Kolumne
«Ürner Asichtä»: Die Digitalisierung hat auch (menschliche) Grenzen

Unaufhaltsam schreitet die Digitalisierung voran. Das bringt viele Vorteile im Alltag mit sich, grenzt aber vermehrt auch jene aus, die nicht mit den rasanten Veränderungen Schritt halten können. Ruedi Bomatter beleuchtet Chancen und Risiken.

Ruedi Bomatter, Altdorf
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Ruedi Bomatter.

Ruedi Bomatter.

Bild: Urner Zeitung

Der Commodore PET 2001 war der erste für Privathaushalte erschwingliche und in Serie hergestellte Personal Computer auf dem Schweizer Markt. Das erste in die Schweiz importierte Gerät stand, obwohl auf dem Markt noch nicht verfügbar, in unserem Schlafraum in der Internatsschule in Schwyz. Ein glücklicher Zufall! Der Vater eines Zimmerbewohners arbeitete damals bei der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) und musste überprüfen, ob der Computer die in der Schweiz gültigen Normen erfüllt, was schliesslich auch der Fall war. Und genau dieses Gerät landete nach erfolgreicher Prüfung bei uns im Schlafraum. Natürlich waren wir begeistert und spielten nächtelang «Schiffli versenken» und «Rhino» oder wir machten uns auf die Suche nach den unter dem Schnee versteckten Lemmingen.

So gesehen sind meine Zimmernachbarn und ich die ersten und heute wohl ältesten Digital Natives der Schweiz. Das war 1977. Was seither passiert ist, ist allgemein bekannt. Die Digitalisierung hat in diesen 45 Jahren praktisch alle Bereiche unseres Daseins erfasst und ist aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Fast jedes Kind verfügt mit dem Handy über einen Computer, der in Sachen Geschwindigkeit, Leistungsfähigkeit, Speicherplatz, Bildschirmauflösung und Bedienungskomfort den legendären PET um ein Tausendfaches übertrifft. Social Media hat das Kommunikationsverhalten einer ganzen Generation auf den Kopf gestellt, mit Followers haben wir plötzlich Freunde, welche wir persönlich nicht einmal kennen. Nur lassen sich Followers mit Freunden nicht vergleichen, denn auf Freunde kann ich mich auch im realen Leben verlassen. Mit dem Internet der Dinge werden heute selbst alltägliche Gegenstände wie Türfallen, Lampen oder Sonnenstoren mit Prozessoren und SIM-Karten ausgestattet. Wem das nützt, bleibt bisweilen fraglich.

Natürlich hat die Digitalisierung viele Bequemlichkeiten gebracht. Ich denke da an den elektronischen Zahlungsverkehr oder an fast unzählige Apps, welche im Alltag mehr oder weniger wertvolle Helfer sind. So habe ich jederzeit und ortsunabhängig Zugriff auf News, Hintergrundinformationen oder auf die aktuellen Wetterdaten, wobei Letzteres für die heutige Freizeitgesellschaft schon fast unverzichtbar ist. Und wenn das Wetter schlecht ist, kann ich von zu Hause aus online die Steuererklärung ausfüllen, Musik hören, Filme streamen oder shoppen, mit Zugriff auf ein Sortiment, das ein realer Laden schlichtweg nicht anbieten kann. Ich kann Flug- und Fahrpläne einsehen, das Ticket gleich online bestellen und bezahlen. Auch die Parkuhr kann ich bequem per App bedienen und bei einem länger als geplanten Aufenthalt nachzahlen, ohne jedes Mal wieder zum Münzautomaten rennen zu müssen.

Das ist ja alles gut und recht. Doch hat die Digitalisierung für mich auch Grenzen, spätestens, wenn sie zum Muss wird. Wer digital nicht affin ist – und das sind vorwiegend ältere, behinderte oder mittellose Menschen –, wird systematisch ausgegrenzt. Bei einem Restaurantbesuch letzte Woche habe ich einen solchen Grenzfall erlebt. Die Bestellung konnte nur per Touchscreen aufgegeben werden, wer bar bezahlte, musste einen Umweg und Wartezeit in Kauf nehmen. Persönliche soziale Kontakte waren auf ein Minimum reduziert. Wenn der Kellner durch einen Computer ersetzt wird und die Kommunikation nur noch über das Handy stattfindet, habe ich im Restaurant eigentlich nichts mehr verloren. Da kann ich mir die Pizza gleich per App ins Haus liefern lassen.

Ein noch krasseres Beispiel sind die neu eingerichteten Toiletten im Hauptbahnhof in Luzern. Wer dort sein Geschäft verrichten will, kann nur noch digital bezahlen, und das im Voraus. Mit «hygienischen Überlegungen» wird das begründet. Wer also weder über ein Handy noch über eine Kreditkarte verfügt, dem bleibt nichts anderes übrig, als in die Hose zu machen.