«Krimi» voller Fakten, Fragen und Zweifel

Bruno Arnold, Redaktionsleiter Uri, zur Halbzeit des Mordprozesses

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Prozessszene in Altdorf (von links): Verteidiger, Angeklagter Ignaz W., eine Zeugin. (Bild: Aleksandra Mladenovic)

Prozessszene in Altdorf (von links): Verteidiger, Angeklagter Ignaz W., eine Zeugin. (Bild: Aleksandra Mladenovic)

Derrick», «Der Alte», «Tatort»: Ich liebe Fernsehkrimis. Bisher habe ich immer gestaunt über die Fantasie der Drehbuchautoren. Und wenn dann noch Bordellbesitzer, Prostituierte, Menschenhändler, Auftragskiller, Dealer, Hehler et cetera ins Spiel kamen, tröstete ich mich jeweils mit der Feststellung: «Zum Glück geht es im realen Leben respektive in unserer heilen Urner Welt nicht so zu und her.»

In der vergangenenWoche bin ich eines Anderen belehrt worden - beim Prozess gegen Ignaz W. und Sasa S. um einen mutmasslichen Auftragsmord vom November 2010 in Erstfeld. Was da aufgetischt wurde, gäbe Stoff für einen Krimi erster Güte her. Da wimmelt es von undurchsichtigen Gestalten aus der Ukraine, aus Russland, Albanien, Serbien, Kroatien Holland, Deutschland ... und Uri. Drohungen - sogar im Verlaufe der Prozesswoche -, Schiessereien, Messerstechereien, illegaler Waffenbesitz, häusliche Gewalt, Schwarzgelder, Erbstreitereien: All dies wird publik gemacht, vom Ankläger, von den Verteidigern, von Zeugen und von den Angeklagten.

Für mich habensich in der ersten von zwei Prozesswochen unumstössliche Fakten ergeben, aber auch reichlich Fragen und Zweifel. An den Richtern liegt es am Schluss, ein Urteil zu fällen. Sie haben nicht nur einen höchst verantwortungsvollen, sondern auch einen äusserst schwierigen Job. Denn jeder, der vor Gericht steht, hat das Recht auf einen fairen, differenzierten, ausgewogenen und gerechten Prozess - und ein ebensolches Urteil.

Selten hat ein Prozess in Uri derart interessiert - wohl gerade, weil die Anklage wegen versuchten Mords für Uri halt nicht alltäglich ist. Dass sich das Publikumsinteresse fast von Tag zu Tag gesteigert hat, dürfte nicht nur an der aktuellen Ferienzeit liegen. Medienleute haben einen Informationsauftrag, für angehende Juristen und Anwälte dürfte es höchst lehrreicher Anschauungsunterricht sein, für einige die Chance, Gerichtsarbeit live miterleben zu können. Und viele werden wohl einfach aus «Gwunder» dort gewesen sein, oder wegen des Bekanntheitsgrads von Ignaz W. respektive aufgrund von persönlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen zum Erstfelder Barbetreiber.

Ich habe den Prozess als Journalist mitverfolgt, den Hauptbeteiligten zugehört und sie beobachtet - stundenlang. Dabei habe ich einen Landgerichtsvizepräsidenten erlebt, der allen Beteiligten höchst zuvorkommend begegnet ist und unverkennbar darauf bedacht war, in erster Linie keine Verfahrensfehler zu begehen. Dies führte bisweilen dazu, dass er in seinem Bemühen um Korrektheit die Beteiligten mit seinem «Juristendeutsch» überforderte. Anders gesagt: Die Fragestellung war oft zu kompliziert. Anders der Staatsanwalt: Er fragte wenig, und wenn, dann kurz, gezielt, prägnant und klar. Ansonsten sass er konzentriert da, mit dem stets gleichen Gesichtsausdruck, ob er nun verbal angegriffen wurde, zuhörte oder mit der Rechtsvertreterin des Opfers diskutierte.

Ich habe Richter erlebt,die sich auch nach Stunden noch bemühten, aufmerksam zuzuhören und das Verhalten von Zeugen und Angeklagten zu analysieren. Sie stellten kaum Fragen, machten dafür umso eifriger Notizen - mal staunend, mal nachdenklich, mal schmunzelnd. Ich habe einen Verteidiger erlebt, der die mediale Vorverurteilung seines Mandanten, die «Mediengeilheit» des Opfers und die zu wenig kritische Arbeit des Staatsanwalts ungewohnt scharf an den Pranger stellte. Es gab die Auftritte des zweiten Verteidigers, der geschliffen und «giftig» daher kam und dem Verfahrensleiter das Zepter mehr als nur einmal aus der Hand nahm. Und schliesslich war da die Rechtsvertreterin des Opfers, die sich nicht nur vom Opfer, sondern auch aus dem Publikum mündlich und schriftlich beraten liess.

Es traten Zeugenund Fachleute auf, die seriös respektive professionell wirkten, aber auch Zeugen, die einen doch zwiespältigen Eindruck hinterliessen, wie jener deutsche Unternehmer, dessen Erinnerungsvermögen relativ stark gelitten hat. Es gab aber auch einen wichtigen Zeugen wie jenen ehemaligen Fremdenlegionär, auf den Ignaz W. gemäss Staatsanwalt geschossen hat. Er folge dem Aufgebot zur Zeugenaussage erst gar nicht - aus Angst oder weil er im Ausland «festsitzt»?

Und die Angeklagten? Sasa S. wirkte ruhig, betont freundlich, fast emotionslos (oder abgebrüht?), auch dann, als er den Strafmassantrag des Staatsanwalts vernahm. Ignaz W. wirkte nervöser und war in der Wortwahl deutlich aggressiver. Und das Opfer? Es blieb meistens ruhig und zeigte nur dann Emotionen, wenn es um Gewalt ging, die ihr Ignaz W. angetan haben soll. Ich betone soll: Denn für mich gilt bis zum Urteil die Unschuldsvermutung.

Bruno Arnold / Neue UZ