Der Dreiklang «jützt» über den Klausen

Während der Fahrt über den Klausenpass spricht Postauto-Chauffeur Markus Berchtold über seine Lieblingsroute, über nervöse Retourfahrer, aber auch über den Bau der Strasse, die Uri und Glarus verbindet.

Remo Infanger
Merken
Drucken
Teilen
Nicht nur Chauffeur, sondern auch Touristenguide: Auf dem Urnerboden weiss Markus Berchtold viel Wissenwertes über die grösste Urner Kuhalp zu berichten. (Bild: Remo Infanger, Unerboden, 5. August 2019)

Nicht nur Chauffeur, sondern auch Touristenguide: Auf dem Urnerboden weiss Markus Berchtold viel Wissenwertes über die grösste Urner Kuhalp zu berichten. (Bild: Remo Infanger, Unerboden, 5. August 2019)

«Äs Halbs eifach bis Linthal». Vor dem Postauto mit der Kursnummer 408 reihen sich Reiselustige in die kleine Warteschlange ein, ausgerüstet mit Rucksäcken, Wanderstöcken und gezückten Portemonnaies. Am Führerstand werden Tickets gelöst, GA gezeigt. «Besten Dank und eine tolle Fahrt wünsche ich», sagt der Chauffeur. Mit freundlicher Miene und nicht um einen guten Spruch verlegen, heisst er die Fahrgäste im «Poschti» willkommen. «Ich heisse Markus Berchtold und werde euch heute über den Klausenpass begleiten», sagt der 60-jährige Schattdorfer. Vom Bahnhof Flüelen aus wird der Kurs über Bürglen durchs Schächental führen und nach einer Kaffeepause beim Hotel auf der Balm weiter über die Passhöhe und den Urnerboden bis ins glarnerische Linthal.

Strasse hätte einiges zu erzählen

Die LED-Ziffer über dem Fahrersitz zeigt 7:35, für Berchtold das Signal, loszufahren. Mit einem Zischen schliessen die Türen des gelben Zweiachsers, die rund zweistündige Fahrt beginnt. Und diese – wenn sie denn sprechen könnte – wüsste einiges zu erzählen. «Der Klausenpass ist zwischen 1893 und 1899 erbaut worden», weiss Berchtold. Damals hätten dahinter aber noch keine touristischen Absichten gesteckt. «Im Gegenteil: Der Pass diente zunächst Kriegszwecken, damit man neben der Nord-Süd-Verbindung auch eine militärische Verbindung zwischen Westen und Osten hatte, 40 Kilometer auf der Urner Seite, 10 Kilometer auf Glarner Boden.» Budgetiert dafür seien 2 Millionen Franken gewesen – für damalige Verhältnisse sehr viel. Gekostet hat die Fertigstellung des Klausenpasses dann aber das Doppelte.

Chauffeur, Touristenguide und Brotlieferant in Einem

Immer wieder biegt sich Markus Berchtold das Bus-Mikrofon zurecht, um seine Fahrgäste mit Infos zur Geschichte, Wissenswertem zur Bergwelt oder mit Wandertipps zu versorgen. «Ich mache das gerne, die Leute schätzen das und bedanken sich teilweise am Ende der Fahrt», so Berchtold. Und er scherzt:

«Das kann man aber natürlich nur auf Tourismusrouten machen. Am Montagmorgen um halb sieben Uhr auf einer normalen Pendler-Busstrecke würde das wohl weniger Anklang finden.»

Neben Postauto-Strecken im Sommer fährt Berchtold hauptsächlich mit Bussen der Auto AG Uri auf dem Urner Strassennetz oder mit dem Tellbus nach Luzern und zurück. Auf die Frage, welches denn seine Lieblingsstrecke sei, sagt er: «Ganz klar der Klausen, in meinen Augen der schönste Pass der Schweiz.» Dass man aber auch andere Linien fahren könne, mache den Alltag spannend. «Die Abwechslung macht es eben aus.» Ausserdem sei die Kundschaft jeweils eine ganz andere. Während Pendler die Busse als Mittel zum Zweck benutzen, um möglichst schnell von A nach B zu gelangen, gehöre für Ausflügler im Postauto ganz klar der Weg zum Ziel.

Vor dem Tellmuseum in Bürglen bringt Berchtold das Postauto zum Stehen. Eine Frau der Bäckerei Schillig kommt angelaufen und reicht dem Chauffeur grosse Kisten mit frischem Brot und Süssgebäck. «Das erste Postauto am Morgen übernimmt jeweils auch den Brot-Lieferdienst für das Hotel auf dem Klausen und das ‹Lädeli› auf der Passhöhe, das geht grad in Einem», erklärt Markus Berchtold. So handhabe man das beispielsweise auch in Isenthal, dort wird einfach noch ein Wagen mit Milchkannen an das Postauto gehängt.

