Kanton Uri

Studenten analysieren alte Tonbänder – und ermöglichen einen Einblick in die Urner Berglandwirtschaft der 1970er-Jahre

Das Institut «Kulturen der Alpen» der Universität Luzern lässt Studierende im Rahmen einer Lehrveranstaltung Tonbänder von Fredi M. Murer analysieren. Diese sind bei Dreharbeiten entstanden.

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(jb)

Bei den Recherchen und den Dreharbeiten für Fredi M. Murers Film «Wir Bergler in den Bergen …» entstanden gemäss dem Urner Institut «Kulturen der Alpen» der Universität Luzern viele interessante und sehr lebendige Tonbandaufnahmen, die nur zu einem kleinen Teil im Film Verwendung fanden. Diese werden laut einer Mitteilung des Instituts nun digitalisiert und im Internet zugänglich gemacht. Gleichzeitig werden Studierende in Zusammenarbeit mit dem Institut die Tonaufnahmen analysieren.

Fredi M. Murer hat in den Jahren 1973 und 1974 den Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind» realisiert. Der Film thematisiert das Leben der Urner Bergbevölkerung im Göscheneralptal, im Schächental, auf dem Urnerboden und im Maderanertal. Der Film zeigt dabei die unterschiedlichen, nebeneinander existierenden Entwicklungsstadien des Bergkantons in den 1970er-Jahren.

Die Familie von Jost Mattli im «Gwüest» in der Göscheneralp wirkte wie praktisch alle damaligen Bewohner des Göscheneralptals im Film mit.
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Die Filmequipe (von links): Iwan Schumacher, Fredi Murer, Benjamin Lehmann unterwegs im Schächental.
Filmaufnahmen bei der Familie von Franz Herger («Bänziger») im Heimwesen Butzen in Spiringen. Regisseur Fredi Murer steht ganz links.

Die Familie von Jost Mattli im «Gwüest» in der Göscheneralp wirkte wie praktisch alle damaligen Bewohner des Göscheneralptals im Film mit.

Bild: PD

Regisseur Fredi M. Murer kehrte von den Dreharbeiten in den Urner Bergen aber nicht nur mit belichteten Filmrollen ins Tal zurück: Mit im Gepäck hatte er rund 160 Magnet Tonbänder. Sie waren bespielt mit atmosphärischen Klangbildern, Erzählungen und Gesprächen mit Bergbäuerinnen und Bergbauern sowie themenbezogenen Interviews. Mehrheitlich waren die Aufzeichnungen während der Filmaufnahmen vor Ort entstanden. Im 108 Minuten langen Film konnte aber nur ein kleiner Teil davon verwendet werden.

Bergler nehmen in Aufnahmen Bezug auf alte Traditionen

Diese umfangreichen Tonaufnahmen sind wertvolle Zeitdokumente über die damalige Situation der Urner Berglandwirtschaft. Sie bieten nicht nur Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit der Bäuerinnen und Bauern, sondern auch in ihr Erleben und Denken, das von Tal zu Tal ganz unterschiedlich war. Diese Unterschiede kommen auch im Klang und Wortschatz der Dialekte zum Ausdruck. Die Berglerinnen und Bergler erzählen über ihr Leben, Wirken, Hoffen und Bangen und nehmen dabei oft Bezug auf ihre Vorfahren und deren alte Traditionen im rauen Berggebiet.

Auf diesen Magnetbändern schlummern auditive Schätze in Form von Lebenserinnerungen, Sagen, Armenseelengeschichten, Schulaufsätzen, Betrufen oder dem «Eid der Alpvögte». Zu hören sind aber auch atmosphärische Klangbilder und Geräuschkulissen, die selbst den Urnerinnen und Urnern heutzutage so kaum noch zu Ohren kommen.

Studierende analysieren Strukturwandel der Berglandwirtschaft

Um die Tonaufnahmen für die Nachwelt zu erhalten und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen, werden die Magnetbänder aktuell durch das peakfein studio von Paul Avondet und Sophia Murer digitalisiert. Sophia Murer ist die Tochter von Filmemacher Fredi M. Murer. Das peakfein studio ist unter anderem auf Filmrestaurationen spezialisiert. Die digitalisierten Tonaufnahmen werden ab Sommer 2021 für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Darüber hinaus ist in Zusammenarbeit mit dem Urner Institut «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern eine Lehrveranstaltung in Planung. Dabei sollen die Zeitdokumente gemeinsam mit Studierenden analysiert und in Kontext gesetzt werden. Die Lehrveranstaltung wird sich aus historischer Perspektive dem Berggebiet der 1970er-Jahren annähern und sich intensiv mit dem Strukturwandel der Urner Berglandwirtschaft auseinandersetzen. Die in der Lehrveranstaltung entstehenden Arbeiten sollen ebenfalls auf der Website mit den Tonaufnahmen veröffentlicht werden. Die Digitalisierung der Tonbänder wird finanziell durch die Dätwyler Stiftung und den Lotteriefonds des Kantons Uri unterstützt.