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KULTUR: Erstfelder besitzen eindrückliche Sammlung

Abseits nervöser Kunst-Hotspots haben Ruth und Jürg Nyffeler in Jahrzehnten beharrlich ein weltweites Kunstnetzwerk aufgebaut. Ihre Sammlung aus seriell hergestellten Objekten, die den Wohnraum der beiden mitgestaltet, sucht ihresgleichen.
Julia Stephan
Jedes Objekt erzählt eine persönliche Geschichte: Ruth und Jürg Nyffeler in ihrem Wohnzimmer, der eigentlich ein Showroom ist. (Bild: Nadia Schärli (Erstfeld, 27. Juli 2017))

Jedes Objekt erzählt eine persönliche Geschichte: Ruth und Jürg Nyffeler in ihrem Wohnzimmer, der eigentlich ein Showroom ist. (Bild: Nadia Schärli (Erstfeld, 27. Juli 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Ruth (61) und Jürg (62) Nyffeler ziehen zwischen Kunst und Leben längst keine Grenzen mehr. Trifft man das Lehrerpaar in seiner Wohnung in Erstfeld, wird einem auf dem mit farbigen Streifen sanft strukturierten Balkon Kaffee serviert. Gestaltet wurde der Balkon vom Künstlerkollektiv Sabina Lang und Daniel Baumann (L/B) als Teil ihrer «Real Work»-Arbeiten, wie diese ihre Gestaltung von Wohnlandschaften nennen. Während man nebenbei erfährt, dass die Nyffelers mit ihrer seit 1994 tätigen Edition 5 soeben das 210. Werk herausgegeben haben, erinnern die vom Luzerner Künstler Franz Wanner in Marmorblöcke gehauenen Abdrücke von Amazonen­füssen auf der Wiese an die Omnipräsenz kunsthistorischer Reflexion.

Mit Franz Wanner, einem Schulfreund Jürg Nyffelers, und dessen «Büchse der Pandora», einem mit Steinmehl überzogenen Holzkubus, nahm die Edition 5 vor 23 Jahren ihre Herausgeberschaft auf. Kerngeschäft der Nyffelers ist seither das Multiple, das seriell hergestellte Kunstobjekt, das sich konzeptionell perfekt in die seriell erbauten Eisenbahnersiedlungen des Verkehrsknotenpunktes Erstfeld einpasst. Sämtliche Multiples der Nyffelers sind auf fünf Objekte limitiert. Das erste gelangt in ihre Privatsammlung, die auch über andere Zukäufe stetig wächst. Der Rest geht in den Verkauf.

Kein eigener Showroom, Objekte zu bezahlbarem Preis

Es war der Schweizer Künstler Daniel Spoerri, der in der Nachkriegszeit unter dem Eindruck industrieller Massenproduktion das Multiple weiterentwickelte. Nyffelers nehmen seine Vorgaben ernst, wenn sie ihre Objekte zu bezahl­barem Preis im unteren vierstelligen Bereich verkaufen. «Die Künstler schaffen für uns Werke mit ernsthaftem Anspruch und ebenso grosser Verspieltheit», sagt Jürg Nyffeler. Zu den mit der Edition 5 assoziierten Künstlern gehören illustre Namen wie Roman Signer, Ayse Erkmen, Aldo Walker oder Tadashi Kawamata.

Wo Spoerri den Galeriebetrieb mit Ausstellungskatalogen umging, verzichten die Nyffelers auf einen Showroom. Ihre Objekte stehen profan im Wohnzimmer – der hierzulande etwas in Vergessenheit geratene Luzerner Künstler Heiri Häfliger, langjähriger Assistent des verstorbenen Künstlers Franz West, ist bekannt für seine exzessive Verwendung von farbigem WC-Papier. Kein Wunder, hat er im WC der Nyffelers einen Auftritt. Und auch sonst ist die Nähe des Multiples zum Alltagsgegenstand allgegenwärtig. Neben einem Trainingsanzug von Lang/Baumann gehört auch eine aus Müllsäcken genähte Tasche von Barbara Mühlefluh zur Sammlung.

Verkauft werden die Objekte übers Internet. Und weil das ähnlich wie die Luzerner Edition Periferia auf ehrenamt­licher Basis tätige Lehrerpaar zu den Galerien in keinem wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnis steht, geben die Galerien dem Paar wertvolle Hinweise auf Nachwuchskünstler. So haben die Nyffelers vom Gotthard-Durchgangsort Erstfeld aus ein weltweites Kunstnetzwerk gespannt, ohne in den Galeristentrubel zu geraten. Das gewachsene Vertrauen widerspiegelt sich in langjährigen Zusammenarbeiten mit Künstlern aus dem In- und Ausland und Leihgaben für Ausstellungen. Wie schon bei Spoerri reiht sich bei den Nyffelers Bekanntes neben Unbekanntem. Und wie Spoerri müssen die Nyffelers damit leben, dass die Multiples bekannterer Künstler weggehen wie warme Semmeln, während sich Unbekanntes in einer zum Depot umgenutzten Wohnung stapelt.

Es gehört zur Tradition eines Multiples, dass die Idee dahinter höher gewichtet wird als das Objekt selbst. Oft sind die Multiples Hüllen, in denen sich etwas verbirgt. Etwa bei Sonja Feldmeier. Die Künstlerin liess blinde Menschen mit einer Einwegkamera Fotos schiessen. Wer das Werk ersteht, kauft blind eine Kamera, nicht den entwickelten Film. Aus Sorge darüber, dass der Film kaputtgehen könnte, haben die Nyffelers kürzlich einen Film entwickeln lassen.

Kein Objekt ist völlig identisch

Manche Multiples beziehen sich sogar aufeinander. So ist Olivier Mossets «Parkett-Edition» ein zum Kunstobjekt geadeltes Parkettmuster vom Schreiner (2003), eine Referenz für Francis Baudevin. Baudevins mit einer rutschfesten Teppichunterlage bespannter Metallrahmen gleichen Formats setzt das Referenzspiel innerhalb der Edition 5 fort.

Kleine Varianzen sind Teil des Spiels. Wenn Roman Signer den Minutenzeiger einer Uhr wegschiesst, spielt für das äussere Erscheinungsbild des Zifferblatts auch eine Rolle, wann er es tut. So manchen Käufer, der sich von den Fotos aus dem Internet hat zum Kauf anregen lassen, hat das zum Staunen gebracht.

Eine Fundgrube für Kunsthistoriker sind die über Jahre gepflegten Künstlerkorrespondenzen. Da finden sich Skizzen nie realisierter Objekte. «Das mal alles aufzuarbeiten, wäre ein grosser Wunsch von mir», sagt Ruth Nyffeler.

Hinweis

Edition 5, Erstfeld. Die Objekte sind einsehbar unter www.edition5.org.

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