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KANTON: Uri und seine Katastrophen

Heuer jähren sich die Hochwasser von 1977 und 1987 zum 40. und zum 30. Mal. Franz Steinegger, der als Leiter des Krisenstabs hautnah dabei war, analysiert und vergleicht die Ereignisse auch mit jenen von 2005.
Franz Steinegger
Die Kantonsstrasse nach Gurtnellen wurde 1987 von den Wassermassen mitgerissen. (Archivbild UZ)

Die Kantonsstrasse nach Gurtnellen wurde 1987 von den Wassermassen mitgerissen. (Archivbild UZ)

Franz Steinegger

redaktion@urnerzeitung.ch

«Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.» Max Frisch macht mit diesem Ausspruch deutlich, dass die Alpen kein Horrorraum sind. Es gibt mit Hochwasser, Lawinen, Bergstürzen, Steinschlag, Gletscher und so weiter eine sprunghafte Naturdynamik, was wir als Naturkatastrophe bezeichnen. Das touristisch interessante Relief ist ein Produkt dieser Dynamik, das heutige Alpengebiet das Produkt solcher Naturprozesse. Folgen dieser Naturdynamik sind sogar bevorzugte Siedlungsstandorte wie Schwemmkegel und Kegel von Bergstürzen.

Für Infrastrukturanlagen besteht dadurch ein schwieriges Relief. Infrastrukturbauten sind nicht nur mühsam zu erstellen, sondern auch immer wieder der Beschädigung durch Naturereignisse ausgesetzt. Trotz dieser Gefahren besteht aber nördlich und südlich der Alpen ein Interesse für Güteraustausch und Personenverkehr. Die Alpenbewohner mussten sich deshalb früh genossenschaftlich zusammenschliessen, um die Infrastrukturbauten zu erstellen und zu unterhalten, von denen dann auch Arbeit und Einkünfte erwartet wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass nach der Wegbarmachung der Schöllenen zwischen 1218 und 1226 und damit der Aufwertung der Gotthardroute Ende des 13. Jahrhunderts erste Bündnisse der Urkantone abgeschlossen wurden.

Zusammenspiel von Naturgefahren und Politik

Beschädigungen an den Infrastrukturanlagen bedeuteten immer wieder eine Herausforderung für die Politik. In der Schöllenen waren der Unterhalt und die Ersetzung der Häderlibrücke, welche 1987 teilweise zerstört wurde, ein Thema, das die obersten politischen Vertreter von Uri und Ursern immer wieder zusammenführte. Vor allem für das 17. Jahrhundert sind diverse Abmachungen betreffend Projekt und Kostenteiler überliefert. Noch intensiver war das Zusammenspiel von Naturgefahr und Politik bei der Ersetzung der Twerrenbrücke durch das Urnerloch 1708. Diese war ein an Ketten aufgehängter Holzsteg um die Nase des Kirchfelsens oberhalb der Teufelsbrücke. Technisch war die Konstruktion der eigentliche Knackpunkt bei der Wegbarmachung der Schöllenen. 1707 wurde sie durch ein Hochwasser zerstört. Anstelle der Ersetzung des Steges wurde ein Felsdurchstich beschlossen und der Tessiner Pietro Morretini mit der Erstellung dieses ersten «Alpendurchstiches» beauftragt. Am 15. August 1708 konnten die Arbeiten beendet werden. Die Kosten- und Terminüberschreitungen konnten versöhnlich geregelt werden. Beides blieb ein Attribut von Tunneln durch die Alpen.

Im Buch «Am Tage danach – zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500–2000» von Christian Pfister wird gezeigt, wie nach dem Bergsturz von Goldau 1806, nach den Überschwemmungen in den Zentralalpen von 1831, 1839 und 1868 und nach dem Bergsturz 1881 in Elm eine schweizweite Bewegung gegenseitiger Hilfe entstanden ist. Diese Solidarität richtete sich nicht nach Kantonsgrenzen, sondern erfasste die Gemeinschaft der Eidgenossen.

