KESB-FALL: «Die Kesb demütigt Menschen»

Helmut Seidel, der Bruder des geflüchteten Klaus Seidel, lässt kein gutes Haar an der Urner Kesb. Die Behörde habe selbstherrlich geurteilt, kritisiert er.

Anian Heierli und Sven Aregger
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Klaus Seidel (rechts) mit einem Familienangehörigen bei der Grabpflege in seinem Geburtsort Eppendorf. Laut Bruder Helmut ist er in guter körperlicher und seelischer Verfassung. PD

Klaus Seidel (rechts) mit einem Familienangehörigen bei der Grabpflege in seinem Geburtsort Eppendorf. Laut Bruder Helmut ist er in guter körperlicher und seelischer Verfassung. PD

Anian Heierli und Sven Aregger

Der Fall des 88-jährigen Klaus Seidel rückt die Urner Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in ein schiefes Licht. Der deutsche Rentner, der gegen seinen Willen in die psychiatrische Klinik Zugersee in Oberwil und später ins Altdorfer Pflegewohnheim Höfli eingeliefert worden war, flüchtete Anfang Juni von Altdorf nach Deutschland (siehe Ausgabe vom 4. August und Box «Vorgeschichte»). Sein Bruder Helmut Seidel (74) hat sich nun schriftlich den Fragen unserer Zeitung gestellt.

Helmut Seidel, wie gehts Ihrem Bruder?

Helmut Seidel: In Anbetracht seines hohen Lebensalters geht es ihm körperlich und seelisch wieder sehr gut. Er ist in eindeutig besserer Verfassung als in der geschlossenen Dementeinrichtung in Altdorf und in der Psychiatrie in Oberwil. Er lebt selbstbestimmt, wird gesund ernährt und ist medizinisch hervorragend betreut. Vor allem schätzt er, dass er frei und unter normalen Menschen ist.

Wo wohnt Klaus Seidel zurzeit?

Seidel: Im Erzgebirge nahe seines Geburtsortes Eppendorf in Sachsen. Seiner Heimat hat er nie abgeschworen, weder zu Zeiten des Kalten Krieges noch während seiner Schweizer Jahre.

Wie wird er betreut?

Seidel:Klaus ist kein Pflegefall. Das heisst: Er muss nicht gepflegt werden, sondern er lebt als normaler älterer Mensch in der Familie. Natürlich wird er dabei auch begleitet und unterstützt. Älteren Menschen zu helfen, ist doch eine Selbstverständlichkeit. Klaus duscht allein und zieht sich selber an und aus. Er geht ins Bett, wenn er müde ist. Er nimmt selbstständig die notwendigen Medikamente. Er liest Zeitung, arbeitet ein wenig im Garten, trifft sich mit Bekannten, hilft bei der Pflege des Familiengrabes und unternimmt Ausflüge. Zudem macht er Gymnastik, Sprachübungen und ausgedehnte Spaziergänge. Das ist nicht schlecht für einen fast 90-Jährigen, der diesen Lebensabschnitt in einem Heim für Volldemente beschliessen sollte.

Vermisst er seine Frau Marie-Berthe?

Seidel: Ja, sehr stark. Er möchte so bald wie möglich zu ihr, aber er weiss, dass er ohne Rechtssicherheit sofort wieder interniert würde.

Besteht überhaupt Hoffnung, dass er seine Frau wieder sieht?

Seidel:Da bin ich mir sicher. Die Schweiz wird als Rechtsstaat in der Lage sein, Behördenfehler zu korrigieren.

Kann die Ehefrau nach Deutschland reisen?

Seidel:Meine Schwägerin würde für einen Besuch gern nach Deutschland reisen. In Familienbegleitung wäre das wie in vergangenen Jahren auch möglich. Aber die allmächtige Kesb, die unsere Schwägerin quasi gleich mit entmündigt und ihr Vermögen unter Kontrolle gestellt hat, wird das kaum erlauben.

Zieht Marie-Berthe Seidel auch eine Auswanderung in Betracht?

Seidel:Sie ist eine bodenständige Schweizerin und liebt ihre Heimat. Deshalb ist auch mein Bruder 1986 in die Schweiz gezogen und nicht Marie-Berthe nach Deutschland. Wunsch und Wille von Marie-Berthe haben natürlich einen grossen Stellenwert und sind voll zu respektieren, zumal mein Bruder unbedingt nach Altdorf zu seiner Frau zurück möchte.

Sie sprechen von der Kesb als einer allmächtigen Behörde. Welche Fehler hat sie Ihrer Meinung nach gemacht?

