KANTON URI: Urner Landammann Beat Jörg: «Nur kopieren wird nicht reichen»

Wahl zum Landammann, Neat-Eröffnung, viele kulturelle Highlights: Beat Jörg ist mit dem Jahr 2016 zufrieden. «Wir müssen die Kleinheit des Kantons und die kurzen Wege vermehrt als Stärke sehen», betont er aber.

Florian Arnold
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Beat Jörg durfte sich an der Landammannfeier über sein Glanzresultat freuen. (Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 28. Februar 2016))

Beat Jörg durfte sich an der Landammannfeier über sein Glanzresultat freuen. (Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 28. Februar 2016))

Interview: Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Beat Jörg, welches Datum dieses Jahres war für Sie das prägendste?

Der 1. Juni. An diesem Tag habe ich das Landammannamt übernommen und bei der Neat-Eröffnung mit der neu zusammengesetzten Regierung den Kanton Uri vertreten. Ein einmaliges Erlebnis.

Konnte Uri den erhofften Nutzen aus dem Grossereignis ziehen?

Unser Kanton hat bereits viel Wert aus der Neat schöpfen können, indem Firmen sich vergrössern und für die Zukunft rüsten konnten. Zudem haben einige direkt betroffene Gemeinden finanziell stark profitiert. Uri hatte sehr harte Verhandlungen geführt und konnte daraus Nutzen ziehen.

Auf welchen Tag im vergangenen Jahr hätten Sie lieber verzichtet?

Ich habe eigentlich nur schöne Tage erlebt. Manche waren einfach sehr arbeitsintensiv. Ich liebe Tage, die eine Herausforderung bringen und an denen ich merke, dass Führung gebraucht wird.

Also anders gefragt: Welches war die grösste Herausforderung?

Das Landammannamt bringt eine grosse zeitliche Belastung mit sich. Alles unter einen Hut zu bringen, war und ist nicht ganz einfach. Deshalb musste ich hinter den Kulissen einige zusätzliche Dinge an die Mitarbeitenden in meiner Direktion delegieren.

Nach welchem Plan geht die Regierung eigentlich hinter den Kulissen vor, zumal noch immer kein Legislaturprogramm vorliegt?

Es ist schön, wenn die Leute sehr gespannt sind auf das neue Programm. Es hat in der Tat eine richtungsweisende Funktion für Uri. Aber genau deswegen wollten wir uns ausreichend Zeit dafür nehmen, zumal im Regierungsrat auch einige neue Köpfe sind. Wir haben daher entschieden, das Programm dem Landrat in der März-Session vorzulegen. Sie müssen sich also noch ein wenig gedulden. Verraten kann ich, dass wir diesmal ein externes Büro für Markenentwicklung zugezogen haben. Es hat uns wertvolle Inputs für die strategischen Überlegungen gegeben. So holen wir nicht einfach nur Ziele aus den Direktionen ab, sondern wir schaffen gemeinsam etwas Neues, das uns für die nächsten acht bis zwölf Jahre eine Richtung gibt.

Welches Büro hat den Zuschlag erhalten?

Ein auswärtiges. Nicht weil die Urner Büros dergleichen nicht könnten, sondern weil wir bewusst einen neutralen Blick von aussen wollten. Im Übrigen kann uns so auch niemand unterstellen, wir hätten irgendein bestimmtes Urner Büro bevorzugt.

Womit wir beim bekannten Vorwurf der Vetternwirtschaft wären.

In Uri ist die Vetternwirtschaft nicht stärker als in anderen Kantonen. Unser Kanton lebt aber davon, dass wir einander kennen und aufeinander vertrauen. Das ist einfach eine Folge der Kleinheit. Wir müssen diese Kleinheit, die kurzen Wege, vermehrt als Stärke sehen.

Aber Schlagzeilen wie Betrug und Urkundenfälschung im Fall von Polizist X. oder die Überstunden von alt Polizeikommandant Reto Habermacher verbessern das Image des Kantons Uri nicht.

Das ist natürlich bedauerlich. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass nicht immer mit gleichen Ellen gemessen wird. In Zürich würde so etwas unter einer kleinen Rubrik laufen, hier ist es die grosse Schlagzeile. Die Überstunden von Polizeikommandant Reto Habermacher waren eine absolute Ausnahme.

Und was ist mit dem schützenswerten Danioth-Haus, in das alt Ständerat Markus Stadler mit dem Einverständnis der Regierung ein Fenster einbauen lassen wollte?

Dort war es für mich vor allem ungemütlich zu erfahren, dass offenbar sämtliche Informationen, also auch an sich vertrauliche, einfach so an die Öffentlichkeit gelangen.

Hat die Regierung in diesem Fall Fehler gemacht?

Nein. Wir haben im Rahmen unseres Ermessens entschieden und dabei die Verhältnismässigkeit gewahrt, so, wie es uns plausibel erschien. Und in diesem Zusammenhang betone ich, dass nicht die politische Vergangenheit des Hausbesitzers den Entscheid beeinflusste, sondern – wie eben erwähnt – die Verhältnismässigkeit. Dass dies von der Öffentlichkeit nicht immer beklatscht wird, ist klar.

In die Kritik geriet die Regierung im Fall der geplanten Asylunterkunft im Hotel Löwen in Seelisberg. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Als Landammann war ich überrascht, wie schnell die Situation eskalierte. Es war im Nachhinein sicher nicht geschickt, zu versuchen, während der Sommerferien einen Entscheid herbeizuführen. Das Fingerspitzengefühl wurde nicht auf allen Ebenen gefunden. Als Landammann wurde an mich appelliert, ich hätte schneller reagieren sollen. Aber ich wollte genug Zeit haben für einen Entscheid, hinter dem der Gesamtregierungsrat stehen kann und mit dem der Wagen wieder auf die richtige Bahn gebracht werden konnte. Die Kommunikation war natürlich schwierig.

