Urner Institut «Kulturen der Alpen» lanciert Stausee-Projekt

Kulturwissenschafter Sebastian De Pretto untersucht die Geschichte der Stauseen. Verschiedene Seiten unterstützen das Forschungsprojekt finanziell.

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Der Stausee Isenthal.

Der Stausee Isenthal.

Bild: PD

(stp) Heute prägen unzählige Staumauern den Alpenraum. Es gibt kaum einen grösseren Bach, der nicht für die Stromproduktion genutzt wird. Sebastian De Pretto vom Urner Institut «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern wird die Geschichte dieser Stauseen nun aufarbeiten, heisst es in einer Mitteilung des Instituts. Der gebürtige Basler sagt:

«Die vielen einzelnen Speichersee-Projekte stehen in einem grösseren Kontext zueinander.»

Sein soeben lanciertes Forschungsprojekt «Transnationale Stauwerke im Alpenraum» beleuchtet Stauseeprojekte in der Schweiz, in Italien und Österreich, die zwischen 1870 und 1974 realisiert worden sind. Ende des 19. Jahrhunderts wurde allmählich damit begonnen, die alpine Wasserkraft zu nutzen. Ab 1950, im Zuge des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit, wurde die Energieproduktion massiv gefördert und vielerorts wurden gar ganze Siedlungen dem Fortschritt geopfert.

Energiekonzerne orientierten sich im Ausland

Das Forschungsprojekt will sowohl sozial- als auch umwelthistorische Auswirkungen alpiner Speicherseen untersuchen. So plant Sebastian De Pretto gemäss Mitteilung auch, die ökologischen Konsequenzen, welche die Errichtung von Staudämmen mit sich brachte, zu analysieren. Ein spezielles Augenmerk gilt den gesellschaftlichen Debatten, die das Fluten von Bergtälern begleitet hatten, und den Schicksalen der betroffenen Dorf- und Talgemeinschaften. «Nicht nur in der Göscheneralp im Kanton Uri wurden Leute umgesiedelt», sagt De Pretto. «Die Geschichte wiederholte sich bis 1974 an verschiedenen Orten im ganzen Alpenraum immer wieder.»

Der Göscheneralpsee.

Der Göscheneralpsee.

Bild: PD

De Pretto will aber auch die transnationalen Netzwerke aufzeigen, die hinter den Stauseebauten stecken. Denn die Speicherseeprojekte standen stets in einem überregionalen Kontext. So wurden zahlreiche Talsperren mit Hilfe international operierender Energiekonzerne realisiert. Die Energiekonzerne orientierten sich bei ihren Bauten an bereits verwirklichten Projekten im In- oder Ausland und kopierten sich gegenseitig. Zudem griffen auch die Staaten stark in Planungen und Strategien der Energiegesellschaften ein – und dies hatte teilweise gar Auswirkungen auf benachbarte Länder.

Dätwyler Stiftung ermöglicht Forschungsprojekt

De Pretto forscht seit Anfang Oktober als Postdoc-Stipendiat am Institut «Kulturen der Alpen». Er hat in Basel, in Bologna und Heidelberg Geschichte, Philosophie und Konfliktwissenschaften studiert. In seiner zwischen 2016 und 2019 an der Universität Luzern verfassten Dissertation beschäftigte er sich mit den Erinnerungsorten des Abessinienkriegs in Südtirol.

Das Institut «Kulturen der Alpen» unterstützt das Forschungsprojekt «Transnationale Stauwerke im Alpenraum» nun mit einer Anschubfinanzierung. Das Stipendium wird durch die Dätwyler Stiftung ermöglicht. De Pretto wird damit einen Antrag zur Förderung durch den Schweizerische Nationalfonds erarbeiten, um das mehrjährige Forschungsprojekt langfristig zu finanzieren.