LEBENSWERK: Hans Stadler ist unermüdlich

Hans Stadler hat die Geschichte von Uri aufgearbeitet – von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Mehr als vierzig Jahre hat der Attinghauser dafür investiert.

Elias Bricker
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Hans Stadlers Lebenswerk «Geschichte des Landes Uri» umfasst drei dicke Bücher. (Bild Elias Bricker)

Hans Stadlers Lebenswerk «Geschichte des Landes Uri» umfasst drei dicke Bücher. (Bild Elias Bricker)

Elias Bricker

Kürzlich im Urner Staatsarchiv in Altdorf: Hans Stadler-Planzer nimmt im Lesesaal Platz, packt seine Tasche aus und startet seinen Laptop. Eine Bibliothekarin schiebt einen Wagen voll beladen mit Büchern und Archivkisten an Stadlers Tisch. «Herr Stadler, ich habe Sie in den vergangenen Tagen gar nicht gesehen. Hatten Sie Ferien?», fragt die sie. «Feeriä?», winkt der Historiker ab und lächelt. «Feeriä, nä-näi, wo dänket Sie ai hi.»

Mit seinen 70 Jahren könnte Hans Stadler längst sein Rentnerdasein geniessen – doch von Ruhestand keine Spur. Deshalb ist es auch für einen Redaktor der «Neuen Urner Zeitung» gar nicht einfach, mit dem Attinghauser einen Termin zu vereinbaren oder ihn überhaupt ans Telefon zu bekommen. «Er ist geschäftlich unterwegs», lässt ihn seine Frau Luzia entschuldigen. «Rufen Sie doch nach 20 Uhr wieder an. Denn morgen ist er auch wieder den ganzen Tag unterwegs – geschäftlich.»

Stadler wird ausgezeichnet

Hans Stadler hat intensive Wochen hinter sich. Soeben hat er sein Lebenswerk vollendet. Drei Bücher umfasst seine «Geschichte des Landes Uri». Auf über 1200 Seiten erzählt er die Geschichte des Kantons – von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Er hat nicht nur geforscht und geschrieben, sondern das Werk auch selber redigiert und gelayoutet. Die beiden Bände – aufgeteilt auf die Bände 1, 2a und 2b – sind ab sofort im Handel erhältlich. Band 1 ist zwar bereits 1993 erschienen. Doch Stadler hat ihn nun überarbeitet. Einige Kapitel im zweiten Band liess er zudem von seinem Sohn Pascal Stadler, von Romed Aschwanden aus Bürglen und Brigitte Degler-Spengler aus Basel schreiben.

Stadlers Projekt ist wegweisend für den Kanton Uri. Denn seit 1862 hat sich niemand mehr an ein solches Gesamtwerk gewagt. Deshalb verleiht der Urner Regierungsrat Stadler nun auch den Goldenen Uristier (siehe unsere Zeitung vom 10. November).

Zuerst einen Überblick verschafft

Mehr als vierzig Jahre hat Hans Stadler an seinem Lebenswerk gearbeitet. «Bereits im Studium war für mich klar, dass ich dieses Werk einmal realisieren möchte», sagt er. «Ich wollte mich mit dem Kanton Uri befassen. Denn hier bin ich verwurzelt, hier kenne ich die Zusammenhänge.»

Nach der Matura in Altdorf hat Stadler in Freiburg, Basel und Bern Geschichte studiert. Daneben arbeitete er zeitweise in einem Archiv in Basel. Danach unterrichtete der Urner einige Jahre Deutsch und Geschichte am Kollegi in Schwyz. 1973 wurde er Urner Staatsarchivar. «Damit begann der erste Teil meiner Arbeit», sagt Stadler. «Ich konnte mir so einen umfassenden Überblick über die Urner Archivalien verschaffen.»

Urner Staatsarchiv inventarisiert

Doch zuerst musste Stadler zusammen mit seinen Mitarbeitern System ins Archiv bringen. «Unvorstellbar: Aber es gab damals kein Archivinventar, und die Kantonsbibliothek hatte keinen Bibliothekskatalog», erinnert sich der Historiker. «Wir mussten zuerst die Grundlagen dazu schaffen.» Zudem sei das Staatsarchiv damals in sieben verschiedenen Gebäuden untergebracht gewesen. «Man brauchte also einen guten Orientierungssinn, um den Überblick nicht zu verlieren.» Erst 1986 wurde das jetzige Staatsarchiv an der Bahnhofstrasse eingerichtet.

Beruf hat sich gewandelt

Doch 1988 machte sich der vierfache Familienvater selbstständig und eröffnete das «Büro für Geschichte und Archiv». «Das brauchte damals schon ein bisschen Mut», sagt der Attinghauser. «Doch ich wollte an meinen eigenen Projekten arbeiten.» Doch das sei nicht vereinbar gewesen mit seinem Job als Staatsarchivar. «Ein moderner Archivar kann heute nicht mehr einfach im stillen Kämmerlein sitzen und für sich etwas schreiben.»