Verschiedentlich war die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft die zentrale Institution für die Organisation der Mittelbeschaffung und der Mittelverteilung, wobei die Gelder vor allem für Schutzbauten eingesetzt wurden, weil die Subventionierung durch die Eidgenossenschaft noch nicht zum Tragen kam. Einerseits war der Bundesstaat noch nicht geboren, andererseits fehlte bis 1871 die gesetzliche Grundlage für Beitragsleistungen. Nach dem Hochwasser vom Herbst 1868 erliess der Bundesrat einen Hilferuf an das Schweizer Volk im In- und Ausland und ernannte ein «Centralhilfscomite».

Wenig Interesse an offerierten Bundesbeiträgen

Auf eidgenössischer Ebene führten die Hochwasser von 1834, 1839 und 1868 zu einer umfassenden Forstgesetzgebung. 1874 wurde dem Bund die Kompetenz zur Oberaufsicht im Hochgebirge für den Forstbereich übertragen. 1897 erfolgte die Ausdehnung der Bundeskompetenzen auf die ganze Schweiz. Auf Bundesebene bestand ursprünglich eine Verbindung von Forst- und Wasserbaupolizei. Die Durchsetzung des Waldschutzes war schwierig, weil gerade in den Gebirgs­regionen der Wald auch vom Schmalvieh beweidet wurde.

Die Bergkantone zeigten wenig Interesse, von den offerierten Bundesbeiträgen Gebrauch zu machen. Wegen der Bedürfnisse nach Weideflächen waren zum Beispiel Aufforstungen wenig beliebt und als obrigkeitliches Diktat angesehen. So wurde dem Kanton Uri der Entzug weiterer Wasserbausubventionen angedroht, wenn das Schmalvieh weiterhin die Aufforstungen am Gangbach im Schächental gefährden würde. Im Forstbereich bestanden im Kanton Uri sogenannte Bannbriefe zum Schutz des Waldes (Seelisberg 1365, Flüelen 1382, Andermatt 1397). Dabei stand der Schutz gegen Steinschlag und Lawinen im Vordergrund.

Im Mittelalter begann die Bevölkerung, Boden in der Nähe von Flüssen und Bächen zu bewirtschaften. Wuhrgenossenschaften bei Reuss und Schächen entstanden. Ab 1850 wurde die Reuss kanalisiert. 1888 brachen die Wuhren an Reuss und Schächen, 1910 gab es eine grosse Überschwemmung.

Hochwasserschutzprogramm nach Ereignissen 1977 und 1987

Die naturgegebene Dynamik kann nicht «abgeschaltet» werden. Ziel von generellen Präventionsmassnahmen ist, die Dynamik derartiger Naturprozesse zu bremsen und zu regulieren. Das grosse Schadenereignis vom 31. Juli und 1. August 1977 zeigte das Ungenügen der bisherigen Wuhrgenossenschaften auf. Aus dieser Erfahrung hiess das Volk am 30. November 1980 ein kantonales Wasserbaugesetz gut. Damit wurden die Wasserbaumassnahmen dem Kanton übertragen und der Gewässerunterhalt zwischen Kanton und Gemeinden verteilt. Immer unter allfälliger Verpflichtung besonders bevorteilter Dritter wie Bahngesellschaften, Nationalstrassen und weiterer. 2007 wurde der Gewässerunterhalt dem Kanton übertragen. Neben dem Gesetz wurde ein Hochwasserschutzprogramm entwickelt. Dieses umfasste Wasserbautechnik, Forst, Meliorationstechnik und Raumplanung. Entsprechend dem Schadenereignis von 1977 standen Massnahmen im unteren Reusstal mit den Seitenbächen und im Schächental im Vordergrund.

Die Durchführung dieses Hochwasserschutzprogrammes wurde teilweise überholt durch das Katastrophenereignis von 24./25. August 1987. Dieses Mal befand sich das Zentrum der Niederschläge am Alpenkamm, das heisst im Urserental und im Göscheneralptal mit Begrenzung zwischen Maderanertal und Schächental. Der Hochwasserabfluss aus den Ursprungsarmen der Reuss und aus den Wildbächen führte zu einer Abflussgrösse in der Reuss, welche zur Überflutung der Hochwasserdämme der Reuss im unteren Reusstal führte. Die bisher registrierten Höchstabflüsse wurden dabei teilweise massiv überschritten.

