Kolumne
«Ürner Asichtä»: Theater

Regula Waldmeier erzählt in ihrer Kolumne darüber, mit 73 Jahren zum ersten Mal den Schritt auf die Theaterbühne zu wagen – und über Herausforderungen, Erfolge und Grosskinder.

Regula Waldmeier, Flüelen
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Regula Waldmeier

Regula Waldmeier

Bild: Urner Zeitung

«Alle Leute kannst du mit deiner Kolumne so oder so nicht erreichen», quittiert meine Tochter meine Bedenken, ich könne doch nicht schon wieder von meinen Grosskindern schreiben, da nicht alle Leserinnen und Leser Grosseltern seien.

Ich muss mich eh vorsehen, nicht durch die Unsitte anzuecken, in Gesellschaft Handyfotos von meinen ach so schönen und witzigen Grosskindern herumzureichen. Mindestens halte ich mich zurück, wenn grosskinderlose Menschen anwesend sind. Einer meiner Bekannten, die kinderlos ist, platzte der Kragen, als anlässlich einer Klassenzusammenkunft das Thema Grosskinder zum x-ten Mal aufs Tapet kam: In ihrem Haushalt gäbe es einen Kater und sie habe sich jüngst einen teuren Computer zugelegt, erklärte sie offensichtlich gallig.

Item, als Grossmutter muss ich von meinen Grosstöchtern auch einiges einstecken: Sie könne singen und – bestimmt eine berühmte Sängerin werden; sie könne tanzen und – bestimmt eine berühmte Tänzerin werden, brüstete sich meine Grosstochter Paula vergnügt. «Und du Grossmammi könntest Theater spielen.» «Ja», erwiderte ich erfreut, «das hätte ich schon lange gerne getan, aber wieso meinst du, dass das für mich das Richtige wäre?» «Weil du immer redest», kam die prompte Antwort. «Und wenn ich nichts sage, ist es auch nicht recht», murrte ich kleinlaut. Tatsächlich spielte ich dann bald darauf, 73 Jahre alt, zum ersten Mal in meinem Leben im Stück «Eine Reise zum Mond» zusammen mit Migrantinnen und Migranten unter der Regie von Lory Schranz Theater.

Wir probten monatelang – eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten, für die Laienschauspielerinnen und -schauspieler aus der Schweiz und vielen fernen Ländern, für die Regisseurin mit ihrer Assistentin und für mich, die ich eine Rolle mit viel Text zu spielen hatte. Viele Mitspielende waren nicht deutscher Muttersprache. Es kam sprachbedingt zu Missverständnissen, die geklärt sein wollten. Die kulturellen, religiösen und sozialen Unterschiede schienen eine kaum überwindbare Barriere zu bilden. Aber wir schafften es, wurden ein frohes, selbstbewusstes Team.

Ich gab mir Mühe, den Text auswendig zu lernen, zweifelte an meinen Fähigkeiten, musste mir eingestehen, dass das in meinem Alter nicht mehr so einfach geht. Es brauchte viel, sehr viel Zeit, aber die hatte ich ja, die nahm ich mir. Ich memorierte, wusste genau, wann mein Einsatz kam, wo ich zu stehen hatte. Schliesslich spielte ich meine Rolle gut, konnte ich meinen Text auswendig sprechen.

Wir spielten «Eine Reise zum Mond» fünfmal im Winkel in Altdorf. Nach jeder Aufführung versammelte uns Lory zum Debriefing. Es gab viel Lob, diese oder jene Szene aber sollte flotter über die Bühne gehen, da hatte jemand von uns einen Teil des Textes ausgelassen, doch wir wurden immer besser. Eine wichtige Regel lautete, das Publikum nicht anzuschauen, wir wussten genau, wohin wir unsere Blicke zu richten hatten. Doch dann kam der Abend, als Paula mit ihrer Familie im Saal sass. Logisch, dass ich sie wahrnahm, ich spielte an diesem Abend womöglich nur für sie.

Es war schön, wir waren glücklich und zufrieden, so stolz. Wir als zusammengewürfelte Schar waren für eine Überraschung gut gewesen. Wir hatten etwas erreicht, weil wir es unbedingt zusammen erreichen wollten und weil es so viel Spass gemacht hatte. Und übrigens, die Proben zu Lorys neuem Theater «Fremd sein» beginnen schon bald.