Teil um Teil zusammengefügt

In einem Abstellraum über der Garage neben seinem Haus hat er sich seinen Arbeitsplatz eingerichtet. Doch oft trifft man ihn nicht dort an, sondern in Archiven oder in der Zentralbibliothek Zürich. «Ich hatte stets genügend Aufträge», so Stadler. Denn der selbstständige Historiker konnte für diverse In­stitutionen Nachforschungen betreiben oder für mehrere Dorf- und Jubiläumsbücher Beiträge verfassen. Zudem inventarisierte er mehr als die Hälfte aller Urner Pfarreiarchive. «Meistens ergab dies Synergien für meine Urner Geschichte», sagt Stadler. Und so hat er Teil um Teil der Urner Geschichte erschlossen.

Politiker und hoher Militär

Daneben engagierte er sich im Gemeinderat und im Kirchenrat, später sass er für die CVP im Landrat sowie im Grossen und Kleinen Landeskirchenrat. Jahrelang war er auch für den Historischen Verein Uri und den Historischen Verein Zentralschweiz aktiv. Und im Militär brachte er es bis zum Bataillonskommandanten. «Ich war aber nie ein Militärkopf», betont er. Doch er sei stets der Ansicht gewesen, dass das Staatswesen nur funktioniere, wenn alle ihren Beitrag dazu leisten würden. «Ich sah in der Politik auch nie einen Gegensatz zur Geschichte», so Stadler. Die Geschichte habe ihm aber oft geholfen, um die Gegenwart besser zu verstehen.

«Noch stets am Anfang»

«Ich bin ohnehin kein Altertumskrämer, der begeistert ist von einem Schwert, einer Person oder einem Kirchturm», betont er. «Ich bin auch kein Sammler. Ich wäre auch ein schlechter Museumskurator. Ich habe einfach versucht, das Wissen über die Urner Geschichte zu systematisieren.»

Doch auch jetzt, wo er sein Lebenswerk abgeschlossen hat, will sich Stadler nicht einfach zurücklehnen. «Ich habe stets das Gefühl, ich bin noch am Anfang», sagt der Historiker. «Ich hätte bereits wieder neue Visionen und Projekte.» Doch zuerst warte das Geschäft: Denn er habe in den vergangenen Monaten diverse Auftragsarbeiten zurückgestellt, damit er sein Lebenswerk endlich abschliessen konnte.

HINWEIS

«Geschichte des Landes Uri» kann man ab sofort bei der Gisler Druck AG bestellen (Telefon 041 874 16 16). Das Historische Museum Uri zeigt zudem ab dem 2. Dezember eine Sonderausstellung zur Urner Geschichtsschreibung.

Regierungsrat plant Ähnliches

eb. Der Urner Regierungsrat möchte die Kantonsgeschichte nun ebenfalls aufarbeiten (unsere Zeitung berichtete). Ein professionelles Autorenteam soll ein mehrere hundert Seiten umfassendes Werk erarbeiten, das in sechs bis acht Jahren erscheinen soll. Die Kosten dafür belaufen sich auf bis zu 3 Millionen Franken.

Stadlers Werk bietet Grundlage

Hans Stadler sieht die Aufarbeitung der Kantonsgeschichte nicht als Konkurrenz zu seinem Lebenswerk, sondern als Ergänzung. Sein Werk «Geschichte des Landes Uri» sei ein Übersichtsbuch, das die Geschichte aus der Vogelperspektive zeige. Beim kantonalen Geschichtsprojekt werde es aber möglich sein, dass sich die verschiedenen mitwirkenden Historiker viel vertiefter mit bestimmten Themen befassen könnten. «Ich sehe meine Arbeit vielleicht viel eher als Grundlage», so Stadler. Seine Bücher könnten Anregungen für die Aufarbeitung bestimmter Themen liefern. «Und bis das Projekt des Kantons auf festen Beinen steht, bis die Forschungsaufträge vergeben sind und bis die Manuskripte verfasst werden, wird noch viel Zeit vergehen», sagt Stadler.

«Belmité»-Brüder: Alles Akademiker

eb. Hans Stadler ist nicht der einzige Akademiker in seiner Familie. Gleich alle seine fünf Brüder schlossen ein Studium ab: Josef Stadler wurde Pfarrer, Alois Stadler ist promovierter Physiker und arbeitete zuletzt als Direktor im «Schächenwald», Franz Stadler ist promovierter Forstingenieur, lic. rer. pol. Martin Stadler machte sich als Schriftsteller und Verleger einen Namen, und Karl Stadler ist Jurist. Dass die sechs Brüder vom Heimwesen Belmité ob Altdorf überhaupt studieren konnten, war keine Selbstverständlichkeit. Vater Hanssepp Stadler war Schafbauer und arbeitete in der Munitionsfabrik. «Es ging nur, weil wir sehr einfach lebten», sagt Hans Stadler. «Natürlich mussten wir neben dem Studium selber auch ein bisschen Geld verdienen.»