Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KULTUR: Zwei Häuser rücken dank Neat näher

Das Tessiner Teatro Sociale spielt im Theater Uri «Prossima fermata Bellinzona». Es ist dies auch eine Begegnung zweier engagierter Theater im Norden und Süden des Gotthards.
Johannes Rühl*
Das Teatro Sociale Bellinzona spielt am kommenden Sonntag im Theater Uri «Prossima fermata Bellinzona». (Bild: PD)

Das Teatro Sociale Bellinzona spielt am kommenden Sonntag im Theater Uri «Prossima fermata Bellinzona». (Bild: PD)

Johannes Rühl*

Der längste Tunnel der Welt ist für den Verkehr in der Schweiz und Europa ein Versprechen an die Zukunft. Das haben wir am vergangenen Wochenende aus vielen Quellen erfahren. Schaut man genau hin, gleicht das Zusammenrücken von Bellinzona und Altdorf dagegen eher einer Kontinentalverschiebung. Zwei Orte, die zuvor so weit voneinander entfernt waren wie Basel von Altdorf oder Mailand von Bellinzona, stehen sich nun an den Enden des Tunnels unmittelbar gegenüber.

Äussere Ähnlichkeit überrascht

Bellinzona hat unbestritten eines der schönsten Theater der Schweiz. Der Hauptort des Kantons Uri verfügt ebenfalls über ein imposantes denkmalgeschütztes Theater, das als Schauplatz von Schillers «Tell» eine grosse historische Aufladung hat. Vergleicht man die beiden prominent im Zentrum gelegenen Theater miteinander, so überrascht die äusserliche Ähnlichkeit. Stuck und Wandmalereien markieren neoklassizistische Zurückhaltung und Repräsentativität. Im Inneren dagegen bietet sich ein völlig anderes Bild. Tritt man in Bellinzona durch das kleine Foyer in den Zuschauerraum, wird man von der barocken Festlichkeit mit dem Flair des italienischen Theaters überwältigt. Das sozial differenzierende Logentheater war zum Zeitpunkt seiner Eröffnung 1847 eigentlich schon ein Auslaufmodell. Für Bellinzona wurde es bald zum sozialen und kulturellen Mittelpunkt der Stadt.

Kultureller Mittelpunkt des Kantons

Auf so viel Theatermythos wie in Uri kann man in Bellinzona nicht zurückgreifen. In Altdorf hatten in jener Zeit die Tellspiele zwar schon eine jahrhundertealte Tradition, aber immer noch kein Theater. 1899 wurde das Drama erstmals in einer eigens dafür errichteten Holzbaracke mit 1200 Plätzen gespielt. 78 Jahre nach der Eröffnung des Teatro Sociale wurde 1925 in Altdorf schliesslich das Tellspielhaus, das schnell zum kulturellen Mittelpunkt des ganzen Kantons wurde, feierlich eröffnet. In Altdorf sind die Tellspiele bis heute alle vier Jahre ein Fixpunkt. Dieses Jahr ist es wieder so weit. Gespannt fiebert man auf die Premiere am 20. August hin.

Wie in Bellinzona gibt es auch in Altdorf kein eigenes Ensemble. Das Programm lebt von Gastspielen. Trotz seiner ursprünglichen Zuschreibung als Theaterbühne ist das Programm in Altdorf sehr gemischt. Gerne wird mit der regionalen Musikszene produziert. Unter Titeln wie «Klangkanton» oder «Mythos Gotthard» wird im Windschatten der Tellspiele der Musik eine grosse Bühne geboten. So etwas würde auch im Tessin verstanden, wie Theaterleiter Heinz Keller meint. Das Theater Uri ist darüber hinaus die wichtigste Bühne für das biennale Musikfestival Alpentöne. An den Dezembertagen gibt es viel Kabarett, Vermietungen komplettieren das Programm und sichern das Budget des Hauses.

