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KANTON: Urner Künstler sucht den Widerstand

Simon Ledergerber ist ein Künstler, der auf seine Intuition setzt und immer wieder neue Techniken anwendet. Dabei scheut er auch Kritik nicht.
Florian Arnold
Simon Ledergerber vor seinem Werk «Gigantisches Kleinod» im Innern der Gotthardfestung. (Bild F. X. Brun)

Simon Ledergerber vor seinem Werk «Gigantisches Kleinod» im Innern der Gotthardfestung. (Bild F. X. Brun)

Florian Arnold

Auf den ersten Blick wirkt es nicht spektakulär: ein Stück Stein, das an die Decke gepresst wird. Doch beim zweiten Hinschauen wird klar, dass hinter diesem Kunstwerk viel Arbeit steckt. Der Urner Simon Ledergerber hat den weissen Marmorblock so bearbeitet, dass er nun exakt auf die felsige Decke einer Seitenkaverne der Gotthard-Festung passt. «Hier wurde vor hundert Jahren gesprengt und von Hand gepickelt. Ich habe nun von Hand das Gegenstück gemeisselt», erklärt Ledergerber.

Stein trifft auf Stein. Die Vergangenheit auf die Gegenwart. Granit auf Marmor. Die Schweiz auf Italien. «Bei den Tunnelarbeiten am Gotthard haben viele Italiener gearbeitet. Ihnen wird nun mit dem wertvollen Carara-Marmor etwas Wertschätzung entgegengebracht», so der Künstler. Und die Bauspriesse, die den Stein an die Decke presst, wirkt fast so, als könnte die alte Festung eine Stütze gebrauchen. «Gigantisches Kleinod» hat der Künstler sein Werk getauft. «Es war ein riesen Akt», sagt Ledergerber. Und man glaubt es ihm. Einen 300 Kilogramm schweren Steinblock bringt man nicht einfach an die Decke.

«Die grosse Veränderung»

Es sind die Materialien und deren Verhalten im Raum, die den Künstler in seinem Schaffen antreiben. Dass er dabei seiner Intuition folgt, zieht sich durch seinen Lebenslauf. Erst lernte Ledergerber, der in Seelisberg aufwuchs, Möbelschreiner in Schwyz. Über seinen Onkel kam er zum Holzbildhauen. In Steinen SZ konnte er eine zweite Lehre beginnen. «Das war die erste grosse Veränderung meines Lebens», sagt Ledergerber. «Ich hatte einen interessierten Lehrmeister. Neben einer grossen Bibliothek hatte er immer Antworten auf meine Fragen.» Auf diese Weise sei er mit uralten Techniken in Berührung gekommen. Wenn es für den Betrieb gerade nichts zu erledigen gab, konnte der junge Urner für sich in der Werkstatt arbeiten. «Ich war meistens von frühmorgens bis um 23 oder 24 Uhr dort», erinnert er sich. «Ich wollte einfach alles können.» Nach seiner Ausbildung arbeitete er in seinem Metier und wurde auch in der Kunstgiesserei tätig, wo er wiederum neue Techniken kennen lernte. «Ich habe meine Zeit voll der Kunst gewidmet.» Ein Kunsthochschulstudium begann er jedoch nicht. «Der Gedanke war zwar da, aber ich bin einfach meinen breiten Interessen gefolgt.» Zur Ergänzung besuchte er diverse Kurse und Vorlesungen an verschiedenen Hochschulen.

Weil er das Handwerk von Grund auf lernte, wird er auch heute noch oft von andern Künstlern um Rat gefragt, wenn es etwa um Abformarbeiten mit verschiedenen Materialien geht. Was ihm aber die Hochschulabsolventen voraus hätten, sei ein Netzwerk, das er sich selber erarbeitet habe. Vielleicht hat es deshalb lange gedauert, bis Ledergerber den Schritt an die Öffentlichkeit ging. Seine erste Arbeit zeigte er erst 2012. «Dort habe ich entschieden, meine eigene Spur zu legen.»

Er lässt Eiszapfen arbeiten

Heute lebt der 39-Jährige zum einen von seiner Kunst und zum andern von handwerklichen Arbeiten. Er ist Vater einer vierjährigen Tochter und wohnt in Zürich. Sein Atelier hat er sich in Biel aufgebaut; «ein 250 Quadratmeter grosses Labor», wie er es bezeichnet. Dabei suche er die Auseinandersetzung mit sich und seiner Umgebung. Das Erarbeiten von neuen Techniken treibt ihn noch heute an. Mal bringt er mit Schleifpapier vergessene Schichten einer vielfach bemalten Wand zu Tage. Mal bewirft er einen Eiszapfen mit Gipsstaub, die Modellierung überlässt er dem Schmelzprozess, indem durch das Wegschmelzen des Eises eine Gipshülle entsteht, welche die Leere umschliesst. «So zeigt sich das Vorher im Nachher», erklärt Ledergerber.

Biel sei momentan der ideale Arbeitsort für ihn. «Es hat etwas Dreckiges an sich, das mir gefällt», so Ledergerber. «Es ist ein Schmelztiegel.» Er sei jedoch kein Städter, sagt der Künstler. «Ich bin hier in Uri aufgewachsen. Und durch meine Arbeit am Gotthard hatte ich nun endlich wieder einmal die Möglichkeit, einen Bezug herzustellen.»

Verkauf ist kein Indikator

«Ich brauche den Widerstand», sagt Simon Ledergerber. Und damit meint er nicht nur jenen seiner Materialien. «Ich finde es spannend, wenn bei den Betrachtern auch eine kritische Haltung gegenüber meinen Arbeiten entsteht.» Denn verhindern wolle er stets, dass er des Verkaufs wegen seine Kunstwerke verändere. «Nur weil sich Kunst verkaufen lässt, ist sie noch nicht gut», glaubt Ledergerber.

Deshalb wolle er sich auch in Zukunft von der Kunst selber leiten lassen. «Mir ist am liebsten, wenn ich nicht weiss, was ich übermorgen mache», sagt der Urner Künstler. «Gut möglich, dass ich in fünf Jahren an einem Ort bin, den ich mir heute noch nicht einmal vorstellen kann.»

Hinweis

Die Ausstellung des Hauses für Kunst Uri «Dall’altra parte» erstreckt sich von Altdorf bis auf den Gotthard. Sie läuft noch bis zum 28. August. Infos unter www.hausfuerkunsturi.ch

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