Kolumne Ürner Asichtä
Bitte auf der Zunge zergehen lassen

Regula Waldmeier erinnert sich zu Ostern an den Schokoladengeruch aus ihrer Kindheit.

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Regula Waldmeier, Gastkolumnistin der «Urner Zeitung».

Regula Waldmeier, Gastkolumnistin der «Urner Zeitung».

Bild: PD

Ich bin im Städtchen am schönen Aarestrand zwischen Zürich und Bern im Rübliland aufgewachsen. Am Graben, gegenüber den Stadttoren, betrieben meine Eltern eine Konditorei mit Tea-Room. Dass ich jetzt «Ürner Asichtä» äussern darf, verdanke ich der Tatsache, dass ich seit gut 45 Jahren Schattdorferin bin.

Wie viele Wochen vor Ostern im elterlichen Betrieb mit der Produktion von «Schoggi Osterhasen» angefangen wurde, weiss ich nicht mehr. Doch kaum begann die Couverture in der Backstube zu schmelzen, zog der süsse, schwere Schokoladegeruch durchs Haus, drang in alle Ritzen und legte sich in unseren Schleimhäuten fest, wochenlang.

Die erlesenste Couverture musste bei exakt angegebener Temperatur geschmolzen werden, die braune Milchschokolade zu einer anderen als die schwarze oder die weisse, homogen, blasenfrei, nur so wurde garantiert, dass das Endprodukt, der «Schoggi Hase», glänzte. Dann wurden selten gewordene, alte Messingformen aller Art zusammen geknipst, mit Schokolade aufgefüllt. Später stellten die Confiseure die vollen Formen zum Abtropfen und Trocknen auf ein Gitter. Die nächsten Arbeitsschritte durften nur noch mit weissen Stoffhandschuhen ausgeführt werden, fettige Abdrücke waren undenkbar, unprofessionell. Jetzt mussten die Hasen aus den Formen gebrochen, die Ränder mit spitzen Messern säuberlich gerade geschliffen werden. Kleine, grosse, mittlere, stehende, liegende, zu zweit oder allein, mit Hänge- oder aufgestellten Ohren, ein Wägelchen ziehend oder mit einem Körbchen voll Zuckereiern auf dem Rücken tragend, schwarze, weisse, gefleckte, braune, mit oder ohne Nougat, teilweise mit Mandelsplittern, alle wurden sie in Cellophan Beutel verpackt. Ein heikles Unterfangen, denn irgendwo klebten die Dinger immer, da wo sie nicht sollten.

Danach war die Zeit reif für die Paradedisziplin meiner Mutter: Perfekt sollten sie sein, die Seidenmaschen, mit denen die Prachtstücke ausstaffiert wurden, eine jede original gebunden von der Hand der Meisterin. Ihr oblag auch die Gestaltung des Laden-Schaufensters und schon drückten Kinder daran ihre Nasen platt. Nun galt es den Köstlichkeiten Sorge zu tragen, die grösste Gefahr drohte ihnen von der Sonne, wie schnell würden die Unikate dahin schmelzen. Die Tagesverantwortliche für das Herunterkurbeln der Sonnenstoren trug eine gewichtige Verantwortung. Bald würde das Osterfest gefeiert werden, die Überraschungen in Garten und Haus versteckt sein.

Die Kundschaft drang in den Verkaufsladen, suchte sich den passenden Hasen aus, der dann liebevoll mit grüner Hasenwolle umwickelt in eine geblümte Kartonschachtel gesteckt wurde. So viele Arbeitsschritte, der Aufwand hatte sich gelohnt, die «Schoggi Osterhasen» waren jeder für sich ein Kunstwerk. Doch da sie so cremig auf der Zunge schmolzen, diese leicht kitzelten, ihr Geschmack sich voll entfalten konnte und sie so sehr genossen wurden, erlitten sie das dasselbe Schicksal wie ihre maschinell, zu Tausenden hergestellten, alle gleich aussehenden Artgenossen:

Waren die Ohren einmal abgebissen, gab es kein Zurück, der ganze Hase war im nu weggefuttert.

Frohe Ostern Ihnen allen.