Seidel:Die Urner Kesb geht zu wenig oder gar nicht auf individuelle Anliegen der betroffenen Menschen ein. Im vorliegenden Fall ignorierte sie komplett unsere Familie. Sie urteilte selbstherrlich nach Schema F, ohne einen Kompromiss zu suchen. Sie erklärt Menschen als handlungsunfähig, demütigt sie und entmündigt quasi die betroffene Familie gleich mit dazu. Behördenarroganz, Herzlosigkeit und Unfähigkeit spielen ineinander. Wir konnten der Kesb bisher nicht ansatzweise vermitteln, dass es uns als Familie in erster Linie um den Menschen und sein Wohl geht. Begriffe wie Nächstenliebe scheinen in ihren Statuten, aber auch in ihrem Denken und Handeln nicht zu existieren.

Die Kesb hält sich wegen des Datenschutzes und des Amtsgeheimnisses bedeckt, obwohl sie mit dem Fall selber an die Öffentlichkeit gegangen sind. Können Sie das nachvollziehen?

Seidel:Datenschutz ist nicht immer notwendig. Für eine Behörde wie die Kesb ist er aber ein willkommener Deckmantel, um Auskünfte zu verweigern und ein Geflecht aus Behördenwillkür und Intransparenz wuchern zu lassen. Zum Thema Öffentlichkeit trifft es der Schriftsteller Klaus-Peter Wolf punktgenau: «Es gibt in unserem Land eine freie Presse, und wenn alles durcheinandergeraten ist, dann kann es hilfreich sein, die Dinge aufzudecken und zu benennen.»

Auch der Kanton gibt keine Auskunft – mit der Begründung, dass die Kesb eine unabhängige Behörde sei.

Seidel:Dass erinnert an ein totalitäres System. Politische Eingaben und Beschwerden in der DDR verliefen nach dem gleichen Muster.

Das Urner Obergericht hat die Klage Ihrer Familie gegen die Einweisung ins Heim abgewiesen. Ziehen Sie das Urteil vor höhere Instanzen weiter?

Seidel: Ja.

Wurde Arzt-Meinung ignoriert?

AH/ars. Laut Helmut Seidel ist sein Bruder im Altdorfer Pflegewohnheim Höfli «unmündig wie ein Vollpflegefall» behandelt worden – mit Windelhosen, Hilfe beim Duschen, bedenklichen Medikamenten und abfälligen Bemerkungen über den Geisteszustand des Bruders. Helmut Seidel betont aber, dass der «Kardinalsfehler» die Zwangseinweisung ins Pflegewohnheim gewesen sei. Das sei der Psychiatrie und der Kesb im Wechselspiel anzulasten.

Wie Helmut Seidel weiter sagt, sei zur Festlegung der Pflegestufe ein unabhängiger Arzt aus Deutschland angereist. Der Arzt habe festgestellt, dass Klaus Seidels Betreuung durch die Familie zu Hause durchaus möglich sei. Das habe auch der Kantonsarzt so gesehen. «Doch die Kesb ignorierte diese Aussagen gänzlich. Sie passten nicht ins beschlossene Konzept, Klaus Seidel und seine Ehefrau handlungsunfähig zu erklären und von Haus, Liegenschaft und Besitz fernzuhalten», mutmasst Helmut Seidel. «Pflegeeinrichtungen kuschen im vorauseilenden Gehorsam vor der Kesb, statt eigene, freie Entscheidungen für das Wohl der Betroffenen zu fällen.»

Ein Bericht im «Stern» zeichnet jedoch ein anderes Bild: Demnach hat der Kantonsarzt die Ansicht der Kesb geteilt, dass Klaus Seidel eine Gefahr für sich selber und andere darstelle.

Ausreise verboten

AH. Im Dezember 2014 erlitt Klaus Seidel (88) einen Schlaganfall. Daraufhin hätte er zusammen mit seiner Frau in ein Urner Altersheim ziehen sollen. Doch der Rentner wollte lieber zurück in sein Haus in Altdorf. Im Gespräch mit der Heimleitung verlor er die Beherrschung. «Dann erschiesse ich mich lieber gleich. Mich und meine Frau», drohte er. Die Kesb schaltete sich ein, steckte den Rentner in die Psychiatrie und später ins Pflegewohnheim Höfli. Seidel wurde auch die Ausreise nach Deutschland verboten, obwohl ihn seine Familie dort pflegen wollte. Die Angehörigen sahen in der Flucht den einzigen Ausweg.