Heidi Z’graggen: «Konkordanz ist der Königsweg»

Nachdem die Erstfelderin die Wahl vor neun Jahren in den Ständerat verpasste, will es Heidi Z’graggen nochmals wissen.

Philipp Zurfluh
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Die Urner Justizdirektorin Heidi Z’graggen tritt ohne Gegenkandidat in den Wahlkampf. (Bild: Urs Hanhart, Altdorf, 4. September 2019)

Die Urner Justizdirektorin Heidi Z’graggen tritt ohne Gegenkandidat in den Wahlkampf. (Bild: Urs Hanhart, Altdorf, 4. September 2019)

Sie hat konkrete Ziele, klare Positionen, Visionen, übernimmt gerne Verantwortung. Grund genug für die Urner Justizdirektorin den nächsten Schritt zu wagen – als Ständerätin: «Ich habe während meiner 15-jährigen Tätigkeit als Regierungsrätin gute Erfahrungen gemacht und bei wichtigen Geschäften tragfähige Lösungen für Uri erarbeiten können.» Ein Wort, das Heidi Z’graggen des Öfteren in den Mund nimmt, ist Konkordanz. Die amtsälteste Urner Regierungsrätin spricht aus Erfahrung: «Politik ist ein Prozess, der nicht immer von Erfolg gekrönt ist.» Sie habe gelernt, auch mit Rückschlägen umzugehen. Bei verschiedenen Meinungen im Regierungsrat sei es unumgänglich, auch mal Kompromisse zu machen, die nicht immer der eigenen politischen Haltung entsprechen würden. Für Heidi Z’graggen ist aber klar: «Man muss immer wieder Brücken bauen. Deshalb ist Konkordanz der Königsweg.»

Nach der gescheiterten Bundesratswahl im Dezember vergangenen Jahres will die Ständeratsanwärterin nun endlich den Weg nach Bern schaffen. «Immer mehr Entscheide, die auf Bundesebene gefällt werden, betreffen die Kantone», sagt die 52-Jährige. Die Eigenständigkeit der Kantone und der Föderalismus seien ihr ein wichtiges Anliegen. «Dafür möchte ich mich im Ständerat einsetzen.»

Sie will den Puls der Bevölkerung spüren

Heidi Z’graggen kandidiert bereits zum zweiten Mal für den Ständerat. 2010 musste sie dem Parteilosen Markus Stadler den Vortritt lassen, eine politische Schlappe für die Erstfelderin. Diesmal scheint ihre Wahl unbestritten. Gegner hat sie keine. Dennoch betreibt sie Wahlkampf: «Es ist wichtig, dass das Urner Volk weiss, welche Ziele ich für unseren Kanton auf Bundesebene anstrebe. Die Urner sollen wissen, welche Personen sie nach Bern delegieren.» Es gehe darum, auch den Puls der Leute zu spüren, und zu fühlen, wo der Schuh drücke. Und: «Natürlich geht man selbstbewusster aus der Wahl, wenn man vom Volk getragen wird.»

Die ausgebildete Lehrerin und promovierte Politikwissenschaftlerin hat bei einer allfälligen Wahl klare Vorstellungen, welche Themen sie auf das Tapet bringen will. «Der Service public ist mir ein wichtiges Anliegen.» Dazu gehöre eine gute digitale Infrastruktur. «Wir müssen in diesem Bereich gleichgestellt sein wie städtische Gebiete.» Auch die Anbindung des Kantons Uri an den öffentlichen Verkehr müsse gewährleistet sein.

«Für den Bau der Neat haben wir viel Fläche zur Verfügung gestellt. Der Kanton hat viele Opfer gebracht. Nun wollen wir davon zukünftig profitieren.»

Milliardenprojekt sticht in ihrem Leistungsausweis hervor

Die 52-Jährige ist eine politische Spätzünderin. Im Rahmen der 100-Jahr-Jubiläumsfeier der CVP Uri war sie vom damaligen Urner Kantonalpräsidenten Leo Brücker eingeladen worden, ein Referat zu halten. Es war sozusagen der Start in ihre Politkarriere. «Es war mein erster öffentlicher Auftritt, ich war unglaublich nervös.» 2000 wurde sie zur Parteipräsidentin gewählt, vier Jahre später mit einem Glanzresultat in die Regierung. Z’graggen gilt als thematisch breit aufgestellt und Person, die ihre Meinung resolut und kompetent vertritt. Während ihrer Tätigkeit in der Exekutive hat sie vor allem mit der Realisierung des Tourismusresorts des Investors Samih Sawiris in Andermatt positiv von sich Reden gemacht. Sie hat als Vorsitzende des regierungsrätlichen Ausschusses mitgewirkt, dass das Mega-Projekt durch sämtliche Instanzen gebracht werden konnte. «Ein langer und anspruchsvoller Weg», wie sie sagt. «Wir können in Uri stolz sein, dass wir alle am gleichen Strick gezogen und geschafft haben.» Die Regierungsrätin engagiert sich auch im Umweltbereich und wurde 2017 vom Bundesrat zur Präsidentin der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission ernannt. Im Regierungsrat habe sie sich auch sehr stark für das Reussdelta eingesetzt, das zu einem wichtigen Natur- und Erholungsraum geworden ist.

Heidi Z’graggen lebt mit dem Zürcher SVP-Mann Bruno Dobler in einer Partnerschaft. Deswegen abzuleiten, dass sie eine rechte CVP-Politikerin sei, hält sie für unzutreffend. «Ich halte wenig von diesem Links-rechts-Schema und lasse mich nicht gerne in eine Schublade stecken. Es ist auch immer abhängig vom politischen Geschäft.»

