet. «Kinder, die ab und zu im ‹Dreck› spielen, kommen häufiger mit unterschiedlichen Bakterienstämmen in Kontakt», sagt die Medienverantwortliche des Allergiezentrums Schweiz, Annelise Lundvik. «Deshalb entwickeln sie ein starkes Immunsystem.» Man solle die Kleinen ruhig hin und wieder im Sandkasten buddeln lassen. Doch es gibt noch eine zweite Erklärung: «Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass in urbanen Gebieten die verschmutzte Luft den Heuschnupfen begünstigt», erklärt Gamma. «Denn Kleinstpartikel wie Schwermetalle setzen sich auf den Pollen fest. Und dieser verschmutzte Blütenstaub reizt Allergiker weit mehr als der saubere.» Die Hygienehypothese erkläre auch, warum Heuschnupfen in ärmeren Drittweltländern beinahe unbekannt sei. Lundvik nennt dazu folgendes Beispiel: In der ehemaligen DDR habe es kaum Pollenallergiker gegeben. Parallel dazu war der Heuschnupfen in der Bundesrepublik Deutschland längst ein Thema. Erst nach dem Mauerfall habe die Zahl der Allergiker auch im Osten Deutschlands zugenommen.

Allergien unbedingt behandeln

Mit Heuschnupfen ist nicht zu spassen. Eine Allergie kann plötzlich völlig unerwartet auftreten. «Falls sich typische Symptome zeigen, sollte man einen Arzt konsultieren», erklärt Lundvik. Denn ein unbehandelter Heuschnupfen wird in der Regel stärker. Dann droht ein sogenannter Etagenwechsel. Kurz: Aus dem allergischen Schnupfen wird ein bedrohliches Asthma. «Seit dem vergangenen Wochenende sind Antihistamine wieder gefragt», sagt Ursula Huwiler, Amavita-Apothekerin aus Altdorf. Heute verkaufe sie mehr Heuschnupfenmedikamente als noch vor zwei Jahrzehnten. Kein Wunder: Aktuell leiden zwischen 15 und 20 Prozent aller Schweizer an Heuschnupfen. Und einige unter ihnen reagieren sogar auf mehrere Pflanzen gleichzeitig.

Vorsicht mit Medikamenten

Heuschnupfen lasse sich vorbeugend oder akut behandeln, erklärt Huwiler. Die sogenannte Desensibilisierung helfe vorbeugend. Dabei werden dem Patienten im Winter regelmässig kleine Dosen des Allergens verabreicht. In vielen Fällen entwickelt sich so eine Immunität. Bei der akuten Behandlung mit Tabletten, Nasenspray und Augentropfen ist eine gewisse Vorsicht angebracht. Häufig würden solche Antihistamine müde machen, sagt Huwiler. «Autofahren oder das Bedienen von Maschinen unter Medikamenteneinfluss birgt somit ein ernst zu nehmendes Risiko.» Deshalb sei es sinnvoll, wenn man diverse Präparate schon im Voraus ausprobiere. Generell sei die Situation heute aber besser als früher. Einige der neuen Histamine machten weniger müde. Somit könne ein Medikamentenwechsel auch nach Jahren Sinn machen.