Kurze Wege, aber fehlende Sonnenuntergänge – das sind die Vor- und Nachteile Uris

Stefan Fryberg und Jeanine Aschwanden-Dinger sprechen in der Kantonsbibliothek über den Kanton Uri. Als Einheimischer und als Zugezogene machen sie dies aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Markus Zwyssig
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Jeanine Aschwanden-Dinger und Stefan Fryberg diskutieren in der Kantonsbibliothek Uri.

Jeanine Aschwanden-Dinger und Stefan Fryberg diskutieren in der Kantonsbibliothek Uri.

Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 4. November 2020)

Draussen war es dunkel, kalt und es regnete leicht. Trotzdem machten sich am Mittwochabend gut 20 Personen auf den Weg zur Kantonsbibliothek in Altdorf, um einem Gespräch über den Kanton Uri zuzuhören. «Nusädè» dürften sie sich gesagt haben. Der Urner Ausdruck steht für Gelassenheit, wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Dann versucht man, das Beste aus der Situation zu machen.

Der neue Urner Bildband mit eben diesem Mundarttitel von Fotograf Valentin Luthiger und der Tinto AG war Auslöser für das Gespräch. Moderiert wurde es von Dori Tarelli, Geschäftsleiterin der Altdorfer Agentur Tinto. Da sass zum einen der Urner Historiker Stefan Fryberg. Zum andern war es die Choreografin, Tanz- und Yogalehrerin Jeanine Aschwanden-Dinger. Sie stammt ursprünglich aus Toronto in Kanada, lebt aber seit fünf Jahren mit ihrem Mann im Kanton Uri und ist seit sieben Monaten Mutter einer Tochter.

Eindrückliche Landschaften, nur der Sonnenuntergang fehlt

Uri sei «unglaublich schön» mit seinen Bergen und dem See, sagte Aschwanden-Dinger. «Die Landschaft hat mir den Atem geraubt.» Sehr schade findet sie aber, dass es in Uri keine Sonnenuntergänge zu sehen gibt. Die Sonne verschwinde einfach hinter den Bergen. Als «Lachoonigi» – also Zugezogene – habe sie gemischte Gefühle. Wenn sie Besuch von auswärts erhalte, dann könne sie zeigen, wie viel sie über den Kanton weiss. Als sie nach Uri gekommen sei, habe sie kein Wort Deutsch gesprochen, sich mit Händen und Füssen verständigt. Auch jetzt beim Gespräch habe sie Schmetterlinge im Bauch – und das alles wegen der Sprache. In ihrem familiären Umfeld sei sie aber sehr gut aufgenommen worden und habe mittlerweile viele Freunde gefunden. Besonders gut gefalle ihr die Fasnacht. Da werde so richtig ausgelassen gefeiert. Zudem erlebt sie die Urner als sehr sportbegeistert, insbesondere beim Skifahren, Snowboarden und Klettern.

Und wo ist Stefan Fryberg zu Hause? «Ich bin kein richtiger Urschner», sagte der alt Regierungsrat. Er sei zwar in Andermatt aufgewachsen, aber nicht Bürger des Urschner Hauptortes. Er sei aber auch kein richtiger Urner, denn hier unten würden sie immer sagen, er komme von oben. Eher geerdet sei er aber in Altdorf als in Andermatt. Uri überschätze sich, was die Offenheit und Gastfreundschaft betreffe, so Fryberg weiter. Bis ins 19. Jahrhundert habe der Gotthardpass fast keine Rolle gespielt. Der Tourismus sei erst mit der Bahn so richtig aufgekommen. Dadurch seien neue Arbeitsplätze geschaffen worden und das habe Uri vorwärtsgebracht. «Mit Touristen freundlich zu sein, ist keine Kunst. Die bringen Geld», sagte Fryberg mit einem Schmunzeln.

Fryberg gefällt im Bildband Nusädè die fast schon mystische Aufnahme von der Teufelsbrücke und dem Wandgemälde von Heinrich Danioth. «Die Urner dürften sich heute mehr zutrauen und die Chance der Kleinheit nutzen», so der engagierte Rentner. Sie könnten schneller reagieren und dürften dabei gewitzter sein, findet er.

Fernseher ersetzt heute den einstigen Herrgottswinkel

Im Bildband gibt es auch einen sogenannten Herrgottswinkel zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Zimmerecke, die mit einem Kruzifix versehen ist und für Andachten mit der Familie genutzt wird. Diese waren früher praktisch überall zu finden. Heute gibt es sie fast nicht mehr. «Die Gesellschaft war enorm vom Christentum geprägt», so Fryberg. «Heute ist in der Stube eher alles auf den Fernseher ausgerichtet.»

Fotograf Valentin Luthiger zeigte an diesem Abend auf, dass einige Aufnahmen für den Bildband spontan entstanden sind. Bei anderen brauchte es etwas mehr Vorarbeit. Doch auch da stiess er kaum auf Probleme. «Nach zwei bis drei Telefonanrufen ist man bei der richtigen Stelle», so Luthiger. «Wenn man es ehrlich meint, dann funktioniert vieles.»

Hinweis: Der Urner Bildband Nusädè ist in der Buchhandlung Bido in Altdorf erhältlich. Der Preis beträgt 48 Franken.