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Keine Angst vor Spinnen

Politologe Tobias Arnold erklärt in seiner Kolumne, in welcher Form in der Politik Spinnen vorkommen und welche Risiken sie mit sich bringen.
Tobias Arnold
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Es ist Wahlherbst und diese spezielle Jahreszeit hat ihre ganz eigenen Auswirkungen auf die Tierwelt: Die Spinnen sind los! Genauer: Die politischen Spinnen, die in allen Farben und Formen daherkommen. Geboren werden sie in Massen auf der Internetseite www.smartvote.ch: Man füllt dort einfach einen Fragebogen zu unterschiedlichen politischen Themen aus und schon erhält man ein achteckiges Spinnennetz, das mir angibt wie wichtig mir zum Beispiel ein starker Umweltschutz oder eine liberale Wirtschaftspolitik ist. Und da dies inzwischen auch fast jede Kandidatin und jeder Kandidat macht, kann man exakt berechnen lassen, zu wie viel Prozent man mit deren Positionen übereinstimmt. Demokratie wird vermessen! Auch ich hab’s gemacht. Nicht, dass ich jetzt hier mein Spinnenprofil ausbreite, Wahlgeheimnis ist in der heutigen Zeit schliesslich gleichzusetzen mit Spinnengeheimnis. Doch seiner eigenen Spinne ins Auge zu sehen bringt viel Erhellendes. Ich kann’s nur empfehlen!

Doch wie ist diese neue Tiergattung in der politischen Welt zu beurteilen? Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass die Wählerschaft einer Partei meist gemässigtere Positionen vertritt als die gewählten Parteivertreterinnen und -vertreter selber. In Zeiten zunehmender Polarisierung und Provokation im politischen Wahlkampf mögen die Spinnen also zu einer gewissen Versachlichung beitragen. Kommt hinzu, dass die eigene politische Positionierung viel besser reflektiert werden kann. Wieso nicht alle vier Jahre das eigene Spinnenprofil abspeichern und diese im Alter wieder hervornehmen und vergleichen? Der eine oder die andere dürfte überrascht sein, wie stark sich die eigene politische Einstellung im Verlauf des Lebens ändern kann. Die Spinnen verhelfen uns sozusagen, unser inneres politisches Ich zu finden.

Bevor ich nun aber zu meditativ werde: Es sei auch gewarnt vor der Spinneninvasion. Was wenn Politikerinnen und Politiker ihre Fragen strategisch so ausfüllen, dass sie zum Beispiel als besonders «liberal» oder «sozial» gelten? Was wenn die Antworten plötzlich einen derart offiziellen Charakter erhalten, dass auch nur die kleinste Meinungsänderung – die es ja durchaus geben kann – als Bruch mit der Wählerschaft taxiert wird? In diesem Sinne stimmt mich der aktuelle Wahlkampf im Kanton Uri noch optimistisch. Von den zur Wahl stehenden Nationalratskandidaten haben alle ein Spinnenprofil erstellt. Doch die Wahl wird sich nicht alleine daran entscheiden, sondern auch an ihren Auftritten in der Öffentlichkeit und ihrem bisherigen Engagement in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. In diesem Sinne: Lasst die Spinnen krabbeln, zertretet sie nicht und habt keine Angst vor ihnen, schaut aber auch, was um sie herum geschieht.

Tobias Arnold, Politologe

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