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KANTON URI: Welterfolg begann im Seelisberg

Eine unausgereifte Tunnelbohrmaschine, die beim Bau des Seelisbergtunnels mächtig Schwierigkeiten machte, war der Auslöser für eine Firma, die heute über 1,2 Milliarden Euro jährlich umsetzt.
Die Tunnelbohrmaschine «Big John» beim Vortrieb im Seelisbergtunnel. Martin Herrenknecht (in der Mitte der Dreiergruppe rechts, Kopf nach unten geneigt) bespricht sich mit Mineuren. (Bild: Herrenknecht AG/PD)

Die Tunnelbohrmaschine «Big John» beim Vortrieb im Seelisbergtunnel. Martin Herrenknecht (in der Mitte der Dreiergruppe rechts, Kopf nach unten geneigt) bespricht sich mit Mineuren. (Bild: Herrenknecht AG/PD)

Philipp Unterschütz

philipp.unterschuetz@nidwaldnerzeitung.ch

Mit der Eröffnung des gut 9 Kilometer langen Seelisbergtunnels im Dezember 1980 endete in Nidwalden das verkehrstechnische Dasein als Sackgasse. Welch enorme Prosperität der Tunnel und die durchgehende Nord-Süd-Verbindung dem Kanton gebracht haben, ist hinlänglich bekannt. Unser historisches Bild beleuchtet den Umstand, dass beim Bau der Grundstein für eine Weltfirma gelegt wurde, die heute fast 5000 Mitarbeiter beschäftigt und jährlich 1,2 Milliarden Euro Umsatz macht. Es ist die Geschichte des jungen süddeutschen Maschineningenieurs Martin Herrenknecht, der am Vortrieb im Seelisberg beteiligt war und wegen der Schwierigkeiten, die er dabei zu bewältigen hatte, seine eigene Firma in Schwanau im Schwarzwald gründete.

Die Arbeitsgemeinschaft (Arge) Hutt­egg hatte sich beim Bau des Seelisbergtunnels zu einem Wagnis entschlossen. Man wollte die beiden je 2 Kilometer langen Teilstücke in der Tunnelmitte nicht im damals gängigen Sprengvortrieb ausbrechen, sondern mit der grössten Tunnelbohrmaschine der Welt, «Big John» (siehe Kasten). Damit schlug die Stunde von Martin Herrenknecht. Die Arge hatte einen Englisch sprechenden Maschinenbauingenieur gesucht, der die amerikanische Tunnelbohrmaschine montieren und durch den Berg fahren sollte. Englisch sprach Herrenknecht, schliesslich hatte er bereits einige Jahre in Amerika und Kanada gearbeitet. Befasst hatte er sich aber mit Baumaschinen oder Wassererhitzern – mit Tunnelbohrmaschinen hatte er noch nie zuvor zu tun gehabt. Trotzdem traute er sich die Aufgabe zu. Während mehr als vier Jahren war er ab 1971 Leiter des maschinentechnischen Dienstes im Seelisberg.

Herrenknecht bezwingt «Big John»

«Big John» zeigte sich ziemlich störrisch, blieb oft im Fels stecken und war häufig defekt. Allein aufgrund der Tatsache, dass der Prototyp erstmals in der Schweiz eingesetzt wurde und man auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen konnte, kann man sich vorstellen, mit welch gewaltigen Anlaufschwierigkeiten Herrenknecht konfrontiert war. Seine Hauptaufgabe war es denn auch, die Kinderkrankheiten der Maschine zu beseitigen und den technischen Schwachstellen eigene Ideen und Lösungen entgegenzusetzen – sieben Tage in der Woche, meist weit länger als acht Stunden. «Brutaler geht es nicht mehr», sagt Herrenknecht heute über diesen Vortrieb. «Aber ich war fasziniert von den Anlagen, die wir am Seelisberg hatten. Da haben wir auf der Baustelle – das muss man sich mal vorstellen – neue Saugventile für die Hydraulikpumpen konstruiert.»

