Der Krieg in Sri Lanka führte Ramanan und Agaliya zu ihrem neuen Leben in Uri

Ramanan und Agaliya Ananthavettivelu erlebten ähnliche Schicksale, bis sie in der Schweiz aufeinander trafen. Dann setzte ein traditionsreicher Mechanismus ein.

Claudia Naujoks
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Ramanan und Agaliya Ananthavettivelu mit ihren Kindern. (Bild: PD)

Ramanan und Agaliya Ananthavettivelu mit ihren Kindern. (Bild: PD)

Zwei Generationen Sri-Lanka-Tamilen müssen alles zurücklassen auf der Flucht vor dem 25 Jahre dauernden Bürgerkrieg auf dem südasiatischen Inselstaat, landen per Zuteilung durch ein zentrales Aufnahmelager im Kanton Uri und bauen sich hier ein neues Leben auf.

Ramanan Ananthavettivelu arbeitet als Fachspezialist Leittechnik Kraftwerk beim EWA, ist 33 Jahre alt und hat mit Agaliya, seiner Frau, drei Söhne im Alter zwischen 1 und 6 Jahren. Agaliya Ananthavettivelu ist als Fachperson für Betreuung mit einem 30-Prozent-Pensum im Altenpflegeheim in Flüelen und als Übersetzerin für Tamilisch beim Roten Kreuz angestellt. Sie führen heute das Leben einer ganz normalen Familie im Kanton Uri. Dabei war ihre Kindheit alles andere als normal, denn beide wurden in den seit 1983 in Sri Lanka wütenden Bürgerkrieg hineingeboren.

Auf dem südasiatischen Inselstaat herrscht schon sieben Jahre Bürgerkrieg, in dem tamilische Freiheitskämpfer darum kämpfen, vom überwiegend von buddhistischen Singhalesen bevölkerten Inselstaat unabhängig zu werden. Der Vater von Ramanan aus Point Pedro und die Eltern von Agaliya aus Chavakacheri (Jaffna) flüchteten in die Schweiz. Sie lassen ihre damals drei- und vierjährigen Kinder bei den Verwandten zurück, um auf illegalen Wegen dem Grauen zu entfliehen. Bleiben ist keine Option, denn die indische Armee geht gnadenlos gegen Tamilen vor, die in Verdacht stehen, die Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Die indische Intervention scheitert. Blutige Massaker auf beiden Seiten, den tamilischen Freiheitskämpfern und den srilankischen Regierungstruppen, sind die Folgen.

Die bedrohliche Situation zwang zur Flucht ins Ungewisse

Der Vater ist bereits sechs Jahre im Kanton Uri in der Schweiz, als Ramanan, damals eines von vier Geschwistern – zwei weitere werden in der Schweiz geboren –, zusammen mit seiner Familie zunächst für anderthalb Jahre nach Colombo, die Hauptstadt von Sri Lanka, zieht und dort auch die Schule besucht. «In Point Pedro hat das singhalesische Militär seine Camps auf unserem Grundstück aufgeschlagen. Wegen dieser für uns bedrohlichen Situation mussten wir so schnell wie möglich weg», erinnert sich Ramanan.

Von hier aus können sie schliesslich zum Vater in die Schweiz reisen. Seit 1992 lebt der Vater im Kanton Uri, der bei seiner Ankunft von einem zentralen Aufnahmelager dorthingesandt worden war. Zu dieser Zeit sei es in Uri sehr schwer für Flüchtlinge gewesen, eine Arbeitsstelle zu bekommen, sagt Ramanan. 9 Jahre lang konnte der Vater nicht arbeiten. Erst ab Januar 2001 erhielt er eine Anstellung bei der Zentralen Organisation für Abfallbewirtschaftung im Kanton Uri (Zaku) in der Eielen in Attinghausen, die er jetzt noch zwei Jahre bis zur Pensionierung ausführt.

