Kanton Uri / Nidwalden
Suizidversuch oder Fahrt im verwirrten Zustand? Landgericht muss über Frontalkollision im Gotthard urteilen

Eine psychisch kranke Nidwaldnerin steuerte ihr Auto in einen entgegenkommenden Lastwagen. Die Urner Staatsanwaltschaft sieht dadurch das Rasergesetz verletzt.

Lucien Rahm
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Ein frontaler Zusammenstoss mit einem entgegenkommenden Lastwagen beendete die ausser Kontrolle geratene Autofahrt der damals 49-jährigen Nidwaldnerin. Im Gotthardtunnel geriet sie auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einem slowakischen Lastwagen. Die verletzte Frau wurde per Rega in ein Spital gebracht, auf der A2 herrschte stundenlang Stau vor dem gesperrten Strassentunnel.

Der slowakische Lastwagen nach der Frontalkollision im Gotthardtunnel.

Der slowakische Lastwagen nach der Frontalkollision im Gotthardtunnel.

Bild: Kantonspolizei Uri

Dreieinhalb Jahre später ist die fatale Fahrt Thema vor dem Urner Landgericht, wo die Frau nun wegen ihrer mehrfacher Verkehrsregelverletzungen angeklagt ist. Sie selber erschien am Dienstag nicht vor dem fünfköpfigem Landgericht: Wegen ihres schlechten psychischen Zustandes wurde sie von der Teilnahme an der Verhandlung dispensiert. Aus welchen Gründen sie sich damals ans Steuer ihres Autos setzte und dabei eine Halbliterflasche Weisswein sowie 20 Schlaftabletten mitnahm, musste aus den Schilderungen ihres Verteidigers und jener der Staatsanwältin geschlussfolgert werden.

Ziel sei ein Unfall gewesen

Geht es nach der Staatsanwaltschaft, habe es sich bei der Autofahrt im Oktober 2017 um einen «Hilferuf», womöglich gar um einen Suizidversuch der Frau gehandelt. Sie habe damals an einer Depression gelitten, und die Fahrt habe der Ausweg aus dieser Situation sein sollen. Strafrechtlich relevant ist dabei die Frage, ob sich die Nidwaldnerin bewusst zur besagten Autofahrt entschieden hatte oder nicht. Laut der Staatsanwältin sei sie diese ganz bewusst mit Alkohol und Medikamenten angetreten, mit dem Ziel, einen Unfall zu verursachen. Denn vor dem Losfahren sei sie voll urteilsfähig gewesen, was auch in einem psychiatrischen Gutachten festgehalten sei, so die Staatsanwältin.

Es sei somit auch die Absicht der Frau gewesen, während der Fahrt die ganze Flasche Weisswein und mehrere Schlaftabletten – laut Anklageschrift bis zu 20 – einzunehmen. Dass sie eigentlich eine Flasche Wasser habe mitnehmen wollen und den Wein auch für eine solche gehalten habe, liess die Staatsanwältin nicht gelten. «Spätestens nach dem erstem Schluck hätte sie den Unterschied bemerken müssen.» Gezielt habe sich die Autolenkerin somit in einen fahrunfähigen Zustand gebracht.

Zwei Fahrzeugen ins Heck gefahren

Nicht nur kam es dadurch zum Zusammenstoss mit dem Lastwagen. Bereits auf dem Weg von Nidwalden in den Gotthardtunnel verursachte die Frau auf der Autobahn zwei Auffahrunfälle. Auf dem Gebiet von Silenen steuerte sie ihren Wagen mindestens fünfmal ins Heck eines Sattelschleppers, bevor sie ihn überholte. Und auch im Gotthard fuhr sie nochmals einem Fahrzeug auf: Mehrmals stiess sie in einen vor ihr fahrenden Personenwagen aus Italien. Dass sich die Frau anschliessend nicht pflichtgemäss um die Schäden kümmerte und einfach weiterfuhr, macht ihr die Staatsanwaltschaft ebenfalls zum Vorwurf.

Unter dem Strich sieht die Staatsanwältin durch die begangenen Verletzungen zahlreicher Verkehrsregeln den sogenannten Rasertatbestand erfüllt. Mit ihrem Verhalten habe die Frau nämlich vorsätzlich «elementare Verkehrsregeln» verletzt und «das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern» in Kauf genommen. Artikel 90 des Schweizer Strassenverkehrsgesetzes sieht dafür eine Haftstrafe von einem bis vier Jahren vor. 18 Monate bedingt hält die Staatsanwältin im vorliegenden Fall für angemessen. Zusätzlich fordert sie eine Busse von 10'000 Franken.

Verteidiger hält Fahrt für kein Raserdelikt

Einen Freispruch in allen Punkten verlangte hingegen der Verteidiger der Frau von den drei Richtern und zwei Richterinnen. Für ihn komme der Raserartikel «sicher nicht zum Tragen». Denn seine Mandantin habe nicht vorsätzlich gehandelt, was für die Erfüllung des Rasertatbestandes Voraussetzung wäre. Die Frau sei eben gerade nicht zurechnungsfähig gewesen, und das bereits, bevor sie ihre verheerende Fahrt antrat, so der Anwalt in energischem Ton. Ihr Ehemann – der mittlerweile verstorben ist und somit nicht mehr als Zeuge beigezogen werden konnte – habe in Einvernahmen ausgesagt, dass seine Frau an jenem Tag «völlig durch den Wind» gewesen sei.

«Sie zog Joggingschuhe und die Jacke ihrer Tochter an. Sie wollte Wasser mitnehmen und packte stattdessen einen Weisswein ein», erläuterte der Verteidiger den «geistigen Ausnahmezustand», in dem sich die Frau damals befunden habe. Das knapp 21'000 Franken teure Gutachten der Luzerner Psychiatrie, welches der Frau eine «atypische Depression» und eine Zurechnungsfähigkeit bescheinige, nannte der Verteidiger «unsorgfältig und tatsachenwidrig». Vielmehr habe sie an einer schweren Depression gelitten, begleitet von «massiven Schlafstörungen». Ihr Denkvermögen sei dadurch eingeschränkt gewesen.

Keine Erinnerung an Autofahrt

Somit sei seine Klientin auch nicht schuldfähig gewesen, als sie sich auf die Fahrt begab. Sie habe nicht beabsichtigt, sich mit dem Wein und den Schlaftabletten bewusst fahrunfähig zu machen, weil demnach bereits diese Handlung in einem verwirrten Zustand erfolgt sei. Schliesslich habe sie sich an die ganze Autofahrt auch gar nicht erinnern können.

Von welchen Argumenten sich das Landgericht überzeugen lässt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Je nach Ausgang müsste die Frau dann auch die Untersuchungskosten von knapp 27'000 Franken bezahlen.

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