Hat man Lehren gezogen?

Ja. In Zukunft soll es nicht mehr danach aussehen, dass wir etwas im Alleingang umzusetzen versuchen, sondern erst, wenn alle Player ausreden konnten.

Das lief auch beim Wirkungsbericht zum Finanz- und Lastenausgleich schief, gegen den die Gemeinden opponiert haben.

Als Regierung muss man auch Fehler eingestehen können. Wir, vor allem wir ehemaligen Gemeindepolitiker im Rat, hätten merken müssen, dass man mit dem Wirkungsbericht in ein Messer läuft. Wir haben den Wirkungsbericht als eine Diskussionsgrundlage verstanden, die Gemeindepolitiker sahen ihn gegebene Massnahmen. Vom Gemeindeverband hätte ich mir aber das direkte Gespräch erhofft und nicht den Weg über die Medien. Denn bei den Direktionen und im Rathaus stehen die Türen offen.

Wie ist das Verhältnis zwischen dem Kanton und den Gemeinden jetzt?

Der Eindruck eines vielleicht zerrütteten Verhältnisses täuscht. Ich finde es gut, dass faire, transparente Verhandlungen stattfinden, bei denen nicht alle von Anfang an dieselbe Meinung haben. Am Schluss muss man sich bei einer guten, tragfähigen Lösung finden. Wir unterstützen die Gemeinden auch – und das nicht nur mit Geld, sondern mit ganz viel Know-how, das in den Direktionen zweifelsfrei vorhanden ist. Und in ganz vielen Fällen können auch wir wieder auf die Hilfe der Gemeinden zählen.

Wie gut geht es dem Kanton Uri?

Als Regierungsrat, der nicht jeden Tag Zahlen wälzt, kann ich sagen, dass es Uri sehr gut geht. Wir haben schlanke Strukturen, etwas Geld auf der hohen Kante, Grossprojekte, deren Finanzierung klar ist, und Chancen, die Wertschöpfung in den Kanton Uri bringen können.

Trotzdem wächst Uri am wenigsten schnell von allen Kantonen.

Um wachsen zu können, wie es die Regierung möchte, müssen gewisse Investitionen getätigt werden. Unsere jetzigen Betriebe müssen so gute Bedingungen vorfinden, dass sie bereit sind, weitere Arbeitsplätze zu schaffen, wodurch andere Leute hierher ziehen. Der Entwicklungsschwerpunkt im Eyschachen muss zu einem Leuchtturm werden, auf den andere aufmerksam werden. Wir brauchen gute Gesundheits- und Bildungssysteme. Richten wir beispielsweise die Aufmerksamkeit auf die bereits bestehenden Tagesstrukturen, darf festgestellt werden, dass gute Angebote vorhanden sind. Wollen wir aber, dass sich auswärtige Personen – insbesondere Familien – in Uri niederlassen, müssen diese schulergänzenden Strukturen erweitert werden. So gibt es viele Lücken, die der Kanton schliessen muss.

Was braucht es dazu?

Es braucht Mut, zu investieren, und kreative Ideen. Nur von anderen Kantonen zu kopieren, wird nicht reichen.

Hat die Urner Regierung diese mutigen und kreativen Leute?

Ja. Und die Kaderpersonen haben Visionen und viel Know-how. Wenn wir ihnen ermöglichen, ihre kreative Ader auszuleben, können wir viel erreichen.

Sie sind noch eineinhalb Jahre Landammann. Welche Ziele möchten Sie erreicht haben?

Ich möchte eine gute Visitenkarte des Kantons Uri abgeben. Uri soll seine Stärken ausspielen können. Miteinander können wir Grossartiges leisten.

Was erhoffen Sie sich von 2017?

Ich hoffe auf grosse Unterstützung des Volks für den Neubau des Kantonsspitals. Das Grossprojekt in Andermatt soll nicht durch äussere Umstände ins Stocken geraten. Für den Eyschachen erhoffe ich mir eine erste Neuansiedlung. Das würde sehr viel Druck wegnehmen. Das Verhältnis zu den Gemeinden soll gestärkt werden, sodass dies auch von aussen wahrgenommen wird. Persönlich freue ich mich auch auf die Freilichtspiele in Göschenen im Sommer 2017

Wovor haben Sie am meisten Angst?

Angst wäre wohl ein schlechter Ratgeber. Respekt habe ich aber vor der weltweiten Lage, deren Auswirkungen auch der Kanton Uri spüren könnte. Wir haben internationale Firmen hier sowie ein Projekt in Andermatt, das von vielen äusseren Umständen abhängt.

Viele Leute setzen sich zum Jahreswechsel persönliche Ziele. Sie auch?

Ich mache mir nie Vorsätze. Verlangt eine Situation nach Veränderung, leite ich die nötige Massnahme ein und warte nicht bis Silvester.

Dann kann Silvester aber genutzt werden, um in Erinnerungen zu schwelgen. An welche persönlichen Ereignisse werden Sie denken – abgesehen von der Neat-Eröffnung?

Mir haben Ereignisse wie die Tellspiele oder die Sankt-Barbara-Feier im Zugangsstollen zur Neat Eindruck gemacht. Ein berührender Moment war für mich ein Treffen mit den beiden Olympionikinnen Jolanda Annen und Linda Indergand. Die beiden jungen Frauen haben den Kanton Uri in der Welt bekannter gemacht – auch dank ihrem Fan-Tross. Diese Ereignisse bringen zum ­Ausdruck, wie verankert die Freiwilligenarbeit und das ehrenamtliche Enga­gement in Uri sind und enorm viel zum Gelingen beitragen. Das macht mich stolz.