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KANTON URI: Heimweh hat er nur nach Altdorf

Vor siebzig Jahren kam Tino Valsecchi aus Italien in Uri an – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute ist er Jasskönig, Architekt – und Schweizer. Eine Erfolgsgeschichte.
Franziska Herger
Tino Valsecchi, 65 Jahre später an gleicher Stelle... (Bild: Franziska Herger (Altdorf, 30. Juni 2017))

Tino Valsecchi, 65 Jahre später an gleicher Stelle... (Bild: Franziska Herger (Altdorf, 30. Juni 2017))

Franziska Herger

redaktion@urnerzeitung.ch

Eigentlich war Tino Valsecchi schon immer Urner, und darauf legt er Wert: «Nach meiner Berechnung wurde ich in Altdorf gezeugt», sagt der 78-Jährige. Sein Vater, ein in den Dreissigerjahren nach Altdorf eingewanderter Maurer, erhielt 1938 Besuch von seiner Frau und zwei Kindern aus Italien. Zurück im Dörfchen Rossino nahe Bergamo wurde neun Monate später Valentino Valsecchi geboren. Noch im gleichen Jahr brach der Zweite Weltkrieg aus, und trennte die Familie Valsecchi für Jahre. Erst 1944, mit fünf, sah Valentino seinen Vater zum ersten Mal – durch die Maschen des Grenzzauns in Chiasso. «Daran erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen», sagt Tino Valsecchi.

Nach Kriegsende konnte Vater Valsecchi seine Frau und Kinder endlich nach Altdorf holen. Am 7. Juli 1947, vor genau 70 Jahren, kamen sie in Flüelen an. «Meine erste Erinnerung an Uri ist die Tramfahrt nach Altdorf», so Valsecchi. «Am Gemeindehausplatz sagte uns der Tramchauffeur Huwyler, hier müssten wir aussteigen.»

Es hat auch Vorteile, der Einzige zu sein

«Heute fühle ich mich als Schweizer», sagt Valsecchi. Doch damals, mit acht Jahren, tat sich der kleine Tino schwer. Kaum in dem Mietshaus im Vogelsang angekommen, musste er in die zweite Klasse in Altdorf, als einziges ausländisches Kind. «Ich konnte kein Wort Deutsch», erinnert er sich. «Bei der Beichte habe ich jeweils einfach gar nichts gesagt. Wie auch?» Die Mutter konnte ihm nicht helfen, sie sprach ihr Leben lang kein Deutsch. Doch Tino freundete sich bald mit den Nachbarsjungen von der Bäckerei Hauger an, und wurde so in Rekordzeit zum Altdorfer. Er war Pfadfinder, Ministrant, spielte später leidenschaftlich Fussball für den FC Altdorf und war Gründungsmitglied des Handballklubs KTV Altdorf. «Es war auch ein Vorteil, der Einzige zu sein», so Valsecchi. «Durch die Freundschaft mit Schweizer Kindern hatte ich keine Mühe, mich zu integrieren.»

Zurück nach Italien wollte Valsecchi nie. Er hatte zum ersten Mal Heimweh, als er sich als junger Mann in den Kopf setzte, Schauspieler zu werden. «Ich war ein Jahr lang in Zürich an der Schauspielschule, und blieb kaum zwei Sonntage dort», erinnert sich Valsecchi. Die Kollegen in Altdorf fehlten ihm. Nach einigen kleinen Rollen in Schweizer und deutschen Filmen hatte der gelernte Schreiner genug: «Ich wollte nach Hause.»

Zurück in Altdorf begann er 1962 eine zweite Lehre als Hochbauzeichner, und bildete sich danach in Abendkursen zum Architekten weiter. Am Dorfleben nahm Valsecchi stärker teil als mancher, der in Altdorf geboren war. 30 Jahre lang spielte er den Harass in den Tellspielen. Er war Mitglied im Junggesellenverein, im Kolpingverein, und ist noch heute in der Männerriege. «Ich kann allen Einwanderern nur empfehlen, einfach überall mitzumachen», sagt Valsecchi. Besonders gut war er im schweizerischsten aller Spiele: dem Jass. Die Mutter Hauger hatte es ihm als kleiner Junge beigebracht. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2000, wurde er Vize-Schweizermeister.

Aus Liebe liess er sich einbürgern

Trotz seiner Liebe zu Altdorf dachte Valsecchi nie daran, Schweizer zu werden. Das änderte sich erst mit der Liebe zu seiner ersten Frau: Um ihren Vater von seinen Qualitäten als Schwiegersohn zu überzeugen, stellte er ein Einbürgerungsgesuch. Am 2. Juli 1967 hiess die Gemeindeversammlung Altdorf den Antrag gut, mit 84 Ja- zu 29 Neinstimmen. Warum ihm 29 Personen das Bürgerrecht verweigern wollten, darüber hat Valsecchi nie nachgedacht. «Ein paarmal habe ich das Wort Tschingg schon gehört, vor allem als Kind. Aber ich habe mich nie benachteiligt gefühlt.» Würde Valsecchi, 50 Jahre später und als stolzer Altdorfer, selber einem Einbürgerungsgesuch zustimmen? Er überlegt lange. «Ich müsste Ja stimmen», sagt er schliesslich, und schmunzelt.

Und was ist ihm von Italien geblieben? «Drei Tanten», sagt Valsecchi trocken. «Und natürlich das Essen.» Trotzdem, bei einem Fussballspiel der Schweiz gegen Italien müsste er die Italiener unterstützen, findet er, und versichert augenzwinkernd: «Aber nur, weil sie besser sind.»

...damals im Jahr 1952. (Bild: PD)

...damals im Jahr 1952. (Bild: PD)

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