Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KANTON URI: Zarte Sprache mit Widerhaken

Die Urnerin Leonor Gnos (79) publizierte dieses Jahr ihren fünften Gedichtband. Im neuen Buch «Lichtfalten» werden unter anderem Protestlieder thematisiert, die das Elend der Flüchtlinge beschreiben.
Otto Odermatt
Dichterin Leonor Gnos schreibt fern der Heimat Gedichte. (Bild: Otto Odermatt)

Dichterin Leonor Gnos schreibt fern der Heimat Gedichte. (Bild: Otto Odermatt)

Otto Odermatt

redaktion@urnerzeitung.ch

Vor ganz vielen Jahren sass sie in Amsteg an der Reuss und lauschte dem Wellenschlag. Der Föhn durchwühlte ihr Haar und immer mehr und mehr auch das Denken. Das führte dazu, dass sie sich schon als Kind fragte, wohin denn all dieses Wasser fliesst, wo der Wind endet. Sie ergab sich dem Wind und floss mit dem Wasser hinaus in die Welt, zuerst nach Paris und später nach Marseille. In Marseille lebt sie immer noch, sehnt sich nach dem Föhn, nach der Reuss, steigt in Gedanken auf den Bristenstock und bleibt doch in Marseille. Die Rede ist von der in Amsteg geborenen Leonor Gnos. Sie schreibt Gedichte und Geschichten.

Gedichte erzählen vom weiten Meer

Es sind leicht beschwingte Gedichte. Sie erzählen vom weiten Meer. Sie folgen dem Flug der Möwen, und das Geschrei der Wasservögel findet zwischen den Zeilen Platz. Sie erzählen aber auch von der Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Heimweh. Da gibt es auch im Verborgenen Hindernisse zu überwinden.

Ein grosses Hindernis fürs Schreiben von Gedichten war das Erlebnis, wie die Flüchtlinge in Marseille behandelt wurden. Es entstanden richtige Protestlieder. Die Dichterin hatte einen Schock, denn da war keine Liebe, keine Hoffnung, kein Licht, nichts ausser schrecklicher Ausbeutung. Es sind Klagelieder, die dem verletzten Herzen der Dichterin den Ton angeben. Werden diese Worte etwas verändern oder nur Worte bleiben? Die Entscheidung bleibt beim Leser. Für Leonor Gnos war es schwierig, im sanften Ton weiter zu dichten. Die Worte blieben im Halse stecken. Im Gedicht heisst dies so:

«Das Wort liegt mir auf der Zunge / ich richte den Kopf auf und straffe den Körper / mein Blick fixiert die Leere auf der Suche / nach dem vergessenen Wort / das mich zur Verzweiflung bringt / und doch auf der Zungenspitze liegt / plant es sich zu verweigern / strikt zu streiken / bis es zuletzt in der Luft erscheint / mir nun über die Lippen kommt / wie ein zurückerstattetes Wunder»

Diese kleinen Wunder erscheinen zuerst in der strikten Form von schwer zu entschlüsselnden Haikus. Auch mit den Dada-Gedichten hat sich die Dichterin einer strengen Form untergeordnet. Die Dichterin beginnt mit einer grossen Zeile, und die nächsten Zeilen werden immer kleiner, bis sich auf der letzten Zeile nur noch ein Wort befindet. Die Da-Da-Gedichte verlieren sich in der Leere, wo die Worte ihren Ursprung haben. Dieser Ursprung führt zu Erlebnissen mit Wolken, mit Wasserläufen, zu Blitz, Regen, Orkan, Bienenköniginnen und so weiter. Diese Begegnungen mit der Natur drückt Leonor Gnos in einer überaus zarten Sprache aus, die ab und zu auch einen Widerhaken aufweist, der uns weckt und zum Denken herausfordert. Die Dichterin, ein zartes Wesen, dem Wesen des Zittergrases gleich, das jeden Hauch, jede nur kleinste Bewegung in sich aufnimmt und in verschiedenen Gedichtformen zum Ausdruck bringt. Wenn man das Buch öffnet, gibt die Dichterin eindrücklich Einblick in ihr Wesen, in ihr Denken und ihre Erlebnisse, die sie seit der Geburt in Amsteg prägen.

Hinweis

Der Gedichtband «Lichtfalten» ist in der Buchreihe Collection Montagnola erschienen und im Handel erhältlich.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.