Sprache ist der Schlüssel zu einem soliden beruflichen Werdegang

Ramanan ist 12 Jahre alt, als er in Uri ankommt. «Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Schnee gesehen. Das war etwas ganz Neues für mich», sagt er und lacht. Etwas ganz Neues ist auch die Sprache: Ramanan steigt hier in der 5. Klasse Primarschule in das Schweizer Bildungssystem ein – mit keinem einzigen Wort Deutsch. «Das war schwer, ich habe am Anfang überhaupt nichts verstanden», sagt er. Seine ältere Schwester war mit 16 Jahren eigentlich schon von der Schulpflicht entbunden, hatte aber noch keinen anerkannten Schulabschluss. Da erschien ihnen die Deutschlehrerin Mia Hörner wie ein rettender Engel. Sie unterstützt ihn und seine Geschwister über die Massen, damit sie alle die Schule abschliessen können, und hilft sogar bei der Lehrstellensuche. Sie seien ihr deshalb sehr dankbar und stünden immer noch mit ihr im Kontakt, erzählt er mit leuchtenden Augen.

Der zusätzliche Deutschunterricht sei wichtig gewesen. Nur so wurde ihm die Möglichkeit eröffnet, nach der Berufsvorbereitungsschule einen soliden Werdegang als Elektriker zu absolvieren. Nach der Lehre bei der Elektro Planzer AG ist er im Anschluss für Elektro Maréchaux Stans hauptsächlich im Kanton Uri unterwegs. 2014 wird er gefragt, ob er zur SBB wechseln möchte, was dem dreifachen Familienvater sehr entgegenkommt, denn er ist als Betriebselektriker mehr vor Ort tätig. Seit Januar 2019 hat er eine Stelle beim EWA inne. Bisher habe er sich in jedem Team wohlgefühlt: «Es ist ein Geben und Nehmen, dann klappt es», ist der junge Tamile überzeugt.

Beim Kontakt mit Landsleuten findet er die Frau fürs Leben

In seiner Freizeit pflegt der junge Mann den Kontakt auch mit seinen Landsleuten. Da diese in der ganzen Schweiz verteilt sind, gehört ein regelmässiger Telefonchat dazu. Es sind acht Kollegen aus Zürich, Luzern, Uri und St.Gallen, die sich miteinander austauschen. Auch eine junge Tamilin aus St.Gallen nimmt daran teil. Eine gemeinsame Kollegin stellt die beiden jungen Leute einander vor, sie telefonieren irgendwann alleine miteinander und das Schicksal nimmt seinen Lauf...

Nachdem die Eltern 1990 das Land verlassen haben, Agaliya ist drei Jahre alt, wächst sie bei ihrer Tante, der Schwester der Mutter, auf, die ihren Onkel, also den Bruder ihres Vaters, geheiratet hat. Ihr Verhältnis ist durch die enge Verwandtschaft sehr innig. «Sie haben sich sehr gut um mich gekümmert», sagt sie mit einem Lächeln. Mit acht Jahren flüchtet sie zusammen mit ihrem Onkel über mehrere Länder nach Deutschland. Dort erhält ihr Onkel Asyl und sie kann zu den Eltern in die Schweiz reisen. In einem kleinen Dorf in St.Gallen arbeiten beide in einem Restaurant, die Mutter serviert und der Vater kocht. Sie erlebt ihre Eltern als hart arbeitende Leute, die trotzdem sehr gut für sie sorgen.

