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Seedorf: Madonna im Bodenwald
erhört Gebete der Flösser

Eine Muttergottes, ein Denkmal, eine Wettertanne und vergessene Köhlerplätze. Ein unscheinbarer Ort beim sogenannten Bocktritt in der Nähe des Palanggenbachs birgt zahlreiche Geheimnisse.
Christof Hirtler
Stolz posieren Flösser 1919 im Palankatobel vor einem riesigen Haufen «Trämel». Die Baumstämme wurden vor dem Flössen in 1 Meter lange Stücke zersägt und in den Bach gestossen. Die langen Stangen dienten dem «Leiten» des Holzes im Wasser. Beim Bildstöckli zogen die Flösser das Holz mit «Zappyyen» aus dem Wasser. (Bild: PD)

Stolz posieren Flösser 1919 im Palankatobel vor einem riesigen Haufen «Trämel». Die Baumstämme wurden vor dem Flössen in 1 Meter lange Stücke zersägt und in den Bach gestossen. Die langen Stangen dienten dem «Leiten» des Holzes im Wasser. Beim Bildstöckli zogen die Flösser das Holz mit «Zappyyen» aus dem Wasser. (Bild: PD)

Im Bodenwald, beim sogenannten Bocktritt, wo der alte Weg ins Gitschental aufsteigt, steht in einer abgeschiedenen Waldlichtung unterhalb eines Felskopfs ein Bildstock mit einer Madonna. Eine Lourdes-Grotte? Geranien, Kerzen flackern. Um den Bildstock stehen in Felsnischen Laternen, Kreuze und zwei weitere Muttergottesstatuen. Eine Tafel warnt vor Steinschlag. Jemand hat 2009 ein kleines Alpkreuz hingestellt – zum Gedenken an einen verstorbenen Älpler? Neben dem Bildstock eine angeschraubte Inschrift: «Gedenktafel – Zu Ehren und zum Andenken an die Holzer und Flösser (‹Flözzer› oder ‹Fleezer›), die unter sehr schwierigen und gefährlichen Bedingungen Brennholz aus dem Gitschental förderten.»

Eine Gedenkstätte für Flösser? Wer weiss Bescheid? In Seedorf, direkt am See, wohnt der 84-jährige Walter Wipfli. Sein Vater führte eine Holzunternehmung. «Der Palanggenbach bildet die Grenze zwischen Seedorf und Attinghausen. Bei Hochwasser war er gefährlich», sagt Wipfli. «Wenn der Bach über die Ufer trat, verursachte er regelmässig Überschwemmungen und Murgänge in beiden Dörfern.» Gegen diese Naturgewalten halfen nur noch Gebete und ein starkes Zeichen: Man baute am Palanggenbach ein Bildstöckli, platzierte darin eine Muttergottes und unternahm jährlich am Auffahrtstag eine feierliche Prozession.»

Im Buch über die Gemeinde ist nichts enthalten

Die Menschen glaubten an die magischen Kräfte der heiligen Maria: Sie sollte die wilden Wasser bannen und die Dörfer schützen. Wie alt das Helgenstöckli ist, weiss niemand. Es muss aus einer Zeit stammen, in der man noch nichts von Wildbachverbauungen wusste. Kunsthistorisch scheint es so unbedeutend, dass es im 1991 erschienen Buch der Gemeinde Seedorf nicht erwähnt wird.

Holz war lebensnotwendig zum Heizen, zum Kochen. Holz lieferte die Energie. Der Bach diente als Transportmittel. Bei einsetzender Schneeschmelze im Frühling wurde das im Winter geschlagene und zum Bach gereistete Holz in den Palanggenbach gestossen und nach Seedorf geflösst. Die Arbeit war gefährlich. Die Flösser vertrauten auf den Schutz der Muttergottes. 1997 befestigte Walter Wipfli zu Ehren der Flösser beim Palanggen-Bildstock eine Gedenktafel. Darauf ist zu lesen: «Bevor das Holz mit Fahrzeugen auf der Strasse oder mit Seilanlagen transportiert werden konnte, benütze man die Wasserkraft des Palankabachs. Das Flössen hatte eine grosse und lange Tradition. Das Holz wurde in der Nähe des Baches gereistet und in 1-Meter-Stücken gestapelt. Bei der Schneeschmelze stiess man das Holz in den Bach. Mit Hilfe der Wasserkraft und dem Einsatz der Flösser, die mit ihren Stangen das Holz im Wasser behielten, gelangte dieses via Tobel bis zum Palanka-Bildstöckli. Dort hielt ein eingebauter Holzrechen das Holz auf. Mit den sogenannten ‹Holzbärren› (speziellen Schubkarren) wurde es zur Weiterverarbeitung an Land transportiert.»

