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KANTONSSPITAL: «Wir Urner alarmieren viel zu spät»

Ivan Planzer ist seit sieben Jahren Rettungssanitäter. Der 37-Jährige hat in seinem Beruf täglich mit Verletzten zu tun und sieht oft Tragisches. Dabei könnte viel Leid erspart werden.
Matthias Stadler
Ivan Planzer, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes, vor dem Kantonsspital Uri. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 31. August 2017))

Ivan Planzer, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes, vor dem Kantonsspital Uri. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 31. August 2017))

Matthias Stadler

matthias.stadler@urnerzeitung.ch

Ivan Planzer kam zum Beruf des Rettungssanitäters wie die Jungfrau zum Kind: Bis zu einem Vorfall im Alter von 29 Jahren war er im Spitzensport erfolgreich als Mountainbiker unterwegs. Ein Zeckenbiss machte Ivan Planzer dann jedoch einen Strich durch die Rechnung: Denn die Zecke übertrug ein Virus in seinen Körper, woraufhin das Blut sich jeweils verdickte, wenn der Körper in den Hochleistungsbereich geriet. Dadurch war der Sauerstofftransport im Blut gehemmt. Konsequenz: An Spitzensport war nicht mehr zu denken.

Was also machen? Der Bürgler musste und wollte sich neu orientieren und suchte nach dem Zeckenbiss bei einer Physiognomieberaterin Hilfe. Diese analysierte seine Gesichtszüge, er musste kleine Aufgaben lösen, woraufhin sie ihm zwei Berufe empfahl: Helikopter­pilot oder Rettungssanitäter. Weder mit dem einen noch mit dem anderen war er bis anhin je in Kontakt gekommen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. Also sprach er mit einem Bekannten, der bei der Rega als Rettungssanitäter tätig war. Dieser schwärmte von diesem Beruf, woraufhin sich Ivan Planzer um einen Ausbildungsplatz beim Kantonsspital Uri bewarb und diesen auch erhielt. «Seitdem bin ich hier und habe es noch keine Sekunde bereut.»

Ihn reizt das Zwischenmenschliche

Der in Altdorf mit seiner Partnerin wohnhafte 37-Jährige ist heute stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes des Kantonsspitals und spricht mit Leidenschaft über einen Beruf, der wohl manchen an seine Belastungsgrenze bringen würde. Blut und gebrochene Knochen gehören zum Alltag, tragische Szenen gibt es zuhauf. Und doch gibt sich Ivan Planzer fasziniert von seiner Tätigkeit: «Jeder Tag und jeder Einsatz sind anders.» Ihn reize die Vielfalt, das Zusammenspiel von ­Medizin, Technik und Menschen. Am schönsten seien aber die kleinen, zwischenmenschlichen Begegnungen nach einem Unfall. «Wenn ich jemanden auf der Strasse laufen sehe oder ich von ehemaligen Patienten angesprochen werde, die vor kurzem schwer verunfallt waren oder erkrankt in der Ambulanz lagen, ist das ein schönes Gefühl.»

Selbstredend ist der Beruf aber kein Zuckerschlecken. Schwierig wird es für Ivan Planzer dann, wenn Kinder involviert sind oder Personen, die er persönlich kennt. Beim Erzählen davon wird er nachdenklich. Der tragischste Einsatz habe aber nichts mit Kindern zu tun ­gehabt. Es passierte vor einigen Jahren. Beim Unfall wurde eine Person verschüttet. Die Helfer konnten sich allerdings nicht auf die Suche nach dem Verschütteten machen, weil die Lage noch zu ­gefährlich war. «Wir mussten hilflos ­zuschauen. Unser Berufsinstinkt, das Helfen, war unterbrochen.» Der Verschüttete konnte schliesslich nur noch tot geborgen werden. Ivan Planzer kannte die Person. «Auch heute sehe ich die Bilder noch jedes Mal vor mir, wenn ich an der Unglücksstelle vorbeifahre.»

Zur Erholung auf die Göscheneralp

Trotzdem, sagt Ivan Planzer, könne er gut von der Arbeit abschalten. Zum Ausgleich geht er in die Berge, Fischen am Göscheneralpsee etwa, auch das Mountainbike gehört nach wie vor zu seinen Lieblingsgeräten. «Zudem ist ein intaktes soziales Umfeld in unserem Job sehr wichtig.» Ein guter Ausgleich helfe enorm, denn nach Einsätzen könne es auch mal zu Tränen kommen – wenn auch selten. «Ich will ein menschlicher, authentischer Rettungssanitäter sein. Dazu gehören auch Gefühle. Und wenn da mal eine Träne fliesst, finde ich das in Ordnung.» Dabei sei ein gutes Team wichtig, damit man miteinander sprechen und diese Trauer auch zulassen könne. «Wenn man das nicht macht, nagt das an einem, was früher oder später zu Problemen führen kann.»

Nicht nur sein Team hilft ihm beim Verarbeiten, sondern auch ein einfacher Trick. «Wenn ich arbeiten gehe und meine Arbeitskleider anziehe, gibt mir dies eine Art Schutzhülle.» Dadurch könne er viel mehr Distanz wahren.

«Lieber einmal zu viel alarmieren als zu wenig»

Ivan Planzer sagt von sich selber, dass er kein Helfersyndrom habe. «Das wäre eher kontraproduktiv.» Trotzdem liegen ihm die Menschen am Herzen. So möchte er zum Schluss des Gesprächs mit unserer Zeitung unbedingt noch etwas loswerden: «Wir Urner alarmieren bei körperlichen Problemen viel zu spät.» Wenn man etwa nachts um 3 Uhr einen Arm nicht mehr richtig spüre oder Brustschmerzen auftreten, solle man nicht erst bis um 8 Uhr warten, um sich beim Hausarzt oder Notfall zu melden: «Denn so verstreicht sehr wertvolle Zeit für die nötige Therapie, und unter Umständen hinterlässt ein solches Ereignis bleibende Schäden mit zum Teil grossen Folgen für Patient und Angehörige.» Dies sei für ihn frustrierend, weil bei einem sofortigen Reagieren und Alarmieren das Leid verhindert oder mindestens hätte minimiert werden können. «Der Urner ist hart im Nehmen, das sagen uns auch immer wieder ausserkantonale Spitäler.» Doch manchmal werde dies zum Verhängnis. «Lieber einmal zu viel alarmieren als zu wenig», denn schliesslich gehe es um die Gesundheit. Ein Anruf beim Notruf löse nicht immer einen Ambulanzeinsatz aus. Der Disponent sei ebenfalls Rettungssanitäter, welcher umfassend beraten und die bestmögliche Hilfe organisieren könne.

Ivan Planzer mag zufällig Rettungssanitäter geworden sein. Doch man merkt: Hier spricht jemand, der sich mit viel Hingabe um seine Mitmenschen kümmert. Er selber formuliert es so: «Der Zeckenbiss, der meine Mountainbike-Karriere ruinierte, war das Beste, was mir passieren konnte. Die Sportler-Tür ging zu, und die berufliche Türe ging auf. Dies musste so sein, und dafür bin ich dankbar.»

Hinweis

Vor der Abstimmung über den Um- und Neubau des Kantonsspitals Uri am 24. September stellt unsere Zeitung Personen im Hintergrund des Betriebs vor.

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