KUNST: «Diese Arbeit ist kein Zuckerschlecken»

Ihr künstlerisches Schaffen bringt Bertha Shortiss rund um die Welt. Seit rund dreissig Jahren arbeitet die Urnerin mit irischen Wurzeln bereits mit ihrem Lieblingsmaterial.

Jessica Bamford
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Bertha Shortiss zwischen Skulpturen in ihrem Atelier. (Bild: Jessica Bamford (Altdorf, 1. Dezember 2016))

Bertha Shortiss zwischen Skulpturen in ihrem Atelier. (Bild: Jessica Bamford (Altdorf, 1. Dezember 2016))

Jessica Bamford

jessica.bamford@urnerzeitung.ch

Als Bertha Shortiss das schwere Holztor zu ihrem Atelier an der Flüelerstrasse in Altdorf aufschiebt, fallen als Erstes die grossen Holz- und Steinskulpturen auf, die beim Eingang stehen. Stellt sich sofort die Frage, wie die eher zierliche Frau diese Skulpturen meisseln kann. «Natürlich ist es manchmal anstrengend, aber ich brauche die Bewegung», erklärt die gelernte Steinbildhauerin. «Dafür mache ich sonst keinen Sport», sagt sie mit einem Schmunzeln.

Shortiss erinnert sich an eine spezielle Anekdote: «Als ich in der Türkei an einem Symposium teilnahm, haben mich die Verantwortlichen komisch angeschaut. Am Schluss wurde mir gesagt, dass ich den grössten Stein bestellt hätte, aber die Kleinste und die Feinste sei», erzählt sie. «Sie haben sich gefragt, ob ich die Arbeit im gegebenen Zeitrahmen fertigstellen könne.» Daran erinnert sich die Bildhauerin gerne. Sie sei eben zäh genug, um ihre Grösse wettzumachen.

Als Künstlerin auf Vorzüge verzichten

Nach einer halben Stunde im Atelier von Bertha Shortiss spürt man an diesem kalten Dezembertag 2016 die tiefe Temperatur. «Vieles, was in der Schweiz selbstverständlich scheint, brauche ich nicht. Man lernt als Künstlerin, auf gewisse Vorzüge zu verzichten», erklärt die 48-jährige Schattdorferin. Dies sei bei ihr speziell der Fall, weil sie sehr gerne grosse Skulpturen schaffe, vorzugsweise aus Stein.

Auf die Frage, weshalb sie so gern mit Stein arbeitet, antwortet Shortiss: «Es braucht sehr viel Geduld und auch körperliche Energie. Ich brauche den Widerstand, den mir der Stein leistet.» Leider sei das Material nicht mehr sehr «zeitgenössisch». «Stein zu bearbeiten, braucht viel Zeit, und heute muss alles immer schneller gehen. Aber genau das fasziniert mich – es ist kein Zuckerschlecken, mit Stein zu arbeiten», so Shortiss. «Man wird mit der Arbeit nicht reich», sagt sie. «Aber ich hatte anderseits bisher ein sehr interessantes und freies Leben», betont sie. «Ich möchte nichts ansammeln. Für mich zählt der Moment», ergänzt sie. «Trotzdem muss ich natürlich überleben können.» Deshalb führe sie auch Aufträge von Firmen, der öffentlichen Hand oder von Privatpersonen aus. So hat sie vor kurzem für einen Kunden in Bern einen Hund aus Kalkstein gemeisselt.

Produktionszwang vermeiden

Ihre «freien» Werke stellt sie regelmässig in Galerien aus. Wichtig ist ihr dabei, nicht in einen Produktionszwang zu geraten. «Das will ich nicht. Deshalb unterscheide ich stark zwischen freien Arbeiten und Auftragsarbeiten.» Bertha Shortiss, die auch eine leidenschaftliche Leserin ist, nimmt regelmässig an Wettbewerben und Kunstsymposien teil, bei denen sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen kann. Sie bewirbt sich an den Symposien jeweils mit einem Modell ihrer Arbeit – oder sie wird eingeladen.

Je nach Material, das bearbeitet werden soll, verbringt sie mehrere Wochen in den entsprechenden Gastgeberländern. Da diese überall auf der Welt verteilt sind, reist die kulturbegeisterte Frau sehr viel. Sie liebt es, verschiedene Kulturen kennen zu lernen. «Ich finde es super, dass ich an den Symposien auch Einheimische kennen lerne. Das ist möglich, weil ich dort arbeite und nicht als typische Touristin durch das Land reise. Die Erfahrungen, die ich dabei sammle, kann ich dann in meine Arbeit einfliessen lassen», erklärt sie. «Das mache ich auch mit den Themen, die mich in der Schweiz bewegen», erklärt sie. Shortiss diskutiert denn auch sehr gerne über existenzielle Themen, sei es mit Menschen, die anders oder gleich denken wie sie selber.

Besonders gerne reist Bertha Shortiss immer wieder nach Japan. «Ich war bestimmt schon zehnmal dort», sagt die Urner Künstlerin mit irischen Wurzeln. Grund dafür ist ihre Liebe zum Stein. Sie findet das Material faszinierend, weil es veränderlich ist, aber doch ewig standhält. «Weil es die Grundlage für unser Existieren ist», ergänzt sie. «Diese Eigenschaften sind vor allem bei Vulkanen oder Erdbeben gut sichtbar. Es reisst den Boden unter den Füssen weg und stellt Sicheres in Frage», erklärt die naturnahe Künstlerin. «Ich finde es sehr interessant, wie die Bevölkerung mit den Naturkatastrophen umgeht», ergänzt sie.

Eltern hätten sie lieber an die Uni geschickt

Die Liebe zum Stein prägt nicht nur ihre Reisen, sondern auch ihre Arbeit. Schon sehr früh habe sie gemerkt, dass sie gerne mit Stein arbeite. Bewusst wurde ihr das bei einer Schnupperlehre als Steinbildhauerin im Alter von 15 Jahren. «Sofort war mir klar, dass ich das machen will», so Shortiss. Eine Lehrstelle habe sie aber erst drei Jahre später gefunden. In der Zwischenzeit absolvierte sie das Gymnasium. «Meine Eltern hätten sicher Freude gehabt, wenn ich studiert hätte. Ich war ja schliesslich die Einzige von drei Geschwistern, die ans Gymnasium ging. Trotzdem waren sie später stolz, dass ich es durchgezogen habe», erzählt sie.

Die Ausbildung zur Steinbildhauerin reichte ihr aber nicht. So hat Bertha Shortiss weitere Ausbildungen absolviert, unter anderem, um mit anderen Materialien arbeiten zu können, begründet sie dies beim Gespräch in ihrem Altdorfer Atelier. Die Liebe zum Stein ging aber nicht verloren. Woher diese kommt, weiss sie nicht genau: «Es könnte sein, dass mir der Kontakt zu den Bergen das eingebrockt hat», sagt sie – und lacht.

Auch von Eis und Schnee fasziniert

Obwohl es für sie nicht gleich faszinierend ist wie der Stein, arbeite sie auch mit Holz. Andere Materialien, von denen sie fasziniert ist, sind Eis und Schnee. «Die Vergänglichkeit dieser Skulpturen fasziniert mich. Ich finde es schön, dass der Kreislauf geschlossen wird, wenn das Werk wieder schmilzt, weil der Schnee oder das Eis wieder zu Wasser werden», erklärt sie. «Das steht im krassen Gegensatz zu Holz und Stein. Ich finde solche Gegensätze sehr interessant», sagt Bertha Shortiss zum Schluss.