Kanton Uri

Einblicke in Hans Beat Wielands filmreifes Leben: Staatsarchiv zeigt den Nachlass des einflussreichen Künstlers

Das Staatsarchiv Uri hat den Nachlass des Künstlers Hans Beat Wieland erschlossen – knapp 5000 Bilddokumente und rund 10 Laufmeter Aktenmaterial. Darunter befinden sich einige kleine Schätze.

Sandra Walser*
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Hans Beat Wieland ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu seinen Lebzeiten jedoch war er ein überaus populärer Landschaftsmaler. Neben Ferdinand Hodler handelte man ihn als einen der wichtigsten Vertreter einer eigentlichen Schweizer Schule. Um 1920 gab es sogar zwei Hochstapler, die sich im gesamten deutschsprachigen Raum über mehrere Monate hinweg als Hans Beat Wieland ausgaben und gefälschte Bilder verkauften. Einer alteingesessenen Familie entstammend, wuchs Wieland in Basel auf und studierte ab 1885 in München, wo er unter anderem die Akademie der Künste besuchte. Bald schloss er sich der sogenannten Münchner Secession an, einer Gruppe von Künstlern, die die zeitgenössische «dunkle» Ateliermalerei ablehnte und stattdessen mit der Leinwand in die freie Natur zog. 1898 heiratete er seine Künstlerkollegin Elsa Henkell, die Schwester des Sektfabrikanten Otto Henkell. Drei Kinder kamen zur Welt.

Hans Beat Wieland, vermutlich in den 1920er-Jahren.

Hans Beat Wieland, vermutlich in den 1920er-Jahren.

Bild: PD/Staatsarchiv Uri

1918 erkor Wieland die Zentralschweiz zu seiner Wahlheimat: Die Familie lebte zunächst in Schwyz – im «Acherhof», der heute zum gleichnamigen Altersheim gehört –, später in Kriens. Dass sich der Künstler gerade hier niederliess, dürfte kein Zufall gewesen sein. Einerseits bildeten die Schweizer Voralpen und Alpen ein wichtiges Motiv in Wielands Werk, andererseits war der Maler auch ein passionierter Bergsteiger. In jungen Jahren schon registrierte sich Wieland als Mitglied der Sektion Gotthard des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) sowie des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins.

Den Tourismus in der Schweiz fördern mit grossflächigen Werken

Mit «Letztes Leuchten» schuf Hans Beat Wieland 1904 eines der wahrscheinlich meistreproduzierten Bilder der Schweizer Malerei. Renommierte Museen im In- und Ausland widmeten ihm Einzelausstellungen. Er verantwortete auch zahlreiche Abstimmungs- und Werbeplakate sowie eine Pro-Juventute-Briefmarkenserie. Nicht zuletzt gestaltete Wieland Fresken in verschiedenen SBB-Bahnhöfen: grossformatige Auftragswerke, deren Hauptfunktion darin bestand, mit prachtvollen Berglandschaften den Tourismus in der Schweiz zu fördern.

Im alten Bahnhof Luzern etwa hing das Wandbild «Gotthardpasshöhe». Dieses wurde in der Folge des Bahnhof-Brandes von 1971 und des Abbruchs in den 1980er-Jahren dank der finanziellen Unterstützung des Kantons Uri aufwendig abgelöst und restauriert. Zusammen mit einem weiteren Wieland-Fresko «Wassen im Winter» aus dem Bahnhof Bern liess es sich im Bahnhofsbuffet Göschenen neu platzieren, wo es heute noch zu bestaunen ist.

Hans Beat Wieland malte in den 1930er-Jahren das Fresko «Gotthardpasshöhe», welches im alten Bahnhof Luzern hing und seit 1985 im Bahnhofsbuffet in Göschenen zu sehen ist.

Hans Beat Wieland malte in den 1930er-Jahren das Fresko «Gotthardpasshöhe», welches im alten Bahnhof Luzern hing und seit 1985 im Bahnhofsbuffet in Göschenen zu sehen ist.