Verantwortlich war er auch für den «Mine Car», einen 4 Meter hohen, 5 Meter breiten und 20 Meter langen Stollenwagen, der 200 Kubikmeter Ausbruchmaterial fasste. Eines Tages versagten dessen Bremsen. Auf der abfallenden Strecke wurde aus dem voll beladenen Vehikel ein Geschoss, das mit rund 80 Stundenkilometern Richtung See raste. Der Wagen donnerte über einen Prellbock, riss noch eine Seilbahn mit und verschwand fast 30 Meter tief im Vierwaldstättersee, wo er noch heute liegt. Glücklicherweise gab es nur wenige Verletzte. Herrenknecht machte den Nachfolger mit Scheibenbremsen und einer neu konzipierten Hydraulik sicherer.

Kraftstrotzend wie seine Bohrköpfe

Und auch «Big John» bekam er in den Griff, sodass schliesslich durchschnittliche Vortriebsleistungen von rund 8 Metern täglich realisiert wurden. Am Schluss kamen die an der Arge Huttegg beteiligten Unternehmen zum Schluss, die Anschaffung von «Big John» habe sich gelohnt, das neue Ausbruchsystem sich bewährt. «Wir sind durch die Hölle gegangen. Aber ohne diese harte Arbeit hätte ich heute meine Firma nicht», stellt Martin Herrenknecht rückblickend fest.

Bis heute betont er auch immer wieder, wie sehr ihn sein damaliger Vorgesetzter, der Baustellenleiter Fritz Buri, geprägt hat. Noch immer stehen die beiden in regelmässigem Kontakt. «Von ihm habe ich mir abgeschaut, wie man Mitarbeiter begeistert und motiviert, mutig Herausforderungen annimmt und sich an ihnen steigert.» Der Schritt in die Selbstständigkeit war nach der Zeit im Seelisberg fast logisch. Herrenknecht hatte sich im Zusammenhang mit Tunnelbohrmaschinen und insbesondere auf dem Gebiet der Hydraulik ein enormes Know-how angeeignet. Und er war schon damals überzeugt «vom gewaltigen Po­tenzial der maschinellen Vortriebstechnik» angesichts der immer knapper werdenden Landressourcen und der weltweiten Urbanisierung. Und wie sehr die Technik der Tunnelbohrmaschinen noch verbesserungswürdig war, hatte er im Seelisberg am eigenen Leib erfahren.

1975 machte er sich selbstständig. Der Anfang war schwierig. Potenzielle Kunden hätten sich seine Pläne angeschaut und seine Maschinen zum Verlegen von Rohrleitungen im Einsatz sehen wollen. «Sie waren nicht erfreut zu hören, dass sie meine ersten Kunden sein sollten. Keiner wollte Versuchskaninchen spielen.» Doch nach einem ersten Auftrag aus Luxemburg ging es aufwärts. Herrenknecht baute sich ein Imperium auf. «Sein Optimismus ist kantig, knorrig und kraftstrotzend wie seine Bohr­köpfe», schrieb «Die Zeit». Und ein Weggefährte meinte 2010 im «Handelsblatt»: «Sein Wesen passt zum Tunnelbau, es geht immer nur vorwärts.»

Der Gotthard war die Königsklasse

Wenn sich heute irgendwo ein maschineller Wurm durch den Untergrund frisst, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er von der Firma Herrenknecht AG gebaut worden ist. Mit der Erfahrung aus mehr als 3700 Projekten ist Herrenknecht heute führender Anbieter im maschinellen Vortrieb. Ende 2016 beschäftigte das Unternehmen weltweit 4798 Mitarbeiter und 160 Auszubildende. Eines seiner für ihn bis heute wichtigsten Projekte liegt ebenfalls in der Schweiz: der längste Eisenbahntunnel der Welt, der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel. Vor dem Hintergrund der Länge und der vielen geologischen Störzonen sagt er: «Das war die Königsklasse, die Champions League des Tunnelbaus.» Und damit sind wir wieder beim Seelisbergtunnel. «Ohne das Training und die Erfahrungen im Seelisberg hätten wir Jahre später die Tunnelbohrmaschinen für den Gotthard- und den Lötschberg-Basistunnel bestimmt nicht liefern können», ist Martin Herrenknecht überzeugt.

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