Kulturen der Alpen
Urner Institut erforscht den ländlichen Strukturwandel

Ein Projektteam plant verschiedene öffentliche Veranstaltungen, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Zudem unterstützt eine Begleitgruppe mit Urnerinnen und Urnern das Vorhaben.

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Gespräch zwischen Forscherin Rahel Wunderli und Urnern, die im Mai 2019 auf dem Lehn in Altdorf beim Aufbau des Rings für die Korporationsgemeinde in Altdorf mitgeholfen haben.

Gespräch zwischen Forscherin Rahel Wunderli und Urnern, die im Mai 2019 auf dem Lehn in Altdorf beim Aufbau des Rings für die Korporationsgemeinde in Altdorf mitgeholfen haben.

Bild: PD

(MZ) Im Dätwyler-Areal in Altdorf gibt es seit rund einem Jahr das Urner Institut Kulturen der Alpen. Dort haben Wissenschafter im vergangenen Jahr überlegt, wie die Entwicklungen in den ländlichen Regionen präziser untersucht werden können. Sie wissen, dass es in der Wissenschaft eine lange Tradition gibt, Strukturwandel zu erforschen und zu modellieren. Doch die Modelle arbeiten oft mit groben, vergleichsweise einfach messbaren Kategorien wie Anzahl Betriebe, Nutztiere, Arbeitskräfte.

Was aber ist mit den alltäglichen Erfahrungen der Menschen? Was mit ihren Handlungen und Entscheidungen? Wie können diese nicht zählbaren Aspekte eingefangen und in das Wissen über Wandel eingeflochten werden? Wäre es nicht möglich, die wissenschaftlichen Modelle und die lokalen Erfahrungen miteinander in Beziehung zu setzen? So entstünde ein genaueres Bild davon, wie sich der Strukturwandel auf Lebensweisen und soziale Beziehungen auswirke, heisst es in einer Mitteilung des Instituts Kulturen der Alpen.

Historikerin Rahel Wunderli hat langjährige Arbeits- und Forschungserfahrung in Uri.

Historikerin Rahel Wunderli hat langjährige Arbeits- und Forschungserfahrung in Uri.

Bild: PD

Aus diesen Fragen haben die beiden Wissenschafter Rahel Wunderli und Daniel Speich Chassé ein Projekt entwickelt, das unter dem Titel «Uri im Wandel – Bevölkerung und Wissenschaft im Dialog» nach neuen Wegen in der Forschung zum Strukturwandel sucht. Wunderli ist Historikerin mit langjähriger Arbeits- und Forschungserfahrung in Uri, Speich Chassé ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern. Die beiden wollen im Gespräch mit der Bevölkerung herausfinden, wie die kleinen Verschiebungen und grossen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte erlebt worden sind und mit welchen Erwartungen, Befürchtungen und Plänen der Blick in die Zukunft verbunden ist.

Vielseitige Inputs für das Projekt

Daniel Speich Chassé ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern.

Daniel Speich Chassé ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern.

Bild: PD

Eine Begleitgruppe unterstützt das Forschungsteam. Sie setzt sich zusammen aus Frauen und Männern, die in Uri leben, die Veränderungen in ihrer Umgebung aufmerksam beobachten und sich in unterschiedlicher Weise für die Zukunft des Kantons und seiner Bevölkerung einsetzen: Nathalie Barengo, Altdorf (Forstingenieurin und ehemalige Korporationsrätin); Daniel Kauz Schilling, Gurtnellen (Historiker und Mitglied der Rechnungsprüfungskommission Gurtnellen); Josef Schuler, Isenthal (pensionierter Lehrer und ehemaliger Leiter des kantonalen Amts für Kultur und Sport); Frieda Steffen, Andermatt (Bäuerin und ehemalige Landrätin), sowie Rebekka Wyler, Erstfeld (Historikerin und Gemeinderätin). Der emeritierte Geschichtsprofessor Martin Schaffner aus Basel ist ebenfalls Mitglied der Begleitgruppe. Er forscht seit vielen Jahren zum Urserntal.

«Die bisherigen Gespräche mit der Begleitgruppe haben gezeigt, dass ein Bedürfnis nach Austausch und Reflexion besteht», so Wunderli. Und Speich Chassé ergänzt: «Wir hatten den Eindruck, dass die Gespräche für alle Beteiligten interessant und inspirierend waren.» Das stimmt die Projektleitung zuversichtlich für ihr Vorhaben.

Forschungsteam greift mehrere Themen auf

An mehreren Veranstaltungen, zu denen alle Interessierten eingeladen sind, will das Forschungsteam in den kommenden Monaten mit der Urner Bevölkerung über verschiedenste Themen sprechen – etwa über den Wandel der Kulturlandschaft und die veränderte Nutzung, über Migration und Mobilität, die Digitalisierung oder über Gesundheit. «Viele weitere Themen werden noch dazukommen», so Speich Chassé. «Die Themen werden nicht ausschliesslich von uns vorgegeben, sondern entwickeln sich aus den Gesprächen heraus.»

Das Projekt knüpft an die im Kanton Uri gut verankerte Debattenkultur an. «Wir denken dabei zum Beispiel an die Versammlungen der beiden Korporationen, bei denen sich die Erfahrung mit öffentlichen Diskussionen deutlich zeigt», wird Wunderli in der Mitteilung zitiert. «Gleichzeitig wollen wir darauf hinarbeiten, dass an unseren Veranstaltungen auch Personen zu Wort kommen, die an einer Korporationsgemeinde nicht in den Ring treten und sich äussern würden.» Die Anlässe werden in unterschiedlichen Dörfern durchgeführt.

Erste Veranstaltung findet online statt

Die erste Veranstaltung mit dem Titel «Welche Zukunft für die Urner Landschaft? Welche Zukunft für die Menschen, die darin arbeiten?» war Ende November in Isenthal geplant gewesen, musste allerdings wegen der Coronapandemie frühzeitig abgesagt werden. Da ungewiss ist, wann wieder Anlässe mit grösseren Gruppen stattfinden können, wird sie nun online durchgeführt. Am Freitagabend, 9. April, wird unter der Moderation von Heinz Keller, ehemaliger Leiter des Theater Uri, in kleinen und grösseren Gruppen diskutiert. Ausserdem ist eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wissenschaft und der Korporation Uri geplant.

Eine zweite Veranstaltung ist später in Erstfeld vorgesehen, bei der es um Mobilitätsthemen gehen wird. Die Pilotphase des Projekts wird unterstützt von Politcast-Uri, der Universität Luzern, dem Kanton Uri, der Dätwyler-Stiftung und der Raiffeisenbank Urnerland. Für weitere Anlässe wird im Moment noch eine Finanzierung gesucht.

Hinweis: Infos gibt es unter www.kulturen-der-alpen.ch. Die Anmeldung für die Online-Veranstaltung ist ab sofort und bis am 6. April unter mail@kulturen-der-alpen.ch möglich.