Kolumne

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Florian Arnold, Redaktionsleiter der «Urner Zeitung», sagt, was sein Jahr 2019 geprägt hat.

Florian Arnold
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Die Redaktion zieht um (von links): Markus Zwyssig, Urs Hanhart, Christian Tschümperlin, Lucien Rahm, Philipp Zurfluh und Florian Arnold.

Die Redaktion zieht um (von links): Markus Zwyssig, Urs Hanhart, Christian Tschümperlin, Lucien Rahm, Philipp Zurfluh und Florian Arnold.

Bild: Elias Bricker
Redaktionsleiter Florian Arnold.

Redaktionsleiter Florian Arnold.

Bild: Manuela Jans-Koch

Die Kisten sind gepackt, die alten Arbeitsplätze geräumt. Ab morgen beginnt für die «Urner Zeitung» ein neues Zeitalter. Sie wird künftig zentral von Stans aus geplant und produziert – dies gemeinsam mit der «Nidwaldner» und der «Obwaldner Zeitung». Ein frisches Büro, ein grösseres Gebiet, ungewohnte Themen, andere Kontakte und ein neues Team. Zugegeben: Wenn ich an all die Veränderungen denke, steigt mein Puls doch etwas an. Und das hat nicht nur mit Vorfreude zu tun, sondern auch mit Respekt vor dem Neuen. Denn der Mensch gilt nicht um sonst als Gewohnheitstier.

Das wird mir immer wieder klar, wenn ich andere frage, wie sie Heiligabend verbringen. Bei den meisten sind Ablauf, Menu und gar die Weihnachtslieder auf Jahre hinaus festgelegt. Rituale geben den Menschen Halt. Und nicht zuletzt zählt auch dieser Brief an die Leserschaft bereits zur Tradition, mit der ich nicht brechen möchte.

Wenn ich die Hirnforscher richtig verstehe, ist unsere Vorliebe für Beständiges vor allem auf das limbische System zurückzuführen. Dabei handelt es sich um den Teil unseres Gehirns, den wir mit Reptilien gemein haben. Hier ist die Steuerung der Emotionen und des Unterbewussten untergebracht – das, was wir eben nicht bewusst steuern können. Eine wichtige Rolle spielt darin die sogenannte Amygdala, auf Deutsch Mandelkern. Denn genau so klein ist das Areal, das eine grosse Wirkung hat: Die Amygdala schlägt dann Alarm, wenn Gefahr droht – respektive dann, wenn plötzlich etwas nicht mehr so ist, wie es immer war.

Lasse ich das Jahr 2019 Revue passieren, muss mein Mandelkern wohl unter Dauerstress gestanden haben. Denn an Veränderungen mangelte es nicht. Dass sich die Medienbranche im Wandel befindet, ist fast schon eine Binsenwahrheit. Unser Unternehmen hat sich vor mehr als einem Jahr neue Strukturen gegeben, die vor allem in diesem Jahr wirksam wurden. Die drei grossen Titel «Luzerner Zeitung», «Aargauer Zeitung» und das «St.Galler Tagblatt» sowie die dazugehörenden Fernseh- und Radiosender sowie Lokalzeitungen haben sich zum Grosskonzern CH Media zusammengeschlossen. Seit diesem Jahr werden die nationalen und internationalen Zeitungsinhalte zentral in Aarau produziert. Eine Sonntagsausgabe gibt es nicht mehr, dafür eine umfangreichere Samstagszeitung.

Auch wenn sich unsere Redaktion auf die lokalen Neuigkeiten und Berichterstattungen aus Uri konzentriert, hat dieses neue Regime auch Auswirkungen auf unseren Alltag. Plötzlich gibt es andere Ansprechpartner. Teams werden verkleinert. Vertraute Personen haben sich beruflich neu orientiert. Eine Übersicht zu bekommen, ist schwierig. Das wurde uns auch am ersten konzerninternen Mitarbeiterfest klar, für das eine ganze ehemalige Industriehalle in Zürich Oerlikon gemietet werden musste.

Auch das digitale Zeitalter hat einen wesentlichen Einfluss auf unseren Alltag. Auf Neuigkeiten müssen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht mehr warten, bis unsere Verteiler früh morgens die Zeitungen in ihren Briefkasten werfen. Unsere Redaktion hat sich auf die Fahne geschrieben, online jederzeit aktuell zu sein. Das heisst konkret: Die News erfahren Sie mit einem Klick auf unsere Website oder in der dazugehörenden App auf dem Smartphone. Die Hintergründe gibt es dann in der gedruckten Zeitung. Sind Sie registriert oder haben ein Online-Abo, werden Ihnen auch diese Zusatzinformationen auf dem elektronischen Weg nicht vorenthalten. Zudem bietet der Onlinekanal auch die Möglichkeit, weitere Bilder zu publizieren, für die in der gedruckten Zeitung nicht immer genügend Platz vorhanden ist. Ausserdem können die Onlinetexte auch mit Videos angereichert werden.

Die stärkste persönliche Veränderung kam im April auf mich zu: Nach der knapp 25-jährigen Ära von Bruno Arnold wurde mir die Leitung der Redaktion übertragen. In solche Fussstapfen zu treten, ist keine leichte Aufgabe, auch wenn ich selbstverständlich auf diese riesige Vorarbeit aufbauen konnte. Zudem wurde mir nach meinem Empfinden sehr viel Wohlwollen entgegen gebracht. An mein neues Amt habe ich mich deshalb einigermassen gewöhnt, auch wenn ich merken musste, dass es auch dazu gehört, das eigene Verständnis von Journalismus noch mehr zu schärfen und – zuweilen etwas emotional – gegen aussen zu verteidigen.

Mit Veränderungen war es damit nicht vorbei: Im Spätsommer wurde bekannt, dass die Redaktionen von Uri, Nid- und Obwalden in Stans zentralisiert werden sollen. Wieder schlug mein Reptilienhirn Alarm. Doch sachlich betrachtet macht diese Veränderung Sinn: Die Kräfte werden gebündelt; die technische Entwicklung macht es möglich, dass man von überall her eine Zeitung produzieren kann – vorausgesetzt, es gibt Strom und eine Internetverbindung.

Bevor ihr Mandelkern jetzt aktiv wird: Für Sie, liebe Leserinnen und Leser, soll sich beim Zeitungslesen nichts verändern. Weiterhin werden Sie – ganz nach Tradition – täglich in gedruckter Form oder im Internet mit Neuigkeiten und Hintergründen bedient. Für Ihre Treue bedanke ich mich herzlich und wünsche Ihnen nur das Beste für 2020!