Die Erfahrungen aus diesem Ereignis führten zum Hochwasserschutzprogramm 1993. Primäres Ziel war die Erhöhung der Hochwassersicherheit entlang des Reusslaufs. Das Programm basierte auf einer einheitlichen Schutzphilosophie, das jedoch nicht von einem absoluten Schutz ausgeht. Landwirtschaftlich intensiv genutzte Flächen werden gegen ein 20-jähriges Hochwasser geschützt, das heisst, dass durchschnittlich alle 20 Jahre ein Schaden eintreten könnte. Für Einzelgebäude und Infrastrukturanlagen von nationaler Bedeutung braucht es ein 50-jähriges Hochwasser, und für geschlossene Siedlungen und Industrie gilt ein 100-jähriges Hochwasser als Massstab. In besonderen Fällen können diese Ziele erhöht werden.

Das Hochwasserereignis von 22./24. August 2005 entsprach tendenziell dem Szenario von 1977 mit einem hohen Abfluss aus dem Schächental und dem Maderanertal und einem vergleichsweise geringen Abfluss der Reuss, der zu einer geringen Transportkapazität der Reuss für die Geschiebefracht des Schächenbaches führte. Dazu kam eine Fehlfunktion eines nach 1977 erstellten Dosierbeckens im Schächen.

Am 8. Februar 2009 genehmigte das Volk ein drittes Hochwasserschutzprogramm, das die Restanzen aus den Programmen 1977 und 1987 enthält sowie ein neues für 2008 bis 2019. Gleichzeitig wurde für das Industriegebiet im Urner Talboden das Schutzziel erhöht, um den Schutz gegen ein 300-jähriges Hochwasser sicherzustellen.

«Not kennt kein Gebot», lautet das Motto

Dank genereller Aufträge des Regierungsrates konnte die Schadenwehr­organisation jeweils auch etwas nach dem Grundsatz «Not kennt kein Gebot» vorgehen. Allerdings war ich im August 1977 etwas besorgt, als mir Genieoberst und Ingenieur Heinz Bysäth erklärte, dass man zur Sanierung des grossen Bruches beim Chipfeli in Spiringen eine mit Lastwagen befahrbare Strasse bis Chipfen bauen müsse. An einem Samstag hat Heinz Bysäth dann den Wegverlauf verpflockt. Ein Plan bestand nicht. Der Gemeindepräsident und der Gemeindeschreiber holten die schriftlichen Zustimmungen der betroffenen Landeigentümer ein. Einer, dessen Land bereits erschlossen war, zögerte bei der Zustimmung. Deshalb habe ich den Schattdorfer Bauunternehmer Alois Imholz, der gute Beziehungen im Schächental hatte, gebeten, für diese Unterschrift besorgt zu sein. Am Montag standen in Spiringen eine Sappeurkompanie und eine Bauunternehmung bereit, und die Zustimmung des letzten Grundeigen­- tümers war auch vorhanden. Was bei der Beschaffung dieser Zustimmung versprochen worden ist, weiss ich bis heute nicht. Die Etappe Spiringen–Chipfen bildete dann die Grundlage für die Fortsetzung der Erschliessung Richtung Ratzi/Obflüe. Die Bewältigung ausserordentlicher Ereignisse muss sich nicht in Aufräumen und Wiederinstandsetzung erschöpfen. Auch die Ingangsetzung langfristiger Projekte kann dazugehören.

Beim Hochwasser 1987 ist eine Kuh von Berti Zurfluh in Attinghausen vor dem Wasser in die Wohnung im ersten Stock geflüchtet. Der Abstieg über die steile Treppe war aber nicht möglich. Deshalb hat die Feuerwehr eine Öffnung in der Fassade herausgesägt. Schliesslich wurde die Kuh mit dem Helikopter ausgeflogen.

