Kantonsspitäler schlagen wegen weniger Notfällen Alarm

Die Zahl von Reanimationen in der Ambulanz sind gestiegen. Dies könnten die negativen Folgen der Corona-Solidarität sein.

Florian Arnold und Lucien Rahm
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Die Notfallaufnahme im Kantonsspital Obwalden.

Die Notfallaufnahme im Kantonsspital Obwalden.

Bild: PD

Die Schweizer Spitäler müssen sich voll auf die Corona-Welle ausrichten – so will es der Bund. Nur noch notwendige Operationen werden zurzeit durchgeführt, alle nicht-akuten Eingriffe müssen auf später verschoben werden – schliesslich soll keinem Corona-Patienten ein Platz weggenommen werden. Die Solidarität zu den Betroffenen der Pandemie ist gross. Allerdings bringt diese auch Risiken mit sich: Vor allem in ländlichen Regionen, zu denen auch Uri, Nid- und Obwalden gehören, warten Patienten zu lange zu. Selbst mit klaren Anzeichen für einen Herzinfarkt, wird zurzeit eher auf ein Hausmittel gesetzt.

Zahl der Reanimationen verfünffacht

«Die Zahlen sind signifikant», sagt Andreas Gattiker, Direktor des Kantonsspitals Obwalden. So sind die Anzahl Notfälle heruntergebrochen auf die Zeit seit dem 16. März um 16,6 Prozent zurückgegangen. Die Anzahl Reanimationen, die in einem Rettungsfahrzeug durchgeführt wurden, stiegen aber beinahe auf das Fünffache an. In Zahlen heisst das: Im Schnitt gab es 2019 pro Tag 23,7 Notfälle, während der Corona-Zeit waren es 19,8. Im ganzen Jahr 2019 wurden 12 Personen in einem Ambulanzfahrzeug reanimiert, seit dem 16. März waren es 4. Für Andreas Gattiker ist klar: «Die Leute wagen sich nicht ins Spital, obwohl sie deutliche Anzeichen für einen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie haben.»

Notfälle und Reanimationen im Kantonsspital Obwalden

Die Corona-Zeit zeichnet sich ab
1.1.2019 - 31.12.2019 16.3. bis 7.4.2020 (23 Tage) Differenz
Anzahl Notfälle 8663 455
Anzahl Reanimationen 12 4
Durchschnittl. Notfälle / Tag 23,7 19,8 -16.6%
Reanimationen / Tag 0,03288 0,17 429%

Beim Kantonsspital Nidwalden macht man ähnlich Beobachtungen, ohne diese statistisch ausgewertet zu haben. Direktor Urs Baumberger bedient sich einer Analogie aus einem Mani-Matter-Lied: «Wenn ein Zündholz brennt, kann man es rasch löschen, wenn man aber nichts macht, braucht es am Schluss die Feuerwehr. Die Leute warten momentan zu, bis das Haus brennt.» Neben der Solidarität zu den Covid-19-Patienten glaubt er auch, dass dies an der Angst vor einer Ansteckung liegt. Diese sei unbegründet: «Wahrscheinlich war die Hygiene in den Spitälern noch nie so gut, wie aktuell.» Peinlich genau werden zurzeit jedes Detail im Spital desinfiziert. «Die Gefahr, sich in einem Einkaufszentrum oder einem Bahnhof anzustecken, dürfte um einiges grösser sein als im Spital», ist Baumberger überzeugt. Als weitere vorbeugende Massnahme wurden zudem die Wege für Corona-Fälle und «gewöhnliche» Patienten klar getrennt, sodass eine Ansteckung verhindert wird. Zudem sei das Personal sehr gut geschult und aufmerksam.

«Es ist paradox»

Allerdings muss ein Teil des Personals auf Arbeit verzichten. Denn Fakt ist: Zahlreiche Patientenzimmer und auch 50 Prozent der Operationssäle bleiben zurzeit leer. Im Nidwaldner Kantonsspital wurde trotz Gesundheitskrise Kurzarbeit angemeldet. In Obwalden und Uri laufen Abklärungen. «Es ist paradox: Die Leute kommen nicht, obwohl wir genügend Kapazitäten hätten, sie zu behandeln», sagt der Nidwaldner Spitaldirektor. Zudem wurde die Corona-Welle bisher nicht im erwarteten Ausmass festgestellt.

Urs Baumberger rät, nicht zu zögern. Für Notfälle sei das Spital jederzeit bereit. In Verdachtsfällen sei es zudem angebracht, mit dem Hausarzt zu telefonieren. Doch selbst davor fürchteten sich viele Leute: «Man hat Angst davor, womöglich in die Praxis bestellt zu werden, und sich dort anzustecken, oder aber den Arzt unnötig zu belasten», vermutet Baumberger. Doch auch die meisten Hausärzte haben zurzeit freie Kapazitäten. Auch Andreas Gattiker unterstreicht: «Man soll wegen Corona auf keinen Fall sein Notfallverhalten ändern.»

Weniger Notfälle in Uri wegen geschlossenen Skipisten

Anders scheint sich die Situation im Kanton Uri zu präsentieren. Im Urner Kantonsspital stelle man nicht fest, dass Patienten wegen der momentanen Situation nun mit dem Besuch der Notaufnahme zuwarten würden, teilt Spitaldirektor Fortunat von Planta auf Anfrage mit. «Es gibt aber allgemein weniger Notfälle. So wird in der Freizeit kaum mehr Sport betrieben. Die Skipisten sind geschlossen, das Bike bleibt im Keller.»

Befürchtungen, sich als Patient mit dem Coronavirus anzustecken, seien unberechtigt, so von Planta. «Wir haben in einem vom Spital getrennten Gebäude eine Isolations- sowie eine Teststation aufgebaut.» Alle Personen, welche das Spital aufsuchen, würden vor dem Haupteingang auf Symptome überprüft. «So wird bei allen Patienten Fieber gemessen. Mit drei oder vier zusätzlichen Fragen gelingt eine bestmögliche Triage.» Wer Symptome zeigt, komme auf die Isolations- oder Teststation und gelange somit gar nie ins Hauptspital.

Die Einführung von Kurzarbeit sei auch im Kantonsspital Uri ein Thema, sagt von Planta. «Wir haben beim zuständigen Amt eine Voranfrage für Kurzarbeit eingereicht und sind mit den zuständigen Behörden in Kontakt.» Denn es würden derzeit kaum mehr Sprechstunden und Eingriffe stattfinden. «Andere Bereiche wie Geburtshilfe, Rettungsdienst, Onkologie, Dialyse oder Teile der Traumatologie sind davon aber nicht betroffen.»

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