Sprechtheater dominiert

Im Teatro Sociale in Bellinzona dominiert das Sprechtheater. Trotz zahlreicher Produktionen aus Italien möchte man sich von Theaterprogrammen in Florenz, Palermo oder Gallerate unterscheiden. Auch deshalb kooperiert man gerne mit freien Gruppen aus dem Tessin, der ganzen Schweiz und Theatern in anderen Kantonen. Seit 2013 steht das «Sociale» im Mittelpunkt des neuen und stark in den öffentlichen Raum hineinwirkenden Theaterfestivals Territori, das vom Theaterleiter Gianfranco Helbling erfunden wurde. Der mit den anderen Landesteilen bestens vernetzte Jurist vermisst die soziale und kulturelle Bedeutung des Theaters, wie man sie im ganzen deutschsprachigen Raum findet. Mit dem System der mit vielen Millionen alimentierten deutschsprachigen Stadttheater kann man sich nicht vergleichen. Im italienischsprachigen Raum ist es auch kaum vorstellbar, dass ein Theater wie die Altdorfer Tellspiele eine derartige politische Debatte auf die Bühne und damit in die Bevölkerung bringt. Helbling ist dennoch zufrieden, wenn er über sein Theater spricht: «Molti lo amano, tutti lo rispettano.» Nicht anders würde man wohl auch in Uri die emotionale Verbindung des Theaters mit der Bevölkerung beschreiben.

In externer Verantwortung

Dass das Theater in Bellinzona einen ambitionierteren Eindruck macht als das Theater in Uri, liegt wohl auch, aber nicht nur, an den begrenzten zur Verfügung stehenden Mitteln und der Tatsache, dass in Uri die kulturellen Höhepunkte, Tellspiele und «Alpentöne», in externer Verantwortung liegen. Das Urner Theater im kleinen Altdorf mit seinen rund 9000 Einwohnern hat etwas über 400 Plätze. In das Theater in Bellinzona mit doppelt so vielen Einwohnern in einem zehnmal so grossen Kanton passen dagegen nur 300 Zuschauer. Ein Vergleich muss daher sehr differenziert gesehen werden. Beide Theaterleiter beklagen die mangelnden finanziellen und personellen Ressourcen, auch wenn es an politischer Unterstützung nicht fehlt. Die Prioritäten liegen oft woanders. Gerade im Tessin hat das Theater als Institution nicht die kulturpolitische Bedeutung wie in anderen Kantonen. Ein modernes Theater benötigt auch eine andere Infrastruktur als früher. Man möchte nicht nur Schmuckkästchen sein, sondern wirklich etwas bewegen. Immerhin, heute ist das Teatro Sociale anerkannt, noch vor zwanzig Jahren war es so gut wie tot.

Vergangenheit aufgearbeitet

Dass Helbling es ernst meint, zeigen ambitionierte Produktionen der letzten Jahre. 2012 wurde mit «L’anno della Valanga» nach dem Roman von Giovanni Orelli an die Katastrophe im Valle Bedretto und in Airolo erinnert, die mit einem Modernitätsschub in den Folgejahren einherging, die bäuerliche Gesellschaft aber zugleich vernichtete. Diese späte Erkenntnis war für die Zuschauer ein Schock. Mit «Prossima fermata Bellinzona» wird nun die jüngste Geschichte der Eisenbahn aufgearbeitet, die sich in das Gedächtnis der Bellenzer eingeschrieben hat. So etwas schafft man nur alle zwei Jahre. Das kürzlich eingeweihte Kunst- und Kulturzentrum der Stadt Lugano, den Kulturtanker LAC, empfindet man nicht als Konkurrenz, sondern eher als Partner für neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. «Neat und LAC sind gleichermassen eher eine Chance als eine Bedrohung», so Helbling.

Altdorf und Bellinzona vereint die unmittelbare Nähe zu Problemregionen am Gotthard. Die Leventina und das Reusstal haben alle Höhen und Tiefen der Eisenbahngeschichte erlebt. Die Einfallsschneisen exzessiver Mobilität haben Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Die Neat bringt nun einen weiteren Entwicklungsschub für die Region – mit ungewissem Ausgang. «Theater steht sicher nicht an erster Stelle, das wirtschaftliche Hemd ist den Menschen näher als das kulturelle. Wer hier kein Einkommen findet, denkt nicht zuerst an Kulturanteilnahme», stellt Heinz Keller ganz pragmatisch fest.

