Interview

Urner Landweibel Karl Kempf blickt auf sechs Legislaturen

Er ist seit 24 Jahren Landweibel. Vor seiner Pension lässt Karl Kempf das vergangene Jahr und seine Amtszeit Revue passieren.

Florian Arnold
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Der Urner Landweibel Karl Kempf blickt mit unserer Zeitung zurück auf seine Karriere und 2019.

Der Urner Landweibel Karl Kempf blickt mit unserer Zeitung zurück auf seine Karriere und 2019.

Bild: Florian Arnold (20.12.19)

Karl Kempf, nur noch kurze Zeit, dann schliessen Sie Ihre Karriere als Urner Landweibel ab. Beste Gelegenheit, für den Landrat zu kandidieren...

Es wäre spannend, sich einzubringen. Aber nein, das tue ich nicht und auch auf der Zuschauertribüne wird man mich nicht entdecken. Politik werde ich in der Zeitung verfolgen, und ich gehe an die Urne.

Wie schwierig war es für Sie jeweils, nicht aktiv mitdiskutierten zu können?

Ein ehemaliger Stellvertreter des Kanzleidirektors hat mir mal gesagt, ich müsse alles, was ich im Regierungsratszimmer und im Landratssaal gehört habe, auf der Türschwelle des Rathauses wieder vergessen. Das ist mir zu Beginn nicht ganz leicht gefallen und ich musste auch Lehrgeld zahlen, als ich einem Journalisten gegenüber einmal eine Andeutung machte. Hinzu kam, dass früher auch Gerichtsverhandlungen im Rathaus stattfanden. Viele Mandanten kannte ich. Das Gehörte zu verarbeiten, war nicht immer ganz einfach. Die Erfahrung hat mich gelehrt, einfach am besten den Mund zu halten.

Der Wandel beim Gericht ist nur eine Sache. Welche Veränderungen waren ausserdem spürbar?

Die Technik hat sich enorm verändert. Als ich begann, hatte ich keinen eigenen Computer. Als Landweibel bekam ich dann als erster ein Natel. Die Medien riefen bei mir an, wenn sie etwas von einem Regierungsrat wissen wollten. In der Pause konnte dieser dann zurückrufen. Heute geht alles direkter und viel schneller. Mir fällt aber auch auf, dass man sich früher mehr zugehört hat. Bis 1951 gab es im Landratssaal keine Pulte, die Akten hatte man auf dem Schoss. Heute hat jeder sein Tablet dabei.

Sind Sie deswegen wehmütig?

Eigentlich nicht. Den technischen Wandel kann man nicht aufhalten. Wir haben diesen Zug aufgegleist, jetzt müssen wir aufspringen, sonst ist er weg. Im Nationalrat konnte man gerade erst beobachten, wie die jungen Parlamentarier per Whatsapp Allianzen geschmiedet haben. Der schnellste gewinnt.

Immerhin kann der Landrat seit einiger Zeit elektronisch abstimmen. Ist das der einzige Grund, warum die Sessionen immer kürzer werden?

Man ist allgemein speditiver geworden. Früher traf sich der Landrat am Montag fürs Eintreten und ging dann in die Fraktionen. Am Mittwoch wurden schliesslich die Geschäfte beraten. Heute machen das die Parteien vor der Session. Die Voten hat man zudem auf eine A4-Seite beschränkt. Daran hält man sich. Es hängt aber auch mit den Geschäften zusammen. Die Zeiten sind vorbei, als über die grossen Brocken wie die Neat oder das Sawiris-Projekt stundenlang diskutiert wurde, im Landrat wie in der Regierung. Trotzdem könnte man den Landrat heute noch mehr straffen. Durch die modernen Medien gibt es viel weniger Schreibkram. Alles ist etwas schnelllebiger geworden.

Lässt man sich denn auch nicht mehr so leicht beeinflussen?

Die Meinungen sind meistens gemacht. Man muss sich aber nicht einbilden, dass man wieder zu einem alten System zurückkehrt. Eher hält man in Zukunft den Landrat als Telefonkonferenz ab.

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Sie hatten in Ihrer Karriere viele aussergewöhnliche Erlebnisse. Welches waren die prägendsten?

1996 war ich beim Spatenstich zur Neat dabei, 2016 bei der Eröffnung. Bei so einem riesigen Projekt den Start und die Fertigstellung mitzuerleben, ist schon sehr etwas Aussergewöhnliches. Dasselbe gilt auch für das Sawiris-Projekt in Andermatt. Ich weiss noch, wie der Investor das erste Mal im Rathaus war, und einige Jahre später war man zur Eröffnung eingeladen. Bleibend sind aber auch traurige Erlebnisse, wie das Attentat in Zug, wo ich einige Opfer kannte, das Attentat in Luxor, wo Urner Bürger dabei waren und auch die Bluttat von Ali Sebti in Erstfeld. Prägend waren auch der Lawinenwinter 1999 oder das Hochwasser 2005. Am eindrücklichsten bleiben aber die Begegnungen mit dem russischen Präsidenten Medwedjew in der Schöllen 2009 und dem Papst in Genf vor zwei Jahren in Erinnerung.

Zu Ihren Aufgaben zählt das Repräsentieren. Wie gross ist daneben der Einfluss, den ein Landweibel nehmen kann?

Der ist nicht so gross. Die Regierung fragt mich oft, was ich im Volk höre. Aber auch das ist nicht mehr so einfach, da man sich nicht mehr so oft in der Beiz trifft. Heute muss man eher schauen, was in den sozialen Medien abgeht.

Blicken wir auf das vergangene Jahr. Was verbinden Sie damit?

Ich wusste, dass es das letzte als Landweibel sein würde und dass es irgendwann zu Ende geht. Darauf habe ich mich vorbereitet. Mir hat mal jemand gesagt, jeder sei ersetzbar. Das stimmt.

Blick in die Zukunft: Was wird Uri in den nächsten Jahren am meisten beschäftigen?

Sicher der Bau der zweiten Röhre. Zudem sind noch einige Grossprojekte in der Pipeline, wie etwa das Spital. Auch der Kantonsbahnhof und die West-Ost-Verbindung werden grosse Veränderungen mit sich bringen.

Und was tut Karl Kempf?

Ich habe zwei Grosskinder, die Skifahren lernen wollen. Das sollte ich auf unserem Hausberg, dem Brüsti, als ehemaliger JO-Leiter hinbekommen. Ich werde mich um unser Haus mit einem grossen Garten und ein Bergheimetli kümmern. Zudem liegt mir die Jagd am Herzen. Ansonsten möchte ich mehr Zeit mit der Familie verbringen und Kollegen treffen und über vergangene Zeiten diskutieren. Ich hoffe, dass ich das alles gesund geniessen kann. Mein Job hat mich auf Trab gehalten und ich war oft auch am Samstag und Sonntag im Einsatz. Das werde ich nicht vermissen, auch wenn ich es unterstreichen kann, dass dieses Amt ein Glücksfall war.

Was wünschen Sie den Menschen, welche die Zügel für Uri in der Hand halten?

Ich wünsche Ihnen viel Mut, den Kanton Uri vorwärtszubringen.