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KANTON URI: «Wildhut muss flexibel sein»

Von einer Wolfshysterie will der Urner Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti nicht sprechen. Er erklärt, wieso der Abschuss verfügt werden musste.
Interview Bruno Arnold
Weit entfernt von bestossenen Alpen darf ein zum Abschuss freigegebener Wolf nicht erlegt werden. (Bild: PD)

Weit entfernt von bestossenen Alpen darf ein zum Abschuss freigegebener Wolf nicht erlegt werden. (Bild: PD)

Interview Bruno Arnold

Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti hat eine Abschussverfügung für jenen Wolf erlassen, der in den vergangenen Wochen auf verschiedenen Alpen in Gurtnellen und Wassen 25 Schafe gerissen und 2 verletzt hat. Im Interview äussert er sich unter anderem zur erlassenen Verfügung, zu Herdenschutzmassnahmen und zur Kooperation mit der Korporation Uri und der Landwirtschaft.

Dimitri Moretti, ist in Uri eine Wolfshysterie ausgebrochen?

Dimitri Moretti: Bei mir persönlich nicht. Aber ich verstehe, dass es Leute gibt, die Angst haben. Ich denke da gerade an Nutztierhalter. Zurzeit erhalte ich regelmässig Mails, SMS oder Telefonanrufe, und zwar nicht nur von Schafhaltern, sondern auch von Wolfsbefürwortern. Nicht alle Reaktionen fallen ganz «gesittet» aus. Doch dafür habe ich sogar ein gewisses Verständnis. Der Wolf polarisiert und schürt halt einfach Emotionen.

Wie wichtig ist es für Sie, dass der zum Abschuss freigegebene Wolf möglichst bald erlegt werden kann?

Moretti: Ich habe mich im Wahlkampf für den Verbleib des Wolfs ausgesprochen. Natürlich hätte ich lieber einen Wolf, der nur reissen würde, was er zum Überleben braucht. Das ist aber im aktuellen Fall nicht so. Auch wenn ich über meinen Entscheid nicht ganz glücklich bin und die Abschussverfügung mit etwas Widerwillen erlassen habe: Es blieb mir aufgrund der rechtlichen Vorgaben keine andere Wahl. Ich glaube auch, dass nur die erlassene Abschussverfügung dazu führen kann, dass sich die Fronten zwischen den Wolfsbefürwortern und den Wolfsgegnern nicht noch stärker verhärten, als dies ohnehin schon der Fall ist.

War Ihre Abschussverfügung ein Entscheid kontra Wolf oder pro Nutztier?

Moretti: Weder noch. Es gibt eine Jagdverordnung und ein Wolfskonzept. Diese rechtlichen Grundlagen sind auf einem demokratischen Weg erarbeitet worden. Daran habe ich mich als Sicherheitsdirektor zu halten. Wir sind an das Wolfskonzept gebunden, das besagt, dass man einen Wolf in einem Nichtpräsenzgebiet – also dort, wo er erstmals aufgetreten ist – bei 20 Rissen innerhalb eines Monats nicht schiessen darf. Also müssen wir uns auch ans Konzept halten und den Wolf zum Abschuss freigeben, wenn er während dieser Frist 25 Nutztiere gerissen hat. Dann ist er nämlich ein schadenstiftender Wolf und soll, um weiteren Schaden zu vermeiden, abgeschossen werden dürfen.

War diese Vorgabe effektiv erfüllt?

Moretti: Natürlich! Der «Urner Wolf» hat zwischen dem 20. Juni und Mitte Juli in den Nichtpräsenzgebieten Leitschach, Gorneren und Meiental total 25 Schafe gerissen und 2 verletzt. Weiter hat er seit Mitte Mai in den Präsenzgebieten Isental, Geissberg, Guggital und Surenen 18 Schafe gerissen sowie 2 weitere Schafe verletzt. In Surenen dürfte sich zudem ein Kalb auf der Flucht vor dem Wolf verletzt haben. Für das Kriterium Abschussverfügung wurden aber nur die Schafe in den bisher wolfsfreien Gebieten in Gurtnellen und Wassen gezählt. Dem Entscheid sind sehr gründliche Erhebungen der Jagdverwaltung vorausgegangen. Jeder Schafriss ist genau dokumentiert und die Wanderung des Wolfs so gut als möglich nachverfolgt worden. Die Jagdverwaltung hat den Handlungsspielraum auch in Rücksprache mit dem Bundesamt für Umwelt nochmals genau geprüft. Bei der Entscheidfindung haben auch die jüngsten Abschussentscheide in anderen Kantonen mitgespielt, insbesondere im Wallis. Zudem hat Uri die Nachbarkantone über das Vorgehen orientiert.

Und wo genau darf der schadenstiftende Wolf nun erlegt werden?

Moretti: Grundsätzlich darf der schadenstiftende Wolf nur auf bestossenen Alpen und in deren unmittelbarer Umgebung erlegt werden, also beispielsweise nicht in einem weit von bestossenen Alpen entfernten Wald oder in einem «schaflosen» Übergang von einem Tal zum andern (siehe auch Box).

«Verschwindet ein Wolf, sei es durch Abschuss oder Abwanderung, folgt bald der nächste», sagen Tierschützer. Die Abschussverfügung löst das Problem somit nicht.