Auf dem Urnerboden wurden Pferde gewechselt

Das Transportunternehmen blickt in Uri auf eine lange Vergangenheit zurück. «Nach der Fertigstellung des Klausenpasses sind bereits 1900 die ersten Postkutschen über den Pass gefahren», erklärt Berchtold den Fahrgästen via Mikrofon. «Eine Fahrt von Flüelen bis nach Linthal hat damals aber rund zehn Stunden gedauert.» So wurde in Urigen oder auf dem Urnerboden die Kutsche frisch bespannt, die Pferde ausgewechselt und ab und zu im Posthotel übernachtet. «Ein Billett hat 15 Franken gekostet – für damalige Verhältnisse ein Luxus, wo doch der Tagelohn für Handwerker 3 bis 5 Franken betrug.» 1922 habe dann das Postauto die Kutsche abgelöst.

Plötzlich werden die Gespräche im Postauto von einem lauten Signal unterbrochen, das wohl einige Fahrgäste bereits sehnsüchtig erwarteten. «Dü-da-do», wie ein «Jütz» des Postautos hallt der unverkennbare Dreiklang aus der Ouvertüre zu Rossinis «Wilhelm Tell» durch das Schächental. Bloss zur Belustigung der Gäste sei das aber nicht gedacht. «Die Hupe dient in erster Linie als Warnsignal, etwa bei engen Kurven», erklärt Berchtold.

Wenig «Spatzig» verlangt viel Fingerspitzengefühl

Immer wieder muss er bei Gegenverkehr und an engen Passagen Fingerspitzengefühl beweisen. Viel «Spatzig» hat er nicht, oft ist es Zentimeterarbeit. Trotzdem manövriert er den gelben Riesen mit sichtlicher Ruhe an den entgegenkommenden Passfahrern vorbei. Ist ein Kreuzen nicht möglich, muss der Gegenverkehr den Rückwärtsgang einlegen. In der Regel klappe das ganz gut, trotzdem sei das Retourfahren in kurvigem und steilem Gelände nicht allen Lenkern geheuer. Berchtold hängt eine Anekdote an: «Als einmal gar nichts mehr ging und die entgegenkommende Fahrerin schlicht nicht in der Lage war, rückwärts zu fahren, bin ich ausgestiegen und habe mich auf Bitte der Frau dann selbst ans Steuer ihres Autos gesetzt», erinnert er sich. «Mein Spruch; ‹wenn ich Ihr Auto rückwärts manövriere, setzen Sie sich dafür ans Steuer des Postautos› hat ihren Stress auch nicht wirklich bewältigen können.»

Auch Fussgänger benutzen die Klausenpass-Linie, Vortritt haben aber nur die vierbeinigen. (Bild: Remo Infanger, Klausenpass, 5. August 2019)

Auch Fussgänger benutzen die Klausenpass-Linie, Vortritt haben aber nur die vierbeinigen. (Bild: Remo Infanger, Klausenpass, 5. August 2019)

Nach einer kurzen Kaffeepause im Hotel Klausenpasshöhe geht die Reise weiter Richtung Urnerboden. Plötzlich überqueren ein paar Kühe, geführt von zwei Knaben, die Passstrasse. Das Postauto hält, Berchtold stellt den Motor ab. Er lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. «Sehen wir es positiv, je länger wir hier stehen, desto länger können wir die Aussicht geniessen.» Ausserdem hätten Vierbeiner in diesem Gebiet immer Vortritt.

Der «Polenkehr» als letzte Info

Kurz vor Linthal, auf den letzten Haarnadelkurven, greift der Chauffeur nochmals zum Mikrofon. «Wir fahren nun über den sogenannten ‹Polenkehr›», erklärt Berchtold. «Der kurze Streckenabschnitt verdankt seinen Namen den Erbauern.» Hunderte polnische Arbeiter hätten in den 40er-Jahren bei der Erstellung geholfen, die Passstrasse zu pflastern. Der «Polenkehr» sei der einzige Abschnitt, der heute noch mit diesen Pflastersteinen bedeckt ist.

Angekommen am Linthaler Bahnhof, geht die Postauto-Fahrt zu Ende. Die Passagiere applaudieren vor dem Aussteigen und bedanken sich beim Chauffeur. Dann zieht ein Gewitter auf. «Gut, dass wir über den Klausen schnell wieder im sonnigen Urnerland sind», kommentiert Markus Berchtold den einsetzenden Regen und heisst die neuen Fahrgäste willkommen.