Mentalitäten ändern sich nicht

Wir haben beide Theaterleiter gefragt, ob sie die Theater gegenseitig kennen. Man war schon mal da, selbstverständlich. So wie in Mailand oder Basel. Das freilich wird sich jetzt ändern. Wir fragten auch nach zukünftigen Möglichkeiten angesichts der neuen Nähe. Altdorf wird ab 2019 Haltestelle für die Fernzüge, womit ein abendlicher Besuch in Bellinzona oder Altdorf möglich wird, egal auf welcher Seite des Gotthards man zu Hause ist. Ob das Publikum diese Chance wahrnehmen wird, und welche Möglichkeiten sich daraus für die Theater ergeben, das wird sich zeigen. Der neue Tunnel wird die Theater für die kulturellen Unterschiede eher noch sensibilisieren. Hoch oben am Gotthard kommt man über die Sprachgrenzen hinweg bestens miteinander aus. Weiter unten, wo die neuen Röhren enden, wird man sich vielleicht erst jetzt bewusst, dass sich selbst bei grosser Beschleunigung die Mentalitäten nicht ändern.

Im «besten» Fall Konkurrenz?

Zwei Theater in U-Bahn-Entfernung, das könnte im «besten» Fall sogar Konkurrenz bedeuten. Keller meint, dass auf dem Gebiet der Musik etwas gelingen kann, aber auch in anderen Genres Projekte realisiert werden könnten. Helbling sieht nach wie vor die sprachliche Barriere. Er denkt aber schon weiter. Ein Netz alpiner Theater schwebt ihm vor. In solch einem Rahmen wäre die Nähe zu Altdorf schon einmal ein Anfang. Von der Neat erwartet er persönlich eine stärkere kulturelle Annäherung an den Norden und eine Stärkung der Schweizer Identität der Tessiner als Ausweg aus der Isolation, in die sie sich in den letzten Jahrzehnten begeben haben. Keller hofft, dass die Neat ausser den Vorteilen für den europäischen Warentransport auch die beiden randständigen Transitkantone etwas näher bringt. Das könnte mit einem jährlichen Austauschevent schon einmal markiert werden.

«Nächster Halt Bellinzona» tönt neu

Sicher, die Sprachgrenze bleibt, egal, ob oben am Pass oder tief unten im Tunnel. Genauso wie der Mythos Gotthard bleibt. Davon sind die beiden Theaterleiter fest überzeugt. Es geht nicht mehr lange, da steigen wir abends um 19 Uhr in den Zug nach Altdorf, sehen uns das Tellspiel an und sind vor Mitternacht wieder zu Hause in Bellinzona. So wird es sein. Man kann gespannt sein, was die Verantwortlichen in den beiden wunderschönen Theatern aus der Schweizer Kontinentalverschiebung machen. «Prossima fermata Bellinzona» jedenfalls wird zukünftig in Uri einen ganz anderen Klang haben.

Hinweis

* Johannes Rühl ist musikalischer Leiter des Festivals Alpentöne in Altdorf. – Das Teatro Sociale spielt «Prossima fermata Bellinzona» am Sonntag, 12. Juni, um 17 Uhr im Theater Uri in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Der Eintritt ist frei (siehe auch www.ur.ch/neat).

Heinz Keller vom Theater Uri wünscht sich einen jährlichen Austausch-Event. (Bilder PD)

Heinz Keller vom Theater Uri wünscht sich einen jährlichen Austausch-Event. (Bilder PD)

Gianfranco Helbling, dem Leiter des Theaters Bellinzona, schwebt ein Netz alpiner Theater vor. (Bild: PD)

Gianfranco Helbling, dem Leiter des Theaters Bellinzona, schwebt ein Netz alpiner Theater vor. (Bild: PD)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.