Bild: PD/Staatsarchiv Uri

Auch Tagebücher, Liedtexte und Fotos zu finden

Der künstlerische Nachlass Wielands sowie ein Werkverzeichnis befindet sich bei der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) in Winterthur. Der dokumentarische Nachlass kam in den 1990er-Jahren aufgrund der Bemühungen des alt Staatarchivars Rolf Aebersold ins Staatsarchiv Uri und umfasst neben der umfangreichen Korrespondenz unter anderem auch Tage- und Skizzenbücher, Liedtexte, Noten, Fotos, Negative und einen Pressespiegel. Das Staatsarchiv konnte 2018 zudem von der SKKG, die auch die Finanzierung des Projekts sicherstellte, den Nachlass des Sohnes Richard Rudolf Wieland übernehmen. Zeit seines Lebens bemühte sich dieser darum – mit mässigem Erfolg –, dem Werk seines Vaters wieder zu seiner einstigen Bedeutung zu verhelfen. Zudem forschte er akribisch zu bestimmten Kunstwerken und biografischen Details.

Die beiden Nachlässe ergänzen sich befruchtend und machen den Menschen Hans Beat Wieland in all seinen Facetten sichtbar: Er war nicht nur «Bergmaler», sondern auch beliebter Organisator von ausschweifenden Künstlerfesten, Liedtexter und Gitarrenspieler, Familienvater, Unterhalter mit feinem Humor, stolzes Mitglied der Schweizer Armee, glänzender Beobachter, engagierter Natur-, Kultur- und Menschenfreund – und eine scharfzüngige Stimme gegen die bisweilen allzu abgehobene Kunstkritik.

Die Abenteuer der Künstler in einem Comic nacherzählt

Einzelne Stationen in Hans Beat Wielands Leben sind filmreif. Etwa konnte er 1893 zusammen mit seinem Künstlerkollegen Zeno Diemer über den Atlantik nach Chicago reisen. Der Österreichische Verkehrsverein verpflichtete die beiden, für einen Pavillon der Weltausstellung ein Panoramabild der Tiroler Alpen zu gestalten. In der Weltmetropole wussten sie kaum, wie ihnen geschah, davon zeugt unter anderem ein Comic, mit dem Wieland und Diemer ihre Abenteuer mit einem Augenzwinkern nacherzählen.

Im Sommer 1896 verschlug es den mittlerweile 29-Jährigen via Deutschland und Norwegen sogar an den Rand der damals bekannten Welt. Als einer der ersten Polartouristen der Geschichte besuchte Wieland die hocharktische Inselgruppe Spitzbergen. Im Auftrag einer Zeitschrift sollte er dort den Start einer Nordpolexpedition dokumentieren. Er passte als (Lebens-)Künstler eigentlich so gar nicht in die illustre Gesellschaft, auf die er an Bord des kleinen Kreuzfahrtschiffes Erling Jarl traf. Ihm lag wenig an Champagner, Frack und Dekolleté. Sein Interesse galt vielmehr der Erkundung der Szenerie, in der er – wandernd, malend und schreibend – immer wieder Parallelen zu seiner Heimat entdeckte. So liess ihn das nordnorwegische Küstengebiet schwärmen: «Meine eigentliche Lieblingslandschaft – sie hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Gotthard.» Spitzbergen zog ihn schliesslich komplett in den Bann. Man erhalte von diesem «Wunderland» wohl die beste Vorstellung, wenn man sich «unsere Hochalpen bis zur Schneegrenze ins Meer versenkt denkt, sodass nur noch die obersten Gipfel und Firnbereiche hervorragen», steht in Wielands ebenso hoch spannenden wie visionären Reisenotizen zu lesen.

Eine Doppelseite aus dem Tagebuch von Wieland zu seiner Arktisreise 1896.

Eine Doppelseite aus dem Tagebuch von Wieland zu seiner Arktisreise 1896.

Bild: PD/Staatsarchiv Uri

Als Kriegsmaler beinahe von einer Granate getroffen

Während des Ersten Weltkriegs fuhr Hans Beat Wieland, vermittelt durch den Schweizer Generalstabschef, als Kriegsmaler des österreichisch-ungarischen Heereskommandos sechsmal für mehrere Wochen an verschiedene Fronten. Einmal schlug wenige Meter von ihm entfernt eine feindliche Granate ein. Im Schock steckte er einen «noch warmen» Splitter in seine Jackentasche und nahm ihn – wohl als Erinnerung an seinen «Glückstag» – schliesslich mit nach Hause. Heute ist er, genauso wie die beeindruckenden Fronttagebücher und viele weitere kleine Schätze, in Altdorf im Staatsarchiv zu finden.

*Sandra Walser ist freischaffende Historikerin. Sie hat 2019/2020 die beiden Nachlässe im Staatsarchiv Uri erschlossen. Bereits 2018 veröffentlichte sie zu Hans Beat Wielands Arktisreise ein Buch: «Auf Nordlandfahrt – 1896 von Hamburg nach Spitzbergen».