Die Kälte setzte den Arbeitern zu

Der pensionierte Förster Werner Arnold und ehemalige Präsident des Krankenunterstützungsvereins Seedorf veröffentlichte 2013 eine Schrift zum 125-Jahr-Jubiläum der sozialen Einrichtung: «Der Ursprung war die Palanggenbachverbauung. 1882 beschlossen Bund, Kanton, Seedorf und Attinghausen, den Wildbach in der Palanggenschlucht mit sechs Sperren zu verbauen, um die Fliessgeschwindigkeit zu vermindern und das Geschiebe zurückzuhalten», ist dort zu lesen. 1888 begannen die Arbeiten. Arbeiter sprengten Steine, bauten zyklopenhafte Mauern mit «Holzträämel», Leitern, Pickeln, Schaufeln, «Garettä» und Stemmeisen. Die höchste Sperre war 12 Meter hoch. Nicht nur die körperliche Arbeit war hart, auch das eiskalte Wasser, der Regen und die Kälte setzten den Arbeitern zu.

1 Franken kostete der Monatsbeitrag im Krankenunterstützungsverein

Arbeiter wurden krank, litten an Fieber, fielen aus. 1888 schufteten 25 Arbeiter im Balanka-Tobel an der Bachkorrektion. «Es war ein stürmischer Regentag und die Arbeit konnte an diesem Tag nicht vor sich gehen», steht in der der Broschüre weiter. «Unter einer astbewehrten Weisstanne hatten sich die Arbeiter versammelt und vor dem stürmischen Regen Schutz gesucht.» Es war die «Gründungsversammlung» des Krankenunterstützungsvereins. Mit einem Eintrittsgeld von 3 Franken und einem Monatsbeitrag von 1 Franken erhielten die Arbeiter bei Krankheit oder Unfall einen Taglohn von 2 Franken ausbezahlt. «Es wurde genau kontrolliert, wenn jemand nicht zur Arbeit erschien», sagt Werner Arnold. Als die Palanggenbachkorrektion 1900 beendet war, setzte «ein fluchtartiger Austritt aus dem Krankenunterstützungsverein» ein.

Werner Arnold erinnert sich: «Vor ein paar Jahren setzten wir Bäume oberhalb von Feldmes, einer der ältesten Alphütten im Gitschental. Wir mussten nicht lange graben, sogleich stiessen wir auf Holzkohle. Ich wusste, dass im Gebiet Cholleren, zwischen den Alpen Talberg und Feldmes, geköhlert worden war, als Alternative zum Flössen. Das Holz wurde zu Holzkohle verarbeitet, leichter gemacht und in Säcken ins Tal getragen.»

Bildstöckli am Palanggenbach mit Gedenktafel für Flösser. (Bild: Christoph Hirtler)

Bildstöckli am Palanggenbach mit Gedenktafel für Flösser. (Bild: Christoph Hirtler)

Von einer Talseite zur nächsten geseilt

In den 1950er-Jahren nahm die Bedeutung der Flösserei ab. «Zum Holzen kamen Seilanlagen zum Einsatz. Die Stämme wurden dabei mehrmals mit Pendelbahnen von einer Talseite zur nächsten geseilt», sagt Arnold. «Bei der Stäubenhöhe war das letzte Seil zum Bodenwald gespannt. Für die Sägerei Hans Gisler aus Altdorf war es ein lukratives Geschäft. Holz war viel wert. Ein Kubikmeter kostete über 100 Franken, der Taglohn eines Arbeiters betrug rund 20 Franken.»

Die Seedorfer verfolgten die Holzerarbeiten genau. Vielmehr, sie horchten in den Wald und waren parat. Wenn es im Wald «chrooset hett», war dies ein Zeichen, dass sich Stämme beim Seilen gelöst hatten und ins Tobel gefallen waren. Manchmal krachte gar eine ganze Beige aufgeschichteter Holzstämme zusammen und rutschte mit lautem Getöse in die Tiefe. Die Arbeiter liessen sie liegen. «Auf diesen Moment haben wir wie Geier gewartet», erzählten die Alten. Bachholz war gratis. Die Seedorfer stiegen ins Tobel, zersägten die Stämme in meterlange Stücke, stiessen sie in den Bach und flössten sie ins Tal.

P.S. Der Kanton baute nach der Hochwasserkatastrophe 1977 im Palanggentobel eine 30 Meter hohe Geschieberückhaltesperre und sanierte ab 1987 die alten Sperren in der Schlucht. Im Rahmen des Projekts Hochwasserschutz 2008–2019 wurden im Bereich Seedorf/Attinghausen die Seitendämme erhöht und das Bachbett bei der Mündung in die Reuss verbreitert.

Die «Urner Zeitung» berichtet in der Serie «Unscheinbare Orte in Uri und ihre Geschichten» in loser Folge über Orte im Kanton Uri, hinter denen eine besondere, oft unbekannte und überraschende Geschichte versteckt ist.

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