Kultur-Fonds
Die Nachfrage ist gross: Stofftaschen sollen die Urner Kultur retten

Das kulturelle Leben steht still. Doch mitten in der grössten Krise der neueren Geschichte setzt das Theater Uri ein Zeichen für die Künstler.

Christian Tschümperlin
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Der Kultur-Lockdown trifft die Urner Künstler hart. Beim Theater Uri sieht man dem Stillstand der Kulturszene aber nicht tatenlos zu. Über ein Fenster gibt Jacqueline Amrhein, Leitung Administration, zwei Baumwolltaschen an eine Kundin heraus. Auf den schwarzen Taschen sind in weissen Lettern die Worte «Takt, Wort und Schritt» aufgedruckt. Es sind Kulturtaschen, mit deren Erlös die Urner Kulturszene unterstützt werden soll.

Das Theater Uri verkauft inmitten des Kultur-Lockdowns Taschen für die Kultur.

Das Theater Uri verkauft inmitten des Kultur-Lockdowns Taschen für die Kultur.

Bild: Christian Tschümperlin (Altdorf, 23. Februar 2021)

Diana Scheiber ist an einer solchen Tasche gerade interessiert: Die Altdorferin plant, mit den Taschen gleich anschliessend einkaufen zu gehen. «Brot, Eier und Milch passen gut in die Taschen rein», stellt sie mit Blick auf das Tascheninnere fest. Die zweite Tasche will die Primarlehrerin für ihre Unterrichtsmaterialien gebrauchen. «Ich finde es eine gute Sache, die Kultur zu unterstützen», sagt sie mit Überzeugung.

Aus der Not geboren

Und so ist die Idee für die Kulturtaschen entstanden: «Wir haben gesehen, dass man etwas tun muss, und wollten dies auf eine positive Art machen», sagt Michel Truniger, Leiter des Theaters Uri. Es sei eine Realität, dass alle Kulturschaffenden in der Schweiz derzeit kein Engagement haben. «Wir wollen nicht jammern.» Deshalb habe man einen Fonds geschaffen, der aus dem Erlös der Taschen gespiesen wird.

«Das Geld ist zweckgebunden zur Finanzierung von Gagen derjenigen Urner Künstler, die hoffentlich bald wieder im Theater Uri auftreten werden.»

Die Nachfrage nach den Kulturtaschen ist gross. «Die erste Bestellung ist fast aufgebraucht und wir haben nachbestellt», sagt Truniger. Bei der Kulturtasche des Theaters Uri handelt es sich um ein Fairtrade-Produkt mit ökologischem und humanistischem Hintergrund. Hergestellt wird sie durch das Schattdorfer Unternehmen Apfelschuss von Barbara Briker. Truniger hat die Tasche selber schon ausprobiert: «Sie ist vielseitig einsetzbar. Man wird sie auch im Sommer gebrauchen können, zum Beispiel am See.»

Es dämmert ein Jahr der Kleinkunst

Konkrete Prognosen, wie es mit der Kulturszene weitergeht, will Truniger keine wagen. «Wir verfolgen, was Bundesbern entscheidet, und reagieren kreativ darauf», sagt er. So wird der Veranstaltungsfachmann-Lehrling des Theaters Uri für seine Lehrabschlussprüfung am 19. März ein Konzert abmischen, das über die Website live aus dem Urner Saal übertragen wird. Truniger rechnet damit, dass auf die die Schweiz ein Jahr der Kleinkunst wartet:

«Grosse Happenings wird es wohl kaum geben, aber wir haben die Hoffnung, dass wir im Herbst wieder in den Normalbetrieb wechseln können.»

Einer der Kandidaten, der hoffentlich bald wieder auftreten kann, ist der Saxofonist Carlo Gamma aus Altdorf. Einer seiner letzten Events wäre das «Dinner for 30» gewesen. Mit dem Format des Theaters Uri vor Mitte Dezember waren zwei Durchführungen geplant, doch es fand nur einmal statt. Live aus dem Urner Saal übertragen, sollte die Schützenmatt die Menus liefern. Gammas Auftritt – zusammen mit dem Andermatter Akkordeonisten Fränggi Gehrig – musste wegen schärferer Regeln kurzfristig abgebrochen werden. «Man wusste immer, dass die Situation kritisch ist», sagt der Saxofonist rückblickend.

Hoffen, dass der Tiefschlaf endet

Seit Frühling blieb es ruhig in der Kultur. Prominente Beispiele rot durchgestrichener Events in Gammas Agenda sind das Spiel der «Bühne 66» in Schwyz im Mai oder die Altdorfer Tellspiele von August bis Oktober. Beide Events wurden letztes Jahr verschoben und dieses Jahr erneut abgesagt. Gamma hält sich mit Musikunterricht über Wasser. Ein 40-Prozent-Pensum. Die wegfallenden Auftritte sind einschneidend:

«Der Erwerbsersatz deckt nicht alle Ausfälle, aber wir sind natürlich sehr dankbar für die staatliche Unterstützung.»

Vom Kultur-Lockdown sind nicht nur die Künstler, sondern auch deren Zulieferer wie Bühnentechniker oder die Gastronomie betroffen. Die Kulturszene liegt also auch im Spital und muss künstlich beatmet werden über Bundeszuschüsse. Gamma hofft, dass bald wieder kleine Veranstaltungen wie das «Dinner for 30» möglich sein werden. «Alle Events werden wir nicht nachholen können. Aber wir sind froh, wenn man die Kultur bald wieder aus dem Tiefschlaf holt.»

Box: Weitere Informationen finden Sie unter: https://www.theater-uri.ch/