Drei heisse Fragen an Heidi Z’graggen

(pz) Ist die Ständeratskandidatur ein Trostpflaster für die verpasste Wahl in den Bundesrat?
Heidi Z’graggen: Jetzt stelle ich mich zur Wahl als Ständerätin. Dies aus dem gleichen Grund: Weil mir der Kanton Uri und die Bevölkerung sehr am Herzen liegen und weil ich mich für unser wunderbares Land einsetzen will.
Ist es für Sie die letzte Chance, nach Bern zu kommen?
Diese Gedanken habe ich mir noch gar nicht gemacht. Politik treibt mich an. Ich möchte gute Grundlagen für die Bevölkerung erarbeiten. Ich möchte das auf Bundesebene einbringen. Das ist für mich eine Chance und Freude zugleich.
Als Ständerätin haben Sie keine Verwaltung im Rücken. Müssen Sie bei einer Wahl mehr arbeiten?
Als Regierungsrätin bin ich es gewohnt, viel und mit einer sehr guten Verwaltung zu arbeiten. In Bern werde ich wieder mehr auf mich alleine gestellt sein. Bei meinen früheren Tätigkeiten habe ich oft Geschäfte alleine erarbeitet. Es ist mir bewusst, dass es eine grosse Umstellung sein wird. Ich muss mich einarbeiten und werde die Unterstützung und Fachkompetenz der Verwaltung vermissen. Ich bin aber eine schnelle Leserin und arbeite mich gerne in komplexe Themen ein. Natürlich bin ich gespannt, wie der Wechsel sein wird.

Der Föderalismus und die direkte Demokratie sind unantastbar

Die Exekutiv-Politikerin weist darauf hin, dass in den vergangenen Jahren die Polarisierung in der Parteienlandschaft zugenommen habe. «Die CVP hat eine Scharnierfunktion zwischen links und rechts. Wir wollen nachhaltige Ergebnisse für die ganze Bevölkerung erarbeiten. Wir präsentieren Lösungen für anstehende Probleme.» Die Partei wolle die ganze Breite der Themen anzugehen. «Die Schweizer Bevölkerung will ausgewogene Lösungen und dafür setze ich mich ein.» Die Schweiz müsse in Europa noch selbstbewusster auftreten. «Unsere Souveränität ist zentral. Föderalismus und direkte Demokratie unantastbar, daran darf man nicht schrauben», führt die promovierte Politologin aus.

Alt Landratspräsidentin Annalise Russi und Heidi Z’graggen haben zur Jahrtausendwende mit anderen zusammen ein Buch zu Frauen in der Politik verfasst. «Zu dieser Zeit hatte Heidi Z’graggen noch eine feministische Ader», liess sich Russi in einem Artikel der NZZ vom 10. November 2018 zitieren, «leider ist diese verschwunden.» Im Verlauf ihrer Regierungstätigkeit sei die konservative Haltung ausgeprägter geworden, so Russi. Was sagt Z’graggen selber dazu? «Für mich ist das eine Frage der Wahrnehmung. Seit ich Teil des Regierungsratgremiums bin, habe ich mich stets für das Ganze eingesetzt.»

Die andere Sicht

(pz) Der Urner Landammann und Baudirektor Roger Nager kennt Heidi Z’graggen seit seiner Zeit als Gemeindepräsident von Andermatt. «Sie verfügt über drei sehr gute Trümpfe: Erfahrung, Vernetzung und Bekanntheit», meint Nager. «Erfahrung dank 15 Jahren Tätigkeit als Urner Regierungsrätin. Vernetzung dank ihrer aktiven Mitarbeit bei der Umsetzung des Tourismus Resorts in Andermatt. Und überregionale Bekanntheit dank ihrer Bundesratskandidatur vom vergangenen Dezember.»

Justizdirektorin richtet Appell an junge Frauen

Der Vollblutpolitikerin liegen nach wie vor Frauenanliegen am Herzen. Die Regierungsrätin motiviert junge Frauen, in die Politik zu gehen. «Nur wenn Frauen sich zur Wahl stellen, können sie gewählt werden. Die Repräsentation des weiblichen Geschlechts in der Politik ist wichtig und selbstverständlich. Habt Mut, etwas zu bewegen!», so der Appell der Erstfelderin an die jüngere Generation. Sowieso sieht Heidi Z’graggen im Bereich der Stellung der Frauen in der Gesellschaft Nachholbedarf. «In Verwaltungsräten sind die Frauen immer noch stark untervertreten. Es liegt in der Verantwortung der Unternehmen, aber wir haben den Gleichstellungsartikel in der Verfassung», betont die 52-Jährige. «Die Firmen, die ich kenne, legen viel Wert auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Auch in der Verwaltung ist das ein wichtiger Grundsatz. Es kann sich niemand mehr leisten, dort nicht korrekt zu sein.» Hier sei aber nicht nur die Politik gefordert, auch die Gesellschaft. Doch wo möchte sie den Hebel ansetzen?

«Eine gesetzliche Frauenquote bei den Nationalratswahlen ist der falsche Weg, um für mehr Gleichberechtigung zu sorgen.»

Sie will Taten sprechen lassen – und dies auch als künftige Ständerätin: «Ich möchte unserem Kanton eine starke Stimme geben und mich für die Anliegen unserer Bevölkerung einsetzen.»

Bereits in der «Urner Zeitung» erschienen ist ein Porträt über Ständeratskandidat Josef Dittli. In den kommenden Wochen werden noch die Nationalratskandidaten porträtiert.