Während des Unwetters im August 1987 biwakierte eine Gruppe Jugendlicher aus Frankreich im Unteralptal. Im Rahmen der Erkundung der Schadengebiete landete Sepp Clapasson vom Gemeindeführungsstab Andermatt mit einem Armeehelikopter bei dieser Gruppe, um sich nach dem Befinden zu erkundigen. Dieser fürsorgliche Besuch eines Zivilisten in einem Armeehelikopter führte zu Anerkennung in der französischen Regionalpresse.

Deutlich mehr Informa­tionen als anno dazumal

Im Vergleich zu 1977 und 1987 bestehen heute auch bessere Informationen für die Lagebeurteilung. 1977 bestanden in Uri vier Pegelstationen und zwei Limnigrafen. Die wichtigsten Stationen sind vor Erreichen des Hochwasserscheitels infolge Überströmens, Energieproblemen und so weiter ausgefallen. 1987 bestanden meteorologische Stationen in Altdorf, Andermatt und auf dem Gütsch sowie Regenmessstationen in Unterschächen, Bristen, Göschenen und Göscheneralp. Solange die Übermittlungsmittel funktionierten, konnte die Schneefallgrenze überdies mittels Kontakten mit den Hüttenwarten abgeschätzt werden.

Bezüglich Abflussmenge waren an der Reuss die Pegelmessanlagen von Andermatt und Seedorf von Bedeutung. Beide Pegelstationen in Realp wurden zerstört. Die Station Andermatt fiel 1987 auf dem Höhepunkt des Ereignisses für etwa fünf Stunden aus. Am Pegel in Seedorf wurde der Messbereich überschritten, weshalb die Abflussgrösse mit 775 Kubikmetern pro Sekunde geschätzt werden muss. die Speicherseen Lucendro und Göscheneralp hielten bedeutende Abflussmengen zurück.

Das Ereignis am Schächen 2005 hat gezeigt, dass neben der Abflussmenge der Geschiebe­anteil eine wichtige Rolle spielt. Dank der Vermehrung der Niederschlagsmessstationen von Meteo Schweiz, des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) und so weiter war eine genauere Abschätzung der Niederschlagsmengen möglich als bei früheren Ereignissen. Allerdings zeigte sich erneut, dass die räumliche und die zeitliche Verteilung der Niederschläge sehr engräumig sein können. 1987 war ein markanter Unterschied zwischen Andermatt und Gütsch. 2005 wurden auf der gegen Süden exponierten Seite des Maderanertals mit dem Windgällengebiet grosse Abflüsse und Murgänge festgestellt, während auf der anderen Talseite mit Oberalpstock und Düssistock kaum grössere Einwirkungen festzustellen waren.

Die Topografie spielt eine Rolle

Bei allen grossflächigen Schadenereignissen war eine erste Konsequenz, dass Regionen oder Gemeinden abgeschnitten wurden. Folglich ist es nötig, dass überall ein Minimum an Ausrüstung und Personal der Schadenwehr zur Verfügung stehen muss. Bei Feuer und ähnlichen Scha­den­ereignissen gibt es durchaus Zentralisierungsbedürfnisse. Für Naturereignisse müssen aber eine Minimalausrüstung und Manpower dezentral sichergestellt bleiben. Die Analyse der geografischen Gegebenheiten gehört zur Lagebeurteilung für die Organisation der Schadenwehr.

Gefährdung durch Naturkatastrophen gehört zum Alpenraum. Natürlich werden immer Verantwortliche gesucht. Heute sind es Techniker oder Politiker. Früher waren es Gottes Zorn oder Hexen. Beim Bergsturz 1618 vom Monte Conto auf das wohlhabende Dorf Piuro in der Nähe von Chiavenna, der etwa 900 Menschen tötete, schrieb eine Amtsperson: «O lassend unss beten, doch gantz inbrünstig, dz Gott seinen grossen Zorn stille und unss nicht nach unserem verdienen straffe» (aus: Jon Mathieu, «Die Alpen»). Und Pirmin Meier berichtet im Buch «Magische Reisen Schweiz», dass 1629, nachdem der Lauenenbach die Kirche von Giswil weggeschwemmt hatte, 63 Personen wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden.

Bei der Beurteilung der Ursachen von Naturereignissen ist man rationaler und bei der Behandlung angeblicher oder wirklicher Verantwortlicher ist man humaner gewordenD.

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