Moretti: Eine Abschussverfügung heisst nicht, dass man jetzt in Uri eine wolfsfreie Zone schaffen will. Nach wie vor muss der Fokus auf einem verbesserten Herdenschutz liegen, und zwar dort, wo dies aus arbeitstechnischer und finanzieller Sicht Sinn macht respektive wo ein vernünftiges Kosten-Nutzen-Verhältnis nachgewiesen ist. Diese Forderung wird auch damit unterstrichen, dass der Abschuss – mit Ausnahme der Gemeinden Gurtnellen und Wassen – nur auf jenen Alpen erlaubt ist, die ausreichende Schutzmassnahmen ergriffen haben oder die nicht schützbar sind. Damit bleibt für Schafhalter auch künftig die Pflicht, zumutbare Herdenschutzmassnahmen zu ergreifen. Fakt ist nämlich auch: Bis jetzt hat der Wolf noch nie ein Schaf aus einer geschützten Herde gerissen. Das spricht sicher für den Herdenschutz. Damit soll aber nicht gesagt sein, dass geschützte Herden absolut sicher sind. Auch dort kann etwas passieren. Die Wahrscheinlichkeit ist aber sicher um einiges kleiner.

Was heisst für Sie mögliche und zumutbare Herdenschutzmassnahmen?

Moretti: Ich schicke voraus: Die Frage des Herdenschutzes liegt im Aufgabenbereich der Volkswirtschaftsdirektion. Für mich hängen diese Massnahmen aber stark von der Topografie der Alp ab. Als zumutbar erachte ich persönlich in erster Linie die Einzäunung mit entsprechenden wolfstauglichen Elektrozäunen oder den Einsatz von Herdenschutzhunden, und zwar mit oder ohne Behirtung. Vor allem die Kleinheit einzelner Alpen führt dazu, dass eventuell gar keine Massnahmen zumutbar sind, weil der Aufwand oder die Kosten im Verhältnis zur Schafzahl in keinem Verhältnis stehen würden. Die Massnahmen müssen also nicht nur fachlich sinnvoll, sondern auch aufwandmässig und kostenmässig zumutbar sein, wobei aus finanzieller Sicht auch zu berücksichtigen ist, was dem Bewirtschafter für die Herdenschutzmassnahmen entschädigt werden kann.

Hat die Regierung mit Vertretern der Korporation Uri sowie der Landwirtschaft Gespräche geführt, um Lösungen für einen sinnvollen und zumutbaren Herdenschutz zu finden?

Moretti: Die Beteiligten sind laufend in Kontakt miteinander. Die Korporation hat bereits mehrmals signalisiert, dass sie bereit ist, im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei der Lösungsfindung mitzuhelfen. Mit der Schafalpplanung des Kantons liegt seit Ende 2015 eine gute Grundlage vor. Sie zeigt auf, dass für die alljährlich in Uri gesömmerten Schafe grundsätzlich genug Platz auf Alpen vorhanden wäre, die mit zumutbaren Massnahmen beträchtlich besser geschützt werden könnten. Lösungen lassen sich aber nicht innerhalb eines Jahres umsetzen. Selbst wenn man wollte, könnte man etwa nicht einfach von heute auf morgen genügend Herdenschutzhunde hervorzaubern.

Die Organe der Wildhut und die «speziell bezeichneten Jäger» haben 60 Tage Zeit. Gibt es für sie ein konkretes «Abschusskonzept»?

Moretti: Die Wildhut ist angewiesen, möglichst viel präsent zu sein. Man konzentriert die Einsätze auf jene Gebiete, in denen der Wolf aufgrund der aktuellen Entwicklung vermutet wird. Die Wildhut muss somit flexibel sein und die Lage immer neu beurteilen. Selbstverständlich ist es aber nicht unsere Meinung, dass die Wildhüter und deren Helfer jetzt nur noch einmal pro Woche nach Hause gehen, um die Kleider zu wechseln. Alles hat seine Grenzen.

Grüne, orange und rote Urner Alpen

Abschussperimeter bar. Der Abschussperimeter umfasst einerseits die bestossenen Alpen und deren unmittelbare Umgebung westlich der Reuss in Gurtnellen und Wassen. Dort darf der Wolf unabhängig davon erlegt werden, ob Herdenschutzmassnahmen bereits ergriffen worden sind (sogenannte grüne Alpen), nach Beurteilung der zuständigen kantonalen landwirtschaftlichen Fachstelle möglich und zumutbar, aber noch nicht ergriffen worden sind (orange Alpen), oder nach Beurteilung der zuständigen kantonalen landwirtschaftlichen Fachstelle unzumutbar sind.

Nur auf grünen und roten Alpen

Anderseits erstreckt sich der Abschussperimeter auf das Streifgebiet des Wolfs auf bestossenen Alpen in Seelisberg, Bauen, Isenthal, Seedorf, Attinghausen, Erstfeld, Göschenen, Andermatt, Hospental und Realp. In diesen Gemeinden darf er aber nur auf grünen oder roten Alpen erlegt werden. Das heisst: Ein Abschussverbot gilt dort für jene bestossenen Alpen, auf denen Schutzmassnahmen möglich und zumutbar, aber noch nicht ergriffen worden sind.

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