Zu diesem Zeitpunkt ist sie das einzige Kind, erst als sie schon 12 Jahre alt ist, bekommt sie eine kleine Schwester. Aber zunächst muss sie wegen der Sprache noch einmal die 1. Klasse besuchen, obwohl sie in Sri Lanka schon in der 2. Klasse war. Das wäre aber nicht das Schlimmste für sie gewesen, sondern die schwierige Situation, in die sie durch die Tatsache geriet, dass sie in ihrer Klasse die erste Ausländerin war und dazu noch dunkelhäutig. Erst später hätte sie sich eher wehren können gegen die Hänseleien. Leider sei die Primarschullehrerin keine Unterstützung für sie gewesen, aber die Lehrerin, die ihr zusätzlichen Deutschunterricht gegeben hat, habe sie sehr gut gefördert und ihr geholfen, wo sie konnte – auch privat. Sie durfte sogar zum Erledigen der Hausaufgaben zu ihr nach Hause kommen.

Als sie Ramanan kennen lernt, hat sie nach erfolgreichem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fachfrau Betreuung, ein Jahr Berufserfahrung und drei Monate Auslandsaufenthalt in Verbindung mit einer pflegerischen Weiterbildung absolviert. Die 23-Jährige und ihr 24-jähriger Freund tun Dinge, die Verliebte tun: Sie telefonieren, sie treffen sich, sie lernen sich kennen – allerdings unter etwas anderen Vorzeichen.

Um heiraten zu können, muss die soziale Schicht stimmen

Als Agaliya nach einem Monat die Heimlichtuerei nicht mehr aushält und sich ihrer Tante anvertraut, setzt ein traditionsreicher Mechanismus ein, denn in ihrer Heimat gilt noch das Kastensystem. Die Menschen sind in soziale Schichten eingeteilt, die von Generation zu Generation weitervererbt werden und mit dem Geburtsort sowie dem Beruf der Familie zusammenhängen. Der Wechsel und die Verheiratung zwischen verschiedenen Kasten sind praktisch ausgeschlossen.

Also forschen die Familien nach, ob die Kasten übereinstimmen und ob die Tochter, der Sohn einen guten Leumund haben. Das ist eine angespannte Situation für die beiden jungen Menschen. Auf die Frage, ob Agaliya sich denn dagegen aufgelehnt und die Familie trotzdem verlassen hätte, wenn Ramanan einer anderen Kaste angehört hätte, antwortet sie mit Nachdruck:

«Nein, niemals, sonst hätte ich den Ruf meiner gesamten Familie gefährdet, denn der Ruf der tamilischen Familie ist etwas sehr Wichtiges. Das hätte ich ihnen niemals angetan.»

Zwar wollen sie diese Tradition selber bei ihren eigenen Kindern nicht mehr so strikt anwenden, aber in den älteren Generationen ist sie noch sehr verwurzelt und es wird sich zeigen, wie die verschiedenen Generationen in Zukunft damit umgehen werden. Aber Agaliya und Ramanan haben Glück, denn sie gehören derselben Kaste an. Mit 24 Jahren heiratet Agaliya Ramanan und zieht zu ihm in den Kanton Uri.

Heute fühlt Agaliya sich wohl hier, das war nicht immer so: Anfangs kämpft sie mit grossem Heimweh nach St.Gallen, ihren Eltern und ihrer Schwester, denn Frauen gehen nicht aus der Familie heraus, bevor sie verheiratet sind. Der Trennungsprozess, die Föhnwetterlagen, die sich zum Teil über mehrere Wochen hinziehen, und auch die Enge der Berge versetzen sie in Stress. Mit den Geburten der Kinder verschwinden diese Erscheinungen und sie kann sich akklimatisieren. Dabei hilft auch, dass ihre Familie weiterhin auch ihre tamilische Kultur pflegt, zum Beispiel traditionelle Feste feiert und den Tempel in Zürich besucht. Mittwochnachmittag gehen ihre Kinder in die tamilische Schule, denn sie wachsen auch, wie schon ihre Eltern, mit zwei Kulturen auf.

Seit 2009 herrscht Frieden in Sri Lanka. Agaliya und Ramanan wollen ihren Kindern ihre Wurzeln zeigen und natürlich die Familie dort besuchen, aber zu Hause fühlen